Autor in Gesellschaft
Aufsätze und Reden

von Ernst Jandl

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Verlag: Luchterhand
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Lyrik, Dramatik
Umfang: 360 Seiten
Erscheinungsdatum: 17.02.1999

Rezension aus FALTER 26/1999

Einübung zur Widerrede

Ein neuer Band der Gesamtausgabe von Ernst Jandls Werken zeigt nicht nur, wie der Dichter seine Gedichte theoretisch verankerte, sondern auch, wie ihm die Theorie allmählich ausging.

Ernst Jandl ist ein österreichisches Rezeptionswunder. Welcher österreichische Autor von Bedeutung wird hier schon von allen geliebt? Von den Kindern (ottos mops), den Lehrern (ottos mops), dem Lesevolk (das zu seinen Auftritten strömt), dem Staat (der ihn mit allen seinen Preisen bedachte) und den Dichterkollegen (die die Kollegenbeschimpfung zu einer spezifisch österreichischen Literaturgattung gezüchtet haben und Jandl davon ausnehmen, obwohl er Erfolg hat).

Sieht man einmal davon ab, daß in Österreich Selbstverletzungsfreuden ein wichtiger Quell von Liebe sind, so spielt für Jandls Rezeptionserfolg sicher eine Rolle, daß er in seinem Avantgardismus poetologisch nie so strammstand wie viele seiner Kollegen aus der konkreten Poesie, sondern das Experiment immer zu einem sinnlichen, später zunehmend zu einem existentiellen Erlebnis gestaltete.

Der Band, der jetzt als elfter zu den zehn Luchterhand-Jandl-Bänden hinzugekommen ist, zeigt nicht nur, wie Jandl seine Gedichte theoretisch verankert, sondern auch, wie ihm für seine Gedichte die Theorie allmählich ausging. Grob gesagt enden die theoretischen Mitteilungen Jandls mit Beginn der achtziger Jahre; was dann im Band folgt, sind hauptsächlich gewissenhaft zärtliche Lobreden für Kollegen.

Kernstücke von Jandls Poetologie sind die meisterlichen "Mitteilungen aus der literarischen Praxis", drei Vorträge an der Uni Wien 1974 und seine "Frankfurter Poetik-Vorlesungen" von 1984. Jandls Rechtfertigung der konkreten Ansätze am akustischen und optischen Material der Sprache präsentiert sich an der Oberfläche als die optimistische Botschaft von der immerwährenden Innovation, der Poesie als Einübung ins Ungewohnte. Darunter zeigt sich bald die tiefe kulturelle Frustration durch eine Sprache, die angesichts ihres historischen Mißbrauchs poetisch unbrauchbar geworden ist.

Das Versagen all unserer Humanprogramme - vom Christentum bis zum Sozialismus - vor Hitler und Holocaust desavouiert gründlich auch eine Sprache, die dieser ohnmächtigen Kultur ihre Ordnung, Schönheit und Sinnhaftigkeit geliehen hat. Jandls "fröhliches" Experiment der Spracherneuerung wird sich später immer mehr als bitterer Anti-Humanismus herausstellen, der der Sprache ihren Kulturschmelz wütend verweigert oder versaut. 1969 hatte er die Dichtkunst als "fortwährende Realisation von Freiheit" verkündet; 20 Jahre später lautet eine Gedichtzeile in "Idyllen" programmatisch: "ich bin frei und mir ist schlecht."

Von heute aus gesehen wirken Jandls Experimente wie beinahe enthusiastische Versuche, den angelagerten poetischen Schutt aus dem Weg zu baggern, um freien Ausblick und neue Bewegungsmöglichkeit zu schaffen. Dafür mußte die Sprache auf ihr poesie- und schließlich bedeutungsfreies Material hin auseinandergenommen werden. Rückblickend könnte man Jandl unterstellen, wofür er geübt hat: Sich mit verschiedenen Verfahren (Lautgedicht, visuelles Gedicht, "heruntergekommene Sprache", Dialekt) die Werkzeuge zu schaffen und zu schärfen für ein Widerreden schlechthin.

Wenn der Sprachbrei der Politiker, der Medien und vieler Dichterkollegen das eine Reden ist, so sind Jandls Gedichte das ganz andere Reden, eine umfassende Erklärung des Nicht-Einverständnisses schon von Sprache und Form her. Und wo seine Poesie eingeholt wird vom traditionellen poetischen Themenrepertoire (Liebe, Alter, Tod), dort gestaltet er es unter Verweigerung des traditionellen poetischen Formenrepertoires.

Helmut Gollner in FALTER 26/1999 vom 02.07.1999 (S. 69)


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