aus dem wirklichen leben
Gedichte und Prosa. Auswahl und Nachwort von Klaus Siblewski

von Ernst Jandl

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Luchterhand
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

Ernst Jandls Prosa und Gedichte sind voll von deprimierender Autobiografie. Luchterhand legt einen Auswahlband vor, der das Katastrophenpotenzial der Texte nur halbherzig sammelt.

Ich lebe mit mir allein, ich schreibe immer noch, und ich hasse mich." Mit dieser Klarstellung beschließt Ernst Jandl eine "biographische notiz" von 1978. Etwa ab der Mitte der Siebzigerjahre tut Jandl die Existenz so weh, dass sie immer unabweisbarer in seine Texte eindringt.
1966 hatte er eine szenische Textcollage (vor allem aus Lautgedichten des Bandes "Laut und Luise", Musik von Ernst Kölz) "szenen aus dem wirklichen leben" betitelt. Der vorliegende Auswahlband heißt wieder "aus dem wirklichen leben". Aber wenn der Titel 1966 auf die (relativ) autonome Wirklichkeit der Sprache anspielte, wie sie die "konkrete Poesie" ausweisen und herstellen wollte, meint der Titel 1999 umstandslos die Biografie des Autors.
Es ist eine gute Idee, in einer neuen Auswahl klarstellen zu wollen, wie
viel niederschmetternde Autobiografie Jandls Werk ganz konkret enthält, wird Jandl doch immer noch als Spaßvogel unserer Sprache, als lustiger Experimentierer weitergereicht. Er war es im Grunde nie, insoferne sich seine Experimentierfreude schon früh aus den Sprengkräften eines existenziellen Nicht-Einverständnisses gespeist hat.
In der Klarheit von 1977: Der "beschissene kopf" wird zu den Schreibhänden "hinunterspucken, alphabetische klümpchen, lexikalischen schleim, und an jedem solchen dreck wird ganz klein ein blutiges sein, eine rote spur von dem dreckigen ich, dieses schändliche stümperwerk, auf dessen ausräumung und beförderung in den müll er sein leben lang wartet" ("kleinere ansprache an ein größeres publikum").

Der neue Band holt sich seine Texte aus nahezu allen Jandl-Bänden (von "andere augen", 1956, bis "peter und die kuh", 1996). Er gruppiert sie thematisch und macht damit manche Informationen leichter oder neu lesbar (Mutter, Erziehung, Krieg und Faschismus, Friederike Mayröcker, Einsamkeit, Tod …).
Aber das ganze Ausmaß der Katastrophe zeigt er nicht. Unterrepräsentiert ist der Misston; das ratternde, knirschende, zischende Lautwerden einer dissonanten Verfassung. Wo sind die vielen schonungslos autoaggressiven Gedichte über seinen Körper, das peinigendste, handgreiflichste Erfahrungsfeld der Selbstentfremdung Jandls und zugleich die Gelegenheit zum wütendsten Dementi alles Geistigen? Wo die ganze Widerwärtigkeit des Alterns und seiner Schrumpfsexualität, der Sadismus mancher "stanzen", die obszönen Blasphemien gegen (die geliebte) Mutter und gegen (den ersehnten?) Gott? Wo die Beispiele, in denen der Stand der Verzweiflung die Beschwichtigung durch die Form nicht mehr duldet, Gedichte strukturell "verstimmt" oder "verkutzt" sind (wie in "peter und die kuh")?
Der Band liefert, immer noch erschreckend genug, eine Schonversion des schonungslosen Ernst Jandl und verbirgt dabei das volle Ausmaß seiner Radikalität. Außerdem tritt der Band sein Thema etwas in die Breite: Wenn er die scharfe Autobiografie bis zu Gedichten wie "ottos mops" oder "die tassen" dehnt.

Helmut Gollner in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 14)


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