Ein rundherum tolles Land
Erinnerungen

von Frank McCourt, Claudia Maria Knispel

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Luchterhand
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

Was bisher geschah: Frank McCourt, ein pensionierter High-School-Lehrer aus New York, schreibt ein Buch über seine bitterarme Kindheit in Irland: "Die Asche meiner Mutter". Der Verkaufserfolg übertrifft alle Erwartungen: Weltweit gehen mehr als fünf Millionen Exemplare über den Ladentisch; davon allein in Deutschland über eine Million Stück. 1997 wird er dafür mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, die Filmrechte sichert sich Paramount für eine Million Dollar. Frank McCourt hat finanziell ausgesorgt.
Auftritt der zweiten Hauptfigur Malachy McCourt. Beruf: jüngerer Bruder von Bestseller-Autor Frank. Ein "unerschrockener Agent, für den Midas kein Fremdwort ist" (Malachy McCourt in der Danksagung seines Buches über seinen literarischen Entdecker), wittert seine Chance und kann Malachy ohne viel Überredungskunst für ein zweites McCourt-Erinnerungsbuch gewinnen. "Wir werden Malachy kriegen, solange du heiß bist", bekommt der verdutzte Frank zu hören, der sich im Spätsommer 1997 im Falter-Interview auch einigermaßen echauffiert zeigt über die unerwartete Schriftstellerkarriere seines jüngeren Bruders: "So ist das Verlagsgeschäft. Verrückt. Man fragt sich: Wie wählen sie Autoren aus? Die haben kein einziges Wort gesehen, das er geschrieben hat. Wie also wissen sie, dass er ein Schriftsteller ist? Nun, er schreibt es eben, und sie werden es umschreiben und herausbringen. Es ist wie mit diesen Kino-Stars und Sportlern, die Bücher mit Hilfe eines Ghostwriters schreiben."
Malachy McCourt dankt in seinem Buch einem Herrn Howard Mittelmark hingebungsvoll dafür, dass er "sich das Chaos vorknöpfte und in Ordnung brachte".
Nach einem kurzen Prolog über brüderlichen Traumdiebstahl – der aufmerksame Leser weiß nun, wie das gemeint sein könnte – beginnt der zweite Teil der irischen Erinnerungen von Frank McCourt genau dort, wo der erste geendet hatte: mit der Ankunft des neunzehnjährigen Frank im gelobten Land Amerika. Der Leser nimmt daran teil, wie sich dessen Anfangseuphorie verflüchtigt und leidet mit ihm an seinem unvorteilhaften Äußeren: Pickelige Haut, permanent entzündete Augen, die an "zwei Pisslöcher im Schnee" erinnern, und ein ebenfalls eher unansehnlicher Zahnrestbestand (und das in Amerika!) wirken auf den scheuen Einwanderer nicht gerade stimulierend, was soziale Kontaktaufnahme anbelangt.
Doch er kämpft, er bemüht sich, der kleine Frank, und so geht es während der folgenden knapp 500 Seiten im Großen und Ganzen eigentlich stetig aufwärts. Nach etlichen Jahren der Plackerei als Hilfsarbeiter gelingt es ihm, an der New York University englische Literatur studieren zu können; nach dem Abschluß unterrichtet er dann an einer Berufsschule, und einige Jahre später hat er es dann endgültig geschafft: Frank McCourt unterrichtet Kreatives Schreiben an der renommierten New Yorker Stuyvesant High School.
Doch ganz so glatt, wie es in dieser Zusammenfassung klingt, geht sein beruflicher und sozialer Aufstieg natürlich nicht vonstatten, und – keine Angst – natürlich wird auch im neuen McCourt ausreichend gelitten, geweint und getrauert und selbiges auch mit der gewohnten Mischung aus Witz, Lakonik und Distanziertheit geschildert. Obwohl: "Ein rundherum tolles Land" erreicht die Dichte und Homogenität seines Vorgängers nicht ganz, und ironischerweise sind in McCourts Beschreibungen seines Werdeganges in Amerika jene Stellen am bewegendsten, in denen er seine vereinzelten Besuche in Limerick, der Stätte seiner Kindheit, beschreibt, wobei es augenscheinlich wird, in welchem Ausmaß jene Jahre des Hungers und der Armut wohl in der Tat der unabdingbare Nährboden für seine späteren schriftstellerischen Glanzleistungen gewesen sind.Nun zu Malachy. Stetigkeit, wie sie beim Lebenslauf seines älteren Bruders zu beobachten ist, ist seine Sache nicht, und auch nicht Dinge wie Mühsal, Trauer und Unsicherheit, mit denen sich der arme Frank sein Leben lang herumschlagen musste. Malachy sieht die Dinge positiv. "Ich war fit, gesund und jung, und vor mir breitete sich ein weites Panorama von Lust und Leben aus", schreibt er (bzw. Mr. Mittelmark) über seine euphorischen Gefühle kurz nach seiner Ankunft in Amerika. Malachy liebt zwei Dinge ganz besonders: Frauen (ihren "Duft, die bebenden, blühenden, berstenden Brüste") und Alkohol.
Er eröffnet mit zwei Freunden eine nach ihm benannte Bar, in der einige Zeit sogar ziemlich etwas los gewesen sein muss: Stolz erzählt er etwa von Gästen wie Peter O'Toole, Richard Burton oder Grace Kelly. Lange währte diese aufregende Zeit aber nicht, und so treffen wir ihn im vorletzten Kapitel des Buches als vollgesoffenen Goldschmuggler in Indien an, ständig damit beschäftigt, seinen "Kolben zu ölen" und "die irisch-indische Freundschaft zu vertiefen". Harhar!
Obwohl Malachy McCourt in seinen Erinnerungen das Klischee des penetrationsfixierten irischen Alkoholikers wirklich aufs Äußerste strapaziert, wecken gerade diese grellbunten und amateurhaft gemalten Bilder aufgrund ihrer Fehlerhaftigkeit und leicht durchschaubaren Unehrlichkeit auch eine gewisse Sympathie für den Autor. Ein literarischer Höhenflug ist "Der Junge aus Limerick" natürlich kaum, trotzdem ist die recht einfach gezimmerte Biografie des kleinen Schriftstellerbruders nicht gänzlich ohne Unterhaltungswert.

Stefan Ender in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 9)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Der Junge aus Limerick (Malachy McCourt, Gunilla Knape)

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