Der einzige Mann auf dem Kontinent
Roman

von Terézia Mora

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Luchterhand
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 384 Seiten
Erscheinungsdatum: 17.08.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

Eine Fußmassage für den Businesskasper

Der Roman zur Wirtschaftskrise: Terésia Moras "Der einzige Mann auf dem Kontinent"

40.000 in bar, eingeschlagen in zwei A4-Blätter 80 g Universalkopierpapier und noch mal in einen Karton gesteckt, liegen im Büro von Darius Kopp. Diese 40.000 sind die Rückzahlung für einen geplatzten Deal, für den der Kunde zwar die erste Tranche zweier Lieferungen bezogen, aber die vereinbarten 100.000 nie bezahlt hat.
Die Währung – Euro? Dollar? – wird übrigens nicht spezifiziert, und das ist letztlich auch vollkommen egal: Die 40.000 sind so etwas wie der MacGuffin des Romans. Wobei die Behauptung, dass sie diesen vorantrieben, schon wieder etwas übertrieben wäre: Das Geld treibt Kopp um, gewiss; es verursacht ihm Kopfzerbrechen, aber es wird auch Tage und 300 Seiten nach Erhalt immer noch nicht geklärt sein, was damit zu geschehen hat. Bei Summen über 10.000 ist laut Geldwäschegesetz nämlich der Nachweis geboten, dass das Geld von sauberen Konten stammt – und den kann Kopp nicht erbringen.

Terézia Mora hat den Roman der Saison geschrieben. "Der einzige Mann auf dem Kontinent" ist das Buch zur Krise, und vielleicht ist diese Aktualität der Jury zum Deutschen Buchpreis so suspekt gewesen, dass sie es verabsäumt hat, es für die Shortlist zu nominieren. Verdient hätte es das allemal, zumal die angesprochene Aktualität nichts Forciertes hat und sich gewiss keinem Kalkül der Autorin verdankt; in jedem durchschnittlichen Zeitungsartikel kann man mehr über Immobilienblasen, Hedgefonds, faule Papiere und überzogene Renditenerwartungen lesen.
Mora behelligt den Leser nicht mit seitenlangen ökonomischen Ergüssen, um nachzuweisen, dass sie ihre Rechercheaufgaben auch brav erledigt hat, sie verwendet gerade so viel Realien und branchenspezifische Begriffe, um einen Eindruck davon zu vermitteln, worum es geht; wie gedacht und geredet wird, und wie sich eine Welt anfühlt, in der das realphysische Auftauchen eines fünfstelligen Betrags möglicherweise irrealer und verstörender wirkt als dessen Verschwinden.
Der Roman nähert sich seinem Protagonisten, dem erwähnten Darius Kopp, freundlich, mitunter fast zärtlich, dann wieder mit sanfter Ironie. Der beträchtliche Charme und die Leichtfüßigkeit, die das Buch auszeichnen (Qualitäten, für die deutschen Juroren mitunter auch ein wenig das Gespür fehlt), haben auch mit den tänzelnden Perspektivwechseln zu tun, in denen der Roman ansatzlos von der dritten in die erste Person wechselt oder Kommentare eines Erzählers einschiebt:
"Der neue Besitzer entließ die gesamte Eloxim-Belegschaft. Das hatte nichts mit unserer Person oder unserer fachlichen Kompetenz zu tun, im Gegenteil, unsere Person und unsere fachliche Kompetenz spielten nicht die geringste Rolle. Das mag im Fall von Darius Kopp auch nicht anders gewesen sein, nur dass man ihn als Einzigen nicht feuerte, sondern ihm die Leitung des ,gemeinsamen' Büros für das deutschsprachige Mitteleuropa sowie Osteuropa anvertraute. Ab heute bin ich der einzige Mann auf dem ganzen Kontinent, Flora. Sales and regional sales manager Darius Kopp in the D/A/CH region and Eastern Europe, in Diensten von Fidelis Wireless, the global pioneer in developing and supplying scalable broadband wireless networking systems for enterprises, governments and sverice providers. TURN TO US."

Schön auch, dass der Dicke wieder Saison hat! Nachdem schon Sibylle Berg in ihrem jüngsten Roman "Der Mann schläft" männlicher Korpulenz ein Denkmal errichtet hat ("Er rollte sich aus auf den Rücken wie ein Walfisch, der von weinenden amerikanischen Frauen ins Meer zurückbefördert wird. Alles an ihm war groß und rund, die Augen, die Füße, der Körper, er wirkte wie ein Spielzeug für Kinder, das man in die Badewanne legt und das über Nacht das Zehnfache seiner eigentlichen Größe erreicht"), wirft auch Mora ein freundliches Auge auf einen Bladen im Bett:
"Er seufzte und rollte sich aus dem Bett. Er ist ein korpulenter Mann, 106 Kilo bei 178 cm Körpergröße, zum Glück ist das meiste davon Knochen, der Rest konzentriert sich in der kompakten Halbkugel eines Bauches, fest und glatt wie der Bauch einer Schwangeren, und darüber, leider, ein Paar Männertitten, aber sie sagt, sie liebt mich, wie ich bin, und es gibt keinen Grund, ihr nicht zu glauben."
Dass der Held in seiner selbstgenügsamen Wonneproppenhaftigkeit nicht unbehelligt bleiben wird, ist klar. Wer es mit seinen Figuren allzu gut meint, bringt selten gute Literatur hervor. Es ist eine schöne Pointe des Romans, dass die gern als virtuell beschriebene Sphäre der Finanztransaktionen hier etwas zurückerstattet bekommt, was auf den Wirtschaftsseiten systematisch ausgeblendet und verdrängt wird: die Physis ihrer Protagonisten. Die beiläufige Akribie, mit der sich Mora der Somatik ihres Helden widmet, lässt sich durchaus als subtiler Humanismus deuten. "Er wartete, bis Flora Feierabend hatte. Sie kamen gegen 3 Uhr zu Hause an. Sie ging baden, er sah fern, dann ging er ins Bett, dann kam sie ins Bett, er erwachte noch einmal, sie hatten Sex. Als sie endlich einschliefen, ging die Sonne schon auf."
So soll es sein. So wird es nicht bleiben. Der Rhythmus aus Hektik und Müßiggang, Phlegma und Verzweiflung bestimmt auch den Rhythmus des Romans. Nachdem Kopp zu einem Termin gehetzt, dennoch eine geschlagene Stunde zu spät gekommen und vom Kunden zusammengestaucht worden ist ("Ein Ort, ein Zeitpunkt, das ist doch keine Kernphysik!"), driftet Kopp durch ein Einkaufszentrum, sortiert die Essensangebote (Fischrestaurant? Würstchenbraterei? Bäckerei?), entscheidet sich für den Suhsi-Stand, besorgt sich ein Paar Aloe-Vera-Socken und ein Paar bequeme Schuhe und gönnt sich eine Fußmassage: "So lag Darius Kopp an einem Dienstagnachmittag im Herzen des Einkaufszentrums, die Füße im Fußbad, auf einem vibrierenden Stuhl, und atmete durch die Nasensonde besonders frische Luft ein, die so roch, wie sich die Geräusche in den Kopfhörern anhörten: nach Regen in den Tropen."

So könnte es sein. So wird es nicht bleiben. Als Kopp von einem Krankenhausbesuch bei seiner Mutter (die dann doch nur davon geträumt hat, dass ihr ein Bein abgenommen wird) heimfährt, kündigt sich der Horror schon im Bahnhofsgebäude an, "das aktuell gar keins ist, stattdessen ein Irrgarten aus Bautunneln, überall herausziehendem Staub, provisorischen Aufschriften und infernalischem Lärm". Im Zugabteil dann riecht es definitiv nicht nach Regen in den Tropen, "sondern nach Hosennaht. Nach verdeckten Fürzen", und Kopp steht, panisch auf den Feldstärkebalken seines Handy-Displays starrend, in den Augen der Mitreisenden genau als jene Karikatur des Geschäftsmanns da, die man aus mediokren Satiren kennt:
"Wie sie sich untereinander austauschen. Wie sie sich alle einig sind, dass solche Typen, solche telefonierenden, Anzug tragenden, Laptop tragenden Wichtigtuer und Businesskasper das Letzte überhaupt sind, dabei kann man ihnen keine Stecknadel in den Arsch schieben, so gekniffen sind sie, und immer diese Telefoniererei, Leute, die telefonieren, wen interessiert das schon … etc. etc."
Jeder von uns ist einem solchen schon mal begegnet und hat Ähnliches gedacht. Dieser hier ist gewiss nicht das größte Licht auf Erden, aber wir würden ihm jederzeit eine Fußmassage gönnen. Und das ist nicht das Schlechteste, was Literatur erreichen kann.

Klaus Nüchtern in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 29)


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