Es nehme einer mich plötzlich ans Herz
Roman

von Naeem Murr, Claudia Maria Knispel

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Luchterhand
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 12/1999

Geborstene Planeten im All

Mit viel Kalkül und wenig Sprachgefühl heftet sich Naeem Murr in seinem Debütroman an die Fersen eines diabolischen Kindes.
Es gibt bose Kinder, halten wir das vorneweg einmal fest. Bose Kinder haben in aller Regel allerhand Schwierigkeiten hinter sich, vornehmlich mit ihren Eltern, sonst wären sie nicht geworden, was sie sind: nicht so gut wie die anderen. Es gibt, halten wir das auch fest, neben der Liebe und dem Tod kaum etwas, worüber es sich mehr lohnt zu schreiben als über Kinder in ihren Schwierigkeiten mit dem, was die anderen für gut oder bose halten. Wenn man es versucht, sollte man nach Moglichkeit drei Dinge mitbringen: Man sollte eine Ahnung davon haben, wie Kinder fühlen, man sollte einiges von dem kennen, was Kinder denken, und man muß wissen, wie Kinder sprechen.
Die Geschichte, die Naeem Murr in seinem Debütroman mit dem ergreifenden Titel "Es nähme einer mich plotzlich ans Herz" erzählt, geht so: Sean Hennessy mochte zwar Regierungschef werden, schlägt jedoch in einer Mischung aus Edelmut und letzter Identifikation mit seinem alkoholabhängigen Vater die Moglichkeit aus, in Cambridge oder Oxford (natürlich stünde ihm beides offen) zu studieren, und entscheidet sich vorerst für eine Ausbildung zum Sozialarbeiter in Birmingham. Seiner ersten Klientin, Sandra, einer ehemals sexuell mißbrauchten WEEP (wasserstoffblonden East-End-Puppe), erliegt er, obwohl frisch verheiratet und eben erst Vater geworden, prompt und schwängert sie (zumindest hochstwahrscheinlich). Sandra verschwindet vorerst aus seinem Leben, wird sieben Jahre später auf rätselhafte Weise ermordet. Sean begibt sich auf die Suche nach ihrem (seinem?) Sohn, spürt ihn auf und nimmt ihn zusätzlich zu den eigenen beiden Kindern als Pflegekind in seine Familie auf.
Pierce, Tobias, Durward, Devon, Priestly oder wie auch immer sich der Knabe nennt, läßt die Beziehung Seans zu seiner Frau scheitern, treibt Seans lungenkranken Sohn in den ultimativen Asthmaanfall und seine sensible Tochter in den Selbstmord. Er kommt in ein Erziehungsheim, versetzt dort die Gattin des Heimleiters, eine ehemalige Nonne, in Wirrnisse und Wallungen und verschwindet schließlich auf den Londoner Kinderstrich. Angetrieben vom Tagebuch seiner Tochter, nimmt Sean erneut die Spur des Buben auf, nähert sich seinen Unerhortheiten an, ohne freilich die diabolische Ausgefuchstheit des Planes vollig zu durchschauen. Und so schwingt der Leser am Ende mit Sean das Eisentrumm gegen das Hollengeschopf und freut sich, daß die neue Freundin überlebt hat, weil auch der Leibhaftige mit den Grundrechnungsarten manchmal seine Probleme hat.
Das ist an sich schon so üppig, daß einem die Gallensteine in Turbulenzen geraten. Auszuhalten wäre es vielleicht, hätte Naeem Murrs Sprache wenigstens den Anflug einer ernüchternden Potenz. Da wird allerdings fingerdick Speck aufs Schmalzbrot gelegt. Das schmeckt dann so:
"Alle Heime, die er prophylaktisch besichtigt hatte, waren furchtbar deprimierend gewesen, voll von verwirrten alten Menschen, versprengten kleinen Figuren längst aufgeloster Schachspiele, wie Puppen auf Stühle gesetzt und in einen Todesschlaf abgleitend oder gerade noch mit einem Rest Energie ausgestattet, der ihre stumpfen Augen zu Vogelaugen machte; und die uralten Frauen mit bis auf die Knochel heruntergerutschten Kniestrümpfen, die alte Lieder sangen, mit Stimmen so brüchig wie ihre Knochen, und Walzer tanzten und sich so langsam drehten wie Trümmer geborstener Planeten im All."
Da zieht es einem wahrhaftig die Kniestrümpfe runter bis an die Knochel. "Aufhoren!!" mochte man zu Gott flehen, doch mit dem scheint es auch nicht mehr weit her zu sein, denn: " (…) in dem Moment hatte sie erkannt, wie brüchig ihr Gott geworden war. Sean, stark wird etwas immer nur durch Flexibilität. Es war nichts Flüssiges mehr in ihrem Gott. Dieses Kruzifix hatte sich so sprode angefühlt wie alte Knochen."
Die Knochen scheinen es dem Autor überhaupt angetan zu haben. So begegnet der bose Bube der Ex-Nonne auf diese Weise: ",Meine Schwester', sagte er, ,du denkst, ich würde dich vogeln, du Sack voller Knochen.' (...) ,Du bist grotesk, Schwester', sagte er ihr ins Gesicht, und sein Atem roch nach Rauch und Fäule." Mit Grausen sieht man sich einen Sack voller Knochen vogeln und wünscht sich hinweg auf die Trümmer geborstener Planeten im All.

Paulus Hochgatterer in FALTER 12/1999 vom 26.03.1999 (S. 16)


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