Persona

von Bettina Galvagni

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Verlag: Luchterhand
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

Bettina Galvagni und Zoë Jenny, zwei der besonders stillen Stars unter den empfindsamen Jungliteratinnen, lassen auch in ihren jüngsten Büchern lieben & leiden.

Fast scheint es, als ob die Empfindsamkeit in die deutschsprachige Gegenwartsliteratur zurückgekehrt wäre. Wobei Bücher wie jene der 1974 in Basel geborenen Zoë Jenny oder der 1976 in Südtirol geborenen Bettina Galvagni in manchem an die Doppelbedeutung des Begriffs Empfindsamkeit erinnern - als "moralische" Liebe, in die vieles eingehen kann, und als die Fähigkeit zur intensiven sinnlichen Wahrnehmung. Das Rückzugsgebiet der Empfindsamen sind imaginäre Welten. Das Ersatzleben in Büchern, in Briefen und Tagebüchern wird zum eigentlichen Leben: "Ich möchte nie außerhalb eines Buches leben", bekennt Galvagnis Hauptfigur Lori in "Persona".

Die jungen Frauen, die im Zentrum auch der neuen Bücher stehen, sind körperlich zarte Wesen, deren Glücksempfinden ständig bedroht ist: entweder - wie bei Galvagni - von innen, von einem Unglücksdruck, der sie aber auch wieder stark macht; oder von außen - wie bei Jenny -, in deren Roman eine empfindsame Liebe an den gesellschaftlichen Verhärtungen zerbricht.

Ein unsterbliches Modell hierfür ist jenes von Romeo und Julia, die bei Jenny im Jahre 2002 wieder einmal nicht beieinander bleiben können. Sie ist die Tochter türkischer Aufsteiger, er ist Deutscher und sieht sich gegen seinen Willen in eine Gruppe rechtsradikaler Jugendlicher hineingezogen. Schauplatz ist Berlin. Die Romankonstruktion will es, dass Ayse gerade in jenem Ostberliner Haus und Zimmer lebt, in dem Christian, der aus weniger guten sozialen Verhältnissen stammt, aufgewachsen ist. Ayse wird von ihrem Bruder, dessen Bande sich mit den Deutschen nächtliche Straßenschlachten liefert, fanatisch geliebt, beschützt und verfolgt. Ihre Liebe zu Christian ist für ihn der größte denkbare Verrat. Aber Liebe kennt keine Grenzen, Romeo und Julia fliehen ins Ungewisse, nachdem der Bandenkrieg eskaliert ist.

"Und was, wenn die Erschütterungen ausbleiben und nur noch die Erinnerungen bleiben an das Wesen, das man einst gewesen war, als man noch jung genug war, um verzweifelt lieben zu können?" Das steht am Schluss der Geschichte und ist wohl eine ihrer Botschaften: Lieber ein "schnelles Leben" als die Verknöcherungen an Seele und Herz. Die Feier der Pubertät - Ayse ist 16 - ist längst zur Ware auf dem (Buch-)Markt der Gefühle geworden. Geschichten wie die von Ayse und Christian mögen ein tief reichendes Bedürfnis nach Intensität und Hingabe aktivieren. Aber dass sich verzehrende Leidenschaft ein Privileg der ganz Jungen ist, wird wahrscheinlich so manch empfindsamer Leser der mittleren Jahre von sich weisen. Werden wir doch alle viel langsamer erwachsen als noch zu Werthers Zeiten.

Dass die aus Büchern geborgten Gefühlsrevolten meistens nicht ohne Kitsch zu haben sind, ist gar nicht so schlimm, wie die Verächter solcher bestsellerträchtigen Literatur meinen. Nur sollte man wachen Sinnes sein, damit auch eine identifikatorische Lektüre nicht alles durchgehen lässt: "Ayse fröstelte, das Hemd klebte nass auf ihrer Haut, die Regentropfen liefen an ihrem Hals herunter in die Rinne zwischen ihren Brüsten, die in der Kälte noch fester wurden." Das tut weniger in der Seele als im Kopf weh. In solchen Sätzen verkommt die gut gemeinte traurige Geschichte um eine unmögliche Liebe zwischen verfeindeten Welten zur Kolportage. Das eigene Zimmer, ein geheimer Beobachtungsposten in der Schule, ein Atelier oder eine abgeschiedene Berghütte als Refugien der Liebe - bei Zoë Jenny spielen diese Rückzugsräume eine entscheidende Rolle. Mehr noch in Bettina Galvagnis Roman "Persona". Da hat jedes Ding, jeder Raum einen Resonanzkörper der Melancholie. Die unendliche Müdigkeit der Hauptfigur Lori überträgt sich auf alles Umgebende. Innen ist außen und außen ist innen. Lori vereinigt in sich alle Attribute der verletzlichen, psychisch gefährdeten, fiebernden jungen Frau. Ganz aus ihr heraus werden die Geschichten, Erinnerungen, Träume geschrieben. Wer in Büchern nachvollziehbare Geschichten sucht, wer möchte, dass irgendetwas irgendwohin weitergeht, der wird dieses Buch schnell weglegen. Die Erzählung geht im Kreis, wird aufgelöst zugunsten der Beschreibung von Zuständen.

Insofern ist Lori die älter gewordene Schwester jener autobiografischen Figur, die sich in Galvagnis bereits mit 17 Jahren geschriebenen Bekenntnisbuch "Melancholia" (1997) auf faszinierend schamlose Weise präsentierte: als in Bücher- und Traumwelten existierende Außenseiterin, als auserwählte Lieblingsschülerin und Lieblingspatientin. Nach dem Erfolg von "Melancholia" wurde Galvagni für kurze Zeit zu einem Lieblingsobjekt feuilletonistischer Begierden. Die nach Südtirol angereisten Journalisten - Galvagni lebt heute in Südtirol und Wien - bekamen von der schwarz gekleideten jungen Autorin Sätze wie diese an den Kopf geworfen: "Nichts verändert sich. Alles bleibt gleich. Es gibt keine Hoffnung. Man ist auf der Erde, um zu verlieren. Selbst wenn man nicht hofft, verliert man." Ausgestattet mit einem solch hoffärtig unglücklichen Bewusstsein hat sie Tagebuch geführt über Gott und die Welt, eine Mischung aus Lolita und frühreifer Seherin. Das Ergebnis war zweifelsohne faszinierend in seiner maßlosen, arroganten Prätention.

Das Rohe und Ungeschliffene des Erstlings fehlt dem neuen Roman, muss wohl fehlen. Die Anlage aber ist gleich geblieben. Nur wirkt jetzt vieles anders, weil "Persona" bewusster kalkuliert, der Wille zur Literarisierung stärker zu spüren ist. Wie in "Melancholia" sind die Figuren einander in einem libidinös besetzten Beziehungsgeflecht verbunden. Den roten Faden bilden Gespräche mit einer Psychiaterin in Steinhof, wo Lori zumindest zeitweise interniert ist. Sie liebt Eliza, die Psychiaterin, möchte sich deren Leben anverwandeln. Sie bewundert Elvira, die Französischlehrerin in der Schule, wegen ihrer geheimnisvollen Entrücktheit. Sie wird ihrerseits von älteren Männern, einen nennt sie Ulysses, verehrt.

Fast scheint es, als ob Bettina Galvagni sich aus dem Bann ihres ersten Buches befreien wollte, so wie sich auch Lori bei der Psychiaterin von ihren traumatischen Erlebnissen befreien soll: dem Selbstmord der besten Freundin, den sexuellen Übergriffen durch den Vater dieser Freundin, dem Tod der Mutter. Beides gelingt nicht. Die pseudophilosophischen Sätze aus "Melancholia" waren an ein altkluges Mädchen gebunden. Jetzt wirken sie aufgesetzt: "Glück ist nur wahr, wenn es schweigt." Dieser Satz fällt zwar in einer psychotherapeutischen Rückblende, im Gespräch mit einem Lehrer; doch stellt dieses ganze Gespräch über das Rätsel der Sphinx wohl auch die Geduld wohlmeinender Leser und Leserinnen auf eine harte Probe.

Bettina Galvagni hat versucht, ihrer Hauptfigur, ihrem Buch Bodenhaftung zu verleihen, indem sie die Geschichte der Israelis und der Palästinenser, die Geschichte der Juden, den Holocaust, KZ-Museen, das jüdische Tel Aviv und das arabische Kairo hineinbringt. All das lernt Lori an der Hand von väterlichen Geliebten kennen, die sie wie ein kleines Mädchen durch die Welt führen - stereotype Rollen, die einem ziemlich auf die Nerven gehen können.

Die Beschreibung der Mischung aus Koketterie und Altklugheit, aus Verzweiflung und Anmaßung, mit denen eine hypersensible junge Frau - in der ein pubertierendes Mädchen steckt - der Welt begegnet, ist Bettina Galvagnis ureigenstes Thema. In "Persona" stürzt es oft einfach nur in die Belanglosigkeit ab. Die Mitteilung, dass Lori in Tel Aviv zum Friseur geht, weil sie ihren Föhn zu Hause vergessen hat, ist nur überflüssig. Auch die zahlreichen Metaphern, die die wechselnden Umgebungen mit Bedeutung aufladen wollen, gehen häufig nur ins Leere, anstatt einen Sinneseindruck im Kopf des Lesers zu erzeugen: Die Vorderseite eines Steinhof-Pavillons wirkt "verschlissen wie ausgetanzte Spitzenschuhe", die Rückseite leuchtet "wie das Fell einer roten Katze".

Zoë Jenny erzählt eine Geschichte, in der das Unglück von den Umständen kommt, Bettina Galvagni erzählt Fragmente von Geschichten, in denen das Unglück ein Zustand ist. Gerade indem sie dem Seelenkitsch gefährlich nahe kommen, haben sich beide von der Empfindsamkeit entfernt.

Bernhard Fetz in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 8)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Ein schnelles Leben (Zoë Jenny)

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