Einblick in die Hölle

von António Lobo Antunes

Derzeit nicht lieferbar

Übersetzung: Maralde Meyer-Minnemann
Verlag: Luchterhand
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 288 Seiten
Erscheinungsdatum: 04.02.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

In "Einblick in die Hölle" erweist sich der ewige Nobelpreiskandidat António Lobo Antunes einmal mehr als Weltmeister der Selbstdenunziation und der sinnlosen Vergleiche.

Hut ab! Das ist Weltliteratur", leitet der deutsche Literaturkritiker Martin Lüdke seine Besprechung von zwei dicken Romanen von António Lobo Antunes ein: "Fado Alexandrino" und "Geh nicht so schnell in diese dunkle Nacht", 1983 respektive 2000 in Portugal erstveröffentlicht. Schön, dass es noch – oder wieder? – Leute gibt, die klare Urteile zu fällen imstande sind. Zu diesen gehöre ich leider nicht. Die Lektüre einzelner Abschnitte aus Lobo Antunes' großem Erzählstrom weckt bei mir gemischte Gefühle.
Da ist einerseits die nachhaltige Erinnerung an sein erstes Buch "Der Judaskuss" (1979), in dem die Fülle der deregulierenden Vergleiche der extremen Erfahrung Ausdruck verleiht, die der Autor während mehr als zwei Jahren als Arzt im Angolakrieg gemacht hat. Wer diese sinnlose Grausamkeit und, vielleicht noch mehr, diese grausame Sinnlosigkeit erlebt hat, muss wohl für den Rest seines Lebens alle Illusionen verlieren – dachte ich damals und denke ich immer noch. Andererseits ist es schon auch erstaunlich, dass gerade die größte Scheiße (ein von Lobo Antunes viel gebrauchtes, fast gehätscheltes Wort) so eine prächtige Literatur hervorbringen muss. Je desolater die Welt, desto großartiger die Kunst.
Die Zertrümmerung von Illusionen, seien sie persönlicher, seien sie historischer oder nationaler Art, hat Lobo Antunes dann in Friedenszeiten fortgesetzt, und er betreibt sie bis heute. Das wirkt manchmal selbstgefällig, auch in der Selbstdemaskierung: Seht her, wie wunderbar ich meine finstersten Seiten zur Schau stellen kann! Ich bin womöglich ein Vergewaltiger.
Was den Umgang mit der Sprache betrifft, so beeilen sich besonders deutsche Kritiker, den Hut zu ziehen, wofür sich der Portugiese damit bedankt, dass er öffentlich äußert, die zeitgenössische deutsche Literaturkritik sei besser als die zeitgenössische deutsche Romanschriftstellerei. Mir will trotzdem scheinen, dass deutsche Autoren wie Uwe Timm, Alban Nikolai Herbst oder Gerd-Peter Eigner ähnliche Projekte verfolgen wie Lobo Antunes und dass deren Sprachgewalt auch nicht viel geringer ist. Aber Lobo Antunes ist, wie das deutsche Feuilleton Saison für Saison auf das Ermüdendste wiederholt, ein Literaturnobelpreiskandidat (wer weiß, wer das in die Welt gesetzt hat?) und gebietet als solcher Ehrfurcht.
Ja, die viel gerühmte Sprachmacht dieses Autors und seiner "kongenialen Übersetzerin"! Natürlich ist es toll, was dem Mann so an Bildern einfällt, und dass diese meistens zusammenhanglos sind, darf einen hundert Jahre nach der Geburt der modernen Moderne nicht stören. Oder ist es doch eher ein Ausdruck von sprachlicher Kraftmeierei als von poetischer Feinfühligkeit, wenn die Bilder übereinandergestapelt werden wie Bretter im Lagerhaus von Ikea?
Und dann diese zahllosen Wiederholungen! Dass die Substantive in Gesellschaft so vieler Begleiter stehen, sei ihnen gegönnt, aber was soll ich mit einem Satz anfangen wie: "Vielleicht stecken sie deswegen Plastikblumen in die Vase, überlegte er, denn Plastikblumen sind wie ausgestopfte Tiere: Sie erleben das Schauspiel des Schmerzes mit vollkommener Gleichgültigkeit: Ich habe nie eine Plastikblume gesehen, die angesichts einer Leiche Rührung gezeigt hätte." Nein, ich habe auch noch keine Plastikblume gesehen, die angesichts einer Leiche Rührung gezeigt hätte, und auch keine Leiche, kein Gänseblümchen und keine Kaffeetasse, die das getan hätte. Das Einzige, was alle diese Dinge gemein haben, ist ihre Empfindungslosigkeit. Ansonsten sehe ich nicht, was Plastikblume und ausgestopftes Tier verbinden soll.

Handelt es sich bei Antunes' Literatur um manieristische Zuckerbäckerei? Nein. Denn nicht nur sein erster Roman verarbeitet konkrete Erfahrungen, auch die späteren Bücher bemühen sich darum. "Einblick in die Hölle" (1980, jetzt erstmals auf Deutsch) ist der dritte Roman des Autors. Das desillusionierende Kriegserlebnis ist nach wie vor in Erinnerungsbildern präsent, seine Zersetzungskraft wird in Friedenszeiten noch gesteigert. Das psychiatrische Krankenhaus, in dem der Ich/Er-Erzähler arbeitet, ist schlimmer als der angolanische Arsch der Welt, die Ärzte sind KZ-Wächtern vergleichbar, die Ruhigstellung der Kranken oder vermeintlich Kranken mithilfe von Pillen und Injektionen erinnert an die "Endlösung" der Judenfrage.
Der Henker Lobo Antunes denunziert sich selbst. Und in der Wirklichkeit? Hat er trotz seiner Gewissensbisse (?) gekuscht? Im Roman jedenfalls genügt es ihm, sich in langen Ergüssen abwechselnd als angepassten Feigling und beamteten Mörder zu beschreiben (mit kräftiger Sprache natürlich!), als einen, der auf mehr oder minder halluzinatorische Weise zwischen der Rolle des Arztes und des Kranken, des Opfers und des Täters schwankt – was sowohl den psychiatrischen Doppelbödigkeiten entspricht als auch Anlass zu poetisch berauschten Ausflügen gibt. Und natürlich gibt es keinerlei Aussicht auf Heilungserfolg: In der illusionsfreien Lobo-Antunes-Welt ist ein Fortschritt in solche Richtung nicht denkbar. "Leichentuch" lautet konsequenterweise das letzte Wort des Romans.

Leopold Federmair in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 19)


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