Schweigen

von Joshua Sobol, Markus Lembke

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Verlag: Luchterhand
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

Der 62-jährige Dramatiker Joshua Sobol hat mit "Schweigen" ein überwältigendes Romandebüt über das Judentum im 20. Jahrhundert vorgelegt.

Joshua Sobol war in den Achtzigerjahren ein berühmter Mann: Seine Theaterstücke "Weiningers Nacht" und "Ghetto" wurden damals auf so ziemlich allen Bühnen von Bedeutung gespielt. Dann geriet er, zumindest im deutschsprachigen Raum, in Vergessenheit – um nun, mit 62 Jahren, als Romancier zu debütieren, und zwar mit einem Debüt, das seinesgleichen sucht. "Schweigen" ist ein Roman von solcher Perfektion und Überzeugungskraft, wie er normalerweise nur Autoren mit großer Erfahrung als Erzähler gelingt. Das Debüt als Beginn des Spätwerks: oder umgekehrt? Worum geht es? Der Erzähler, ein Israeli um die achtzig, blickt auf sein Leben zurück. Ein ganz normales Leben, so suggeriert sein Ton, wenn man einmal davon absieht, dass er seit seiner Beschneidung beharrlich schweigt. Stumm erlebte er seine Kindheit in den frühen Jahren des Staates Israel, stumm mogelte er sich durch die Schule. Seine Stummheit empfahl ihn als Sekretär eines Schriftstellers, der ihm einen monumentalen Roman diktierte. Dass er nicht redete, gefiel so mancher Frau, die einen Mann suchte, der zuhörte, trieb aber freilich seine Eltern und eine ganze Legion von Ärzten in die Verzweiflung, da sie sich nicht erklären konnten, warum der Bub partout nicht redete. Warum dieses Schweigen? In der Literatur geht es ja oft genug um seltsame Zufälle und Koinzidenzen, in diesem Fall um die Tatsache, dass der Tag der Beschneidung und des Verstummens mit dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs zusammenfiel. (Die Parallelen zu Grass' "Blechtrommel" sind da überdeutlich.) Das Kind hatte also eine gewisse Ahnung, dass sich von nun an die Katastrophe des jüdischen Volkes beschleunigen und in bislang unvorstellbare Dimensionen steigern sollte. Es überlebte, aber es nahm am Leben insofern nur noch passiv teil, als es sich damit begnügte, zu lesen, zuzuhören – und am Ende alles aufzuschreiben. Die Familie war aus Osteuropa nach Palästina ausgewandert und dort durch Obstbau zu ordentlichem Wohlstand gekommen; eine riesige Sippe mit nicht immer einfachen Verwandtschaftsverhältnissen, klangvollen Spitznamen und einem unerschöpflichen Schatz von Anekdoten, über deren korrekte Version sich bei jeder größeren Familienfeier wunderbar streiten ließ. Es sind dramatische Jahre in Palästina, aus Europa kommen die grauenvollen Berichte von der Ermordung der Juden, immer wieder gibt es Konflikte mit der britischen Mandatarmacht, immer mehr Flüchtlinge und Überlebende drängen aus Europa ins Land. Nach der Staatsgründung entflammt der Konflikt mit den Arabern, gleichzeitig verwandelt sich Israel in eine moderne Gesellschaft, die westlichste im Osten. Die Biografie des Erzählers muss mit der Geschichte Israels und des Judentums im 20. Jahrhundert mithalten – wen wunderts, dass es ihm da buchstäblich die Sprache verschlägt? Sein Schweigen löst sich auf in seinen niedergeschriebenen Erinnerungen, einem atemlosen Sermon, einer Suada, die sich nur wenige Absätze zum Atemholen gönnt. Der Erzählfaden droht immer wieder in Abschweifungen verloren zu gehen, man muss dieses Buch in wenigen großen Zügen lesen, sonst verliert man die Orientierung. Oberflächlich betrachtet, erinnert solches Erzählen an Thomas Bernhard, doch der wollte bekanntlich jede Geschichte schon im Keim ersticken. Sobol nutzt diesen Duktus gerade für das Gegenteil: für eine manchmal schier verzweifelte Beschwörung der Vergangenheit in allen Details, von der kleinen Echse im Obstgarten bis zu den großen Katastrophen der Weltpolitik, von Gerüchen, Temperaturen, Klängen, Beleuchtungen. Sein Erzählgestus zeichnet den verzweifelten Versuch eines alten Mannes nach, diese vielen Erinnerungsfetzen in der Sprache zu ordnen – obwohl er genau weiß, dass dieser Versuch zum Scheitern verurteilt ist. Vielleicht macht dieser Widerspruch die ungeheure sinnliche Präsenz des Romans aus – man muss den Übersetzer loben, auch wenn man seine Arbeit nicht mit dem Original vergleichen kann. Biografie, Familie, Politik,Geschichte und Sprache: ein ganz seltener Glücksfall, wenn sich dieses heterogene Material in einem Roman vollkommen schlüssig auflöst. In der Erinnerung steht er wie ein Solitär neben den vielen anderen Erzählungen über das Schicksal Israels und der Juden. Und am Ende bleibt nur das große Erstaunen, warum wir auf dieses Debüt so lange warten mussten.

Tobias Heyl in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 16)


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