Ein Mann von vierzig Jahren

von Matthias Politycki

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Verlag: Luchterhand
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 12/2000

Matthias Politycki führt seinen Helden aus dem "Weiberroman" in die unmittelbare Gegenwart."Ein Mann von vierzig Jahren" berichtet von der Liebe in der Postmoderne zwischen iMac und lustigen Designer-Lampen.
Es gibt viele Romane, in denen nicht gevögelt wird. Aber so nicht gevögelt wie in Matthias Polityckis jüngstem Roman wird selten. Nicht dass in "Ein Mann von vierzig Jahren" überhaupt nicht gevögelt würde - immerhin ist die Seite 318 vollständig eingeschwärzt, und man kann füglich davon ausgehen, dass es zwischen Gregor Schattschneider und Marietta Beinhofer nun endlich doch noch körperlich zur Sache gegangen ist, aber, mein Gott, 318 Seiten (zuzüglich eines umfangreichen Fußnoten-Apparates) sind doch ein breiter Weg. Vor allem wenn gleich auf der ersten Seite eine gewisse Mascha dem Helden ihr linkes Bein über die Schulter legt und reichlich von Lippen, Wölbungen oder "bronzebraun schimmernden Kniekehlen" zu lesen ist. Mag schon sein, dass es pubertär ist, da immer gleich ans Immer-nur-eine zu denken, aber wie bemerkt Mascha eingangs so richtig gegenüber Gregor: "Kein Grund zur Panik, Grischa, die Pubertät hört bei euch Männern ja nicht mal mit vierzig wirklich auf."
Mascha, eine kasachische Ex-Kunstturnerin, ist kein "Animiermädchen im eigentlichen Sinne" (eigentlich studiert sie Medizin), und sie ist eigentlich auch nicht Gregors Freundin, auch wenn das kleine blaue G, das sie sich über den Knöchel hat tätowieren lassen, zweifelsfrei mit "Grischa, ich liebe dich, los, du Blödmann, lass uns endlich sieben Kinder kriegen" übersetzt werden muss. Von der konventionellen Art, Kinder zu zeugen, kann jedoch - wie gesagt - kaum die Rede sein, weil Mascha "immer sehr zügig einschlief". Greogor jedenfalls scheint das weit weniger zu irritieren als das Auftauchen eines Bombensymbols auf dem Bildschirm seines frisch erstandenen iMac.
Wir sehen: Gregor Schattschneider, dessen von der einen oder anderen Frau gekreuzten Weg durch die Jahrzehnte Matthias Politycki schon im "Weiberroman" von 1997 verfolgte, ist mittlerweile in den Neunzigern angelangt und hat sich neuen Herausforderungen wie Surfen, Joggen und Anzugkauf zu stellen. Die größte Herausforderung ist freilich Marietta, Gattin von Gregors Freund aus alten Tagen Eckart Beinhofer, der - wie schon beim "Weiberroman" - auch im Falle der jüngsten literarischen schattschneiderschen Hinterlassenschaft seine Finger mit im Spiel hat. Marietta hat einen zweijährigen Sohn, ein Aupairmädchen, eine Haushälterin, eine Stadtwohnung für ihren Mann und eine Stimme, die am Telefon so klingt, als würde sie eine Brille tragen. Tatsächlich trägt sie Ohrclips, die sie ständig abstreift, um sie dann ab und an in die Gläser männlicher Gäste plumpsen zu lassen, und ist von einem blaugraugrünen Geruch umgeben, der Gregor - so wie alles andere an Marietta - irritiert. Die Schnüffelleidenschaft (Stichwort: Eigensocke!) kennen wir ja schon aus dem "Weiberroman"; und die Eifersucht auf den Rest der männlichen Weltbevölkerung, der sich "eine fürchterlich taktile Frau" wie Marietta zuwendet - am Arm lehnend, Krawattenknoten nachziehend, ans Revers greifend -, kennen wir aus dem richtigen Leben.
Mangel an so genannter Realitätshaltigkeit lässt sich dem "Mann von vierzig Jahren" gewiss nicht vorwerfen. Wie schon im Vorläufer betätigt sich Politycki als Archäologe der mittlerweile in der unmittelbaren Gegenwart angelangten Alltagskultur; legt die zeitgemäßen CDs auf, schenkt zeitgeistige Getränke ("Orgasmus") aus und lässt uns mitunter auch börsenmäßig per Handy (fast) auf der Höhe der Zeit sein. Alles ist reich mit Details ausstaffiert, und wer sich die Mühe antun will, mag auf die insgesamt 290 Fußnoten zurückgreifen, in denen Schattschneiders alte Wien-Bekanntschaft Leopold "Poldi" Wegsteiner das eine oder andere "Faktum" akribisch, wenn auch durchaus hinterfotzig kommentiert.
Wer mit diesem (anti)akademischen Humor und dem akademischen Milieu nicht so gut bedient ist, dem hat der Autor aber auch noch Deftigeres zu bieten. Das sind - neben Mascha und dem Stripper-Milieu - vor allem Schattschneiders Nachbarn: der Hundsnurscher und sein fetter Dackel Saubazi sowie Horsti und Ingo, ein trinkfestes, bodenständig bajuwarisches Homo-Paar, das den Verdacht, Schwule hätten irgendwie anderen, vor allem aber mehr Sex, auf lautstarke Weise bestätigt.
Ansonsten sind die lauten Töne Polityckis Sache nicht. Alles ist zu einer milden Ironie herabgedimmt, in deren Lichte die mäßig ereignisreiche schattschneidersche Existenz vor uns ausgebreitet wird. Die emotionale Amplitude bleibt gering, jeder Ausschlag, der das gefällig plätschernde Parlando unterbrechen könnte, wird vermieden. Die Gefühle scheinen mit dem in irgendeiner undefinierbaren Unfarbe gehaltenen Anzug abgestimmt zu sein. Männer ab vierzig werden also weder richtig wütend noch richtig verzweifelt, noch richtig geil ... Eine Aussicht, die einen schon etwas trübsinnig stimmen kann.

Klaus Nüchtern in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 18)


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