Mitgift

von Ulrike Draesner

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Verlag: Luchterhand
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 35/2002

Ulrike Draesner greift in ihrem Roman "Mitgift" auf die aktuellen Debatten um die Konstruktion von Geschlechter-Identitäten zurück.

Mitgift - das war schon immer ein seltsames Wort. Nichts gegen die Großzügigkeit der Familie, die folgende Generation mit einem Startkapital auszustatten, sei es mehr oder weniger materieller Natur. Aber es klingt eben immer auch das "Gift" mit, die unüberhörbare Drohung, dass jedes noch so junge Glück durch seine familiären Wurzeln mit einem Fluch, mit einer Neurose oder anderem Übel kontaminiert sei.

Ulrike Draesner hat nun einen Roman geschrieben, der von der bedrohlichen Doppeldeutigkeit der Mitgift lebt. Kaum eine Variante der Liebe, aber auch kaum eine Form der Erniedrigung, wie sie in einer Kleinfamilie vorkommen kann, hat sie ausgelassen. Das erzählerische Zentrum bildet Aloe, Ende zwanzig, Kunsthistorikerin mit besten Karriereaussichten, verliebt in Lukas, Astrophysiker. Kein besonders spektakuläres Paar, sieht man davon ab, dass die beiden beruflich penetrant erfolgreich sind. Umso spektakulärer Aloes Schwester Anita, ein intersexueller Mann, von den Eltern schon in frühen Jahren zu unzähligen Operationen dazu gezwungen, ein Mädchen zu werden. Und sie wurde ein Mädchen, und zwar auf sensationelle Weise so apart, dass sie als Model ihr Geld fürs Studium verdienen konnte. Nicht nur damit weckte sie Aloes Eifersucht: Anita verkörpert den Beweis aller Gender-Theorien, nach denen das Geschlecht nicht so sehr als Ergebnis einer biologischen Festlegung, sondern vielmehr als Resultat sozialer Prägungen zu verstehen sei.

Diese Behauptungen sind zwar nicht mehr besonders neu, aber gerade heute interessant, weil die zeitgenössische Modefotografie besonders gern androgyne Models in Szene setzt: Sie verkörpern die Möglichkeit, nicht nur das Geschlecht des Partners, sondern auch das eigene zu wählen. Im Kern ist es - neben der Schönheit - diese Freiheit, die Aloe ihrer Schwester neidet. Auch sie will nun ihren Körper nach eigenem Willen gestalten, was Magersucht und eine Lebenskrise zur Folge hat, unter deren Druck mit der Zeit die Beziehung zu Lukas (beinahe) zerbricht - ganz zu schweigen vom immer dramatischeren Verhältnis zu ihren Eltern und zu Anita, die mittlerweile Mutter geworden ist ...

An dieser Stelle dürfte klar klar geworden sein, dass sich Draesners Mitgift nicht für eine minutiöse Nacherzählung im Rahmen einer Rezension eignet. Hoffentlich ist aber auch klar geworden, wie dieser Roman sich eine Enzyklopädie aller erotischer und familiärer Spielarten der Liebe erarbeitet: Die Eltern, liebevoll verklemmt, wollen für die Tochter nur das beste, ein eindeutiges Geschlecht nämlich. Aloe sehnt sich nach einem Kind. Lukas will Spaß im Bett. Anita genießt es, ihre Umgebung erotisch zu verwirren. Am Rande des Geschehens tummeln sich ein paar junge Astrophysiker, die vor den Verwirrungen der Liebe an den Computer flüchten. Man könnte diese Liste endlos fortsetzen.



Ulrike Draesner steht nicht ganz zufällig im Ruf einer enorm gebildeten und belesenen Autorin. Wenn Aloe den Überblick über ihr Liebesdurcheinander verliert, konsultiert sie Foucault und Judith Butler, wie andere Frauen in solchen Lagen Ratgeber der etwas schlichteren Machart befragen mögen. Warum nicht? Vermutlich kann kein Autor dieser Welt über so komplexe Konstellationen der Liebe schreiben, ohne auf diesen Theoriebestand zurückzugreifen. Und es ist sicher kein Zufall, dass Draesners Roman gerade dort besonders überzeugend ist, wo außerordentlich präzise Analysen in einer höchst anschaulichen Sprache aufgehen: In der Schilderung von Aloes Magersucht etwa oder im Protokoll der familiären Konflikte, die durch Anitas Intersexualität ausgelöst werden.

Es könnte sein, dass solch extreme Seelenzustände mit den traditionellen Mitteln der literarischen Erfindung, mit Erfahrung und Phantasie, überhaupt nicht einzuholen sind. Dass der eigentliche Plot mitsamt seinem forcierten Finale, das hier nicht verraten sei, unter dem Druck der intellektuellen Konstruktion leidet, lässt sich kaum bestreiten. Andererseits: "Kennt eine Welt, deren Bewohner sich daran machen, sogar ihren personalen Kern nach den Maßstäben der Perfektion zu konstruieren, überhaupt noch Zufälle und Überraschungen?"

Tobias Heyl in FALTER 35/2002 vom 30.08.2002 (S. 53)


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