Familienfest

von Anna Mitgutsch

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Verlag: Luchterhand
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

In ihrem jüngsten Roman folgt Anna Mitgutsch drei Generationen einer in die USA ausgewanderten jüdischen Großfamilie.

Joseph Leondouri, der Stammvater jener jüdischen Großfamilie, von der Anna Mitgutschs jüngster Roman erzählt, ist um 1900 aus der Levante nach Boston gekommen. Seine Tochter Edna ist die letzte Zeugin der ersten Emigrantengeneration der Familie und verleiht dem Text den inneren Zusammenhalt: Als Geschichtenerzählerin dominiert sie das Seder-Mahl am Vorabend des Pessachfestes und nimmt die Lesung aus der Hagada zum Anlass, Satz für Satz durch Parallelen aus der Familiengeschichte zu ergänzen und dadurch die Erinnerung an die Verstorbenen wach zu halten.
Ihrer großen Verehrung für den hedonistischen Vater wird darin ebenso Rechnung getragen wie den gesellschaftspolitischen Ereignissen der Zwischen- und Nachkriegszeit, die sich im Familienleben spiegeln: dem Aufbau und Niedergang des jüdischen öffentlichen Lebens, den Machenschaften der Mafia und ethnischen Spannungen. Die Erinnerungen an persönliche Katastrophen überdeckt Edna dabei mit Eleganz und unerschütterlicher Gelassenheit. Für die Kinder und Enkel ihrer verstorbenen Geschwister stellt sie deshalb den letzten Rückhalt dar, das religiös fundierte Gewissen und lebendige Gedächtnis der Familie.
Auf dem Thanksgiving-Fest ihres Großneffen Marvin ist Edna die Bezugsgröße im Hintergrund. Tief in eine Lebenskrise verstrickt, bleibt Marvin seinen wehmütigen Erinnerungen und einer ungeduldigen Sehnsucht nach Glück hilflos ausgeliefert, und ist nicht der Einzige, dessen Hoffnungen auf Edna gerichtet sind. Mit ihrem Fundus an Geschichten soll Edna die Lebenskatastrophen der resignierten Mittfünfziger relativieren. Doch sie konzentriert ihr Gespräch auf Adina, ihre junge Großnichte, die das Familienerbe ihrer Erinnerungen antreten soll. Der Roman schließt mit Ednas Begräbnis, das den Rahmen für Adinas Erinnerungen an ihre Großtante abgibt.
Drei Generationen und deren Auffassung von Familie werden hier präsentiert: Während in den ersten beiden Generationen von Einwanderern der Aufbau funktionierender Familienstrukturen und die Verschmelzung jüdisch-europäischer Traditionen mit dem American Way of Life im Mittelpunkt stehen, kann und will die nachfolgende Generation den familiären Zusammenhalt nicht mehr herstellen. Geprägt von einem dominanten Elternhaus, sind sie ihren eigenen Kindern schwache Eltern, verbittert und gescheitert. So findet sich die jüngste Generation völlig auf sich selbst gestellt. Adina steht es schließlich frei, die aus Erinnerung und Erfahrung gespeiste Weisheit ihrer greisen Großtante Edna anzunehmen und dadurch gestärkt den Herausforderungen des Lebens zu begegnen.

"Familienfest" überzeugt durch die differenzierte psychologische Zeichnung seiner Protagonisten. Und dennoch bleiben diese ungreifbar, denn die Dominanz der Vergangenheit macht die Figuren zu blassen Trägern der Erinnerungen, hinter denen sie zu verschwinden drohen. Das lässt sich auch von den Stimmungsbildern behaupten, in denen das Neu-England der letzten hundert Jahre mit fahrigem Strich skizziert werden soll, statt in Details fokussiert zu werden. Der stellenweise mit Namen und Details überfrachtete Text, der gelegentlich die Niederungen der Plattitüde streift, wird dort problematisch, wo er konfessionelle und geschlechtliche Stereotypen festschreibt.
Mitgutschs jüngster Roman erfüllt alle Erwartungen an eine Generationen überspannende Familiensaga, er zeigt den sozialen Aufstieg und die gleichzeitige Auflösung der Familie. Die allmähliche Angleichung an die fremde amerikanische Kultur wird durch die Abfolge der Feste vom jüdischen Seder-Mahl über das amerikanische Thanksgiving bis hin zur Bestattung symbolisiert: Herkunft, Religion, Familie, Beruf und Erinnerung – alle diese identitätsstiftenden Koordinaten verlieren im Augenblick des Todes ihre Bedeutung. "Erinnerungsverlust", so Anna Mitgutsch in einem Essay, "bedeutet die Desintegration der Persönlichkeit" und – so wäre aus Sicht ihres neuen Romans zu ergänzen – auch der Familie. "Familienfest" ist ein Text über das Erinnern und das Geschichtenerzählen gegen das endgültige Ende, das nicht mit dem physischen Tod einsetzt, sondern mit dem Aussetzen des Gedächtnisses.

Alexandra Millner in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 6)


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