Was sie trugen

von Tim O'Brien

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Verlag: Luchterhand
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 15/1999

Gottes eigene Universität

Tim O'Briens Erzählungen "Was sie trugen" sind nur das jüngste Beispiel einer literarischen Auseinandersetzung mit den grausamen Vergnügungen des Vietnamkriegs.

Von den literarischen Verarbeitungen des Vietnamkriegs, die in Amerika erschienen sind, heben sich Tim O'Briens 1990 unter dem Titel "The Things They Carried" (dt: "Was sie trugen") gesammelte Erzählungen insofern ab, als sie nicht nur den Krieg und seine Wirkung auf junge Amerikaner schildern, sondern auch das Erzählen über den Krieg problematisieren: "Grob gesagt, können Sie eine wahre Kriegsgeschichte daran erkennen, daß sie mit kompromißloser Ausschließlichkeit dem Obszönen und Bösen verpflichtet ist." Dieser Satz findet sich in einer Geschichte, in der ein Soldat an die Schwester seines gefallenen Kameraden schreibt, welch wunderbarer Mensch ihr Bruder gewesen sei - "denn er war für jeden Bockmist zu haben, zündete gern Dörfer an und ließ auch sonst öfter mal die Sau raus". Der rührende Nachruf bleibt unbedankt. "Scheiße ej. Da reiße ich mir den Arsch auf und schreibe ihr einen astreinen Brief. Und was passiert? Die blöde Fotze schreibt nicht zurück."

Gut gemeint ist das Gegenteil von gut. Der Krieg erscheint O'Brien als eine Mischung aus Sentimentalität und Grauen: "Du bewunderst die geschmeidige Symmetrie der vorrückenden Truppen, das harmonische Zusammenspiel von Geräuschen, Formen und Proportionen, den bleiernen Kugelhagel, der sich aus dem Hubschrauber ergießt, die Signalraketen, die violett-orange Glut des Napalms, den grellroten Schein der Raketen. Schön anzusehen ist es eigentlich nicht. Es ist zum Staunen. (...) Du haßt es, ja, aber deine Augen hassen es nicht."

Nicht nur die Augen, auch die Erinnerung erweist sich mitunter als moralresistent. Der ehemalige Kriegsberichterstatter Michael Herr berichtet am Ende seiner "Dispatches" (1978) über den britischen Kriegsfotografen Tim Page, der mehrere schwere Verwundungen und eine Schiffsexplosion überlebt hat: "Er begann mehr und mehr über den Krieg zu sprechen, oft den Tränen nahe, wenn er daran dachte, wie glücklich er, wie glücklich wir doch alle dort drüben gewesen waren."

Page war glücklich, andere haben tief geliebt. Thom Jones, ein ehemaliger Marine, schildert in "The Pugilist at Rest" (1993) die Gefühle eines Soldaten im Gefecht: "Ich wußte alles über Gerber, und ich liebte Gerber, hätte mein Leben für Gerber gegeben, alles für Gerber getan, und doch, irgendwie mochte ich ihn überhaupt nicht. Draußen in der Welt hätte ich ihn wahrscheinlich gehaßt. Aber in dieser Nacht, auf dieser Mission, war der Klang seines M-60 das lieblichste Schlummerlied, das ich je gehört habe." Der Krieg hat diese Männer aller Selbstverständlichkeit enthoben. "Du weißt nicht mehr, wo du bist oder warum du da bist", schreibt O'Brien und weiter: "Die einzige Gewißheit ist eine überwältigende Ambiguität."

Vielleicht gelingt es einem Philosophen, ein Stück Eindeutigkeit zurückzugewinnen. Slavoj Zizek (siehe auch Interview auf Seite 13) schreibt in seinem jüngst in der London Review of Books veröffentlichten Artikel "You may!" ("Du darfst!"): "Das militärische Leben ist wohl ebenso sehr von einem Set ungeschriebener obszöner Regeln und Rituale (Verprügeln von angeblichen Homosexuellen, Demütigungen jüngerer Kameraden) wie durch das offizielle Reglement bestimmt. Diese sexualisierte Brutalität unterläuft die Ordnung in den Kasernen nicht, sondern funktioniert als deren direkte libidinöse Unterstützung." Unter dem Reglement der soldatischen Pflicht ist alles erlaubt, was das Gesetz verbietet - sogar das Töten. In den Nacherzählungen jedoch gewinnt die Perspektive des Gesetzes wieder die Oberhand und läßt den Krieg als obszön und böse erscheinen.

Die Unterordnung unter das Reglement markiert O'Briens Eintritt in den Vietnamkrieg. Die Vernunft gebietet ihm, vor der Einberufung nach Kanada zu fliehen, doch im letzten Moment scheut er davor zurück: "Ich konnte hören, wie mich die Leute anschrien. Verräter! schrien sie. Abtrünniger! Feigling! Ich konnte es nicht ertragen. Nicht den Hohn, nicht die Schande, nicht den patriotischen Spott. (...) Ich war ein Feigling. Ich zog in den Krieg."

Diese Entscheidung wird mit einem "guten Gefühl" belohnt, die Pflicht wird zur Erleichterung. O'Brien erzählt: "Manchmal würde ich es am liebsten essen, dieses Vietnam. Dann will ich das ganze Land verschlingen - den Dreck, den Tod -, ich will es essen und in mir haben." Die da spricht, ist eine 17jährige Schülerin aus Cleveland, die von ihrem Freund auf einen Außenposten nach Vietnam geholt worden ist und sich einem Trupp Green Berets anschließt, um sich dem grenzenlosen "Du darfst!" hingeben zu können und zum Beispiel eine Halskette aus Menschenzungen zu tragen. Unter dem Deckmantel der patriotischen Pflicht wird jedem sein "Du darfst!" versprochen - und genau darin besteht, so Zizek, der Mechanismus der "totalitären Demokratie: Pflicht wird zum Vergnügen."

In Vietnam wurde die Pflicht, fürs Vaterland zu sterben, zu einem schrecklichen Vergnügen für die amerikanischen Soldaten. Sofern sie auch Autoren waren, erinnern sie sich in ihren Büchern an diese greulich-glorreichen Tage des "Du darfst!". Vietnam war ihr Campus, und jener kanadische Arzt aus Tobias Wolffs Erzählungen "In Pharaoh's Army" (1994), der sich freiwillig nach Vietnam gemeldet hatte, weil er hier genügend Arbeitsmaterial für seine Ausbildung zum Chirurgen vorfand, war ihr Professor: "Ohne Krieg würden wir uns immer noch in diesen abgefuckten Bäumen herumschwingen. Er ist Gottes eigene Universität, und wer anderes behauptet, ist eine selbstbetrügerische Schwuchtel."

Christian Zillner in FALTER 15/1999 vom 16.04.1999 (S. 72)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

The Pugilist at Rest (Thom Jones)
Dispatches (Michael Herr)

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