Haus der Kindheit
Roman

von Anna Mitgutsch

€ 21,00
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Verlag: Luchterhand
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 336 Seiten
Erscheinungsdatum: 21.02.2000

Rezension aus FALTER 8/2000

Der neue Exilroman "Haus der Kindheit" von Anna Mitgutsch vermag den alten Themen "Erinnerung", "Exil" und "Unbehaustheit" keine neuen Facetten abzugewinnen.
Ein guter erster Satz ist noch keine ästhetische Kategorie, er sagt noch nichts aus über die Qualität eines Romans", heißt es in den "Grazer Poetikvorlesungen", die Anna Mitgutsch im Wintersemester 1998/99 gehalten hat. Dort präsentiert sie vier Einstiegsvarianten in ihr aktuelles Romanprojekt, das unter dem Titel "Haus der Kindheit" nun vorliegt.
"Das Foto stand auf der Kommode, solange Max sich zurückerinnerte. Es machte jede neue Wohnung zu einem weiteren Ort des Exils. (...) Von seiner Mutter hatte Max gelernt, dass die Erinnerungen das Einzige waren, was einem nicht verloren gehen konnte. Man durfte sie nicht ziehen lassen, wie die Schiffe, die sie als Kinder gebannt beobachtet hatten, wenn sie über den fernen Rand des Atlantik kippten und verschwanden."
Sätze von ähnlicher Bildkraft und Dichte gelingen Mitgutsch auf den folgenden330 Seiten nur noch selten, und im Laufe der Lektüre drängt sich die oben zitierte Einschränkung aus den "Grazer Poetikvorlesungen" immer wieder auf: Ein gelungener Beginn verbürgt mitnichten die Qualität des ganzen Werks. Die Lebensgeschichte des Emigrantenkindes Max Berman, das spät den Traum der Mutter verwirklicht und das von den Nationalsozialisten enteignete Haus in der österreichischen Provinz zurückerobert, liest sich bisweilen wie eine Biografie - mit all jenen Mängeln, die mit dieser Form so oft einhergehen: den zufälligen, für den Fortgang des Geschehens nicht notwendigen Episoden, den Wiederholungen und ermüdenden Längen. Zu viele Figuren bevölkern die dahinplätschernde Geschichte, der Straffung und Organisation auf ihr Thema hin fehlen. Die Gestalt des erfolgreichen New Yorker Inneneinrichters und Bonvivants Berman, der seine Frauengeschichten, gelangweilt, ebenso rasch wie unbarmherzig abzubrechen pflegt, vermag das Interesse des Lesers nicht zu wecken, denn die verträumte und bisweilen oberflächlich wirkende Existenz Bermans bleibt unausgelotet. So entwickelt "Haus der Kindheit" auch nicht annähernd den Sog von Mitgutschs ersten Romanen wie "Die Züchtigung" oder "Das fremde Gesicht", aber auch nichts, was der Stimmung von Melancholie und Gefährdung vergleichbar wäre, von der ihr letzter Roman, "Abschied von Jerusalem", getragen war.
Einzig die Kindheit Bermans in Brooklyn und der Bronx - dominiert von dem Wunsch des Buben, der Mutter das verlorene Glück zurückzubringen, das sich im fernen Haus der Kindheit verkörpert - bleibt nach der Lektüre mehr als ein Schemen. Auch der literarisch weitgehend abgesteckten Landkarte von Exil und Erinnerung vermag "Haus der Kindheit" keine neuen Facetten abzugewinnen. Die Heimkehr des über 50-Jährigen nach H. gerät - man ahnte es schon - nicht zum Triumph, den er anstelle seiner Mutter auskosten wollte, denn die Vergangenheit lässt sich nicht ungeschehen machen. Max Berman bleibt ein Fremder im Land der Täter, allein in der kleinen jüdischen Gemeinde von H. findet er so etwas wie Zugehörigkeit. Fremd fühlt sich auch die zweite Hauptfigur des Romans, Nadja, eine Christin, die glaubt, Jüdin zu sein, und die in der Gemeinde vergeblich nach der Geborgenheit sucht, die ihr das Elternhaus vorenthalten hat. Max hatte sie als junges Mädchen gefördert - und als Geliebte schnell wieder fallen gelassen. Als sie sich gegen Ende des Romans wieder näher kommen, weiß Nadja, dass die Liebesbedürftigkeit des einsamen alten Mannes ihre unerfüllte Liebe zu Max nicht wieder gutmachen kann. Am Ende steht die traurige Gestalt des Siebzigjährigen, der nach New York zurückkehrt, nachdem ihm die Erkenntnis zuteil wurde, "dass das Leben eine Täuschung sei, bei der man betrogen wurde und betrog". Ein bisschen wenig.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 8/2000 vom 25.02.2000 (S. 71)


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