Die russische Affäre

von Michael Wallner

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Verlag: Luchterhand
Erscheinungsdatum: 01.01.2009

Rezension aus FALTER 27/2009

Auch die Literaturstadt Graz hat ihren Konsalik

Was der Literaturstadt Graz noch fehlte, hat sie in dem 1958 daselbst geborenen Michael Wallner bekommen: einen Erzählathleten, der – mit einem Auswurf von sieben umfangreichen Romanen in nur knapp zehn Jahren – auch beachtliche internationale Verkaufserfolge feiert.Von seinem Titel "April in Paris", der eine verhängnisvolle Liebesgeschichte zwischen einem Obergefreiten der Wehrmacht und einer für die Résistance tätigen jungen Frau zum Inhalt hat, wurden bereits vor Erscheinen der Erstausgabe im Jahr 2006 Lizenzen in zwölf Sprachen verkauft.

Was ist dran an diesem Mann, woher
diese Erfolge? Vor seiner Schriftstellerkarriere war Michael Wallner – und auch das nicht ganz ohne Erfolg – als Schauspieler und Regisseur unter anderem am Wiener Burgtheater tätig. Seit er sich aufs Schreiben konzentriert, lebt er abwechselnd in Berlin und in Italien, führt ein Leben, um das ihn viele Literatenkollegen wohl beneiden.
Die breite Rezeption seiner Bücher verdankt sich freilich nicht zuletzt der Marktposition des Münchner Luchterhand Verlags, der schon seit mehreren Jahren zum Besitz des internationalen Medienkonzerns "Random House" gehört. Dort klotzt man heute mit ordentlichen Werbe-Etats Bestseller in die Welt, wo noch vor gar nicht allzu langer Zeit vorrangig die Elite zeitgenössischer Sprachkunst, Ernst Jandl etwa, verlegerisch betreut wurde.

Eine solche Verschiebung zwischen den Marktsegmenten Unterhaltungs- und Avantgardeliteratur findet im Buchgeschäft allenthalben schon länger statt. Von ehemals erstklassigen Literatureditionen blieb der Name als Hülle übrig, befüllt werden die Programme mit Konfektionsware. Diese wird – wie eben auch bei Wallner der Fall – vom Feuilleton in der Weise behandelt, als handle es sich um relevante Literatur (im Sinne von Sprachkunst).
Aber was ist schon, was es scheint? Michael Wallner hüllt eine Liebesgeschichte und die damit verknüpfte Spionagehandlung um wissenschaftliche Ergebnisse aus der theoretischen Physik in einen bleiernen Begriffsnebel des sozialistischen Realismus. Dabei konzentriert er sein Erzählinteresse mehr auf die Beziehungsebene zwischen der linientreuen Anstreicherin Anna und dem abtrünnigen stellvertretenden Forschungsminister als auf eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit "dissidenten" Haltungen. Dass gerade die im Buch angesprochene Theorie der Elementarteilchen, in der das fundamentale Prinzip der Kausalität keine Geltung mehr besitzt, an den philosophischen Grundfesten des Marxismus-Leninismus rüttelt, wird im Roman nicht weiter erwogen.
Da lenkt der Erzähler sein Augenmerk lieber in die vertrauten Bahnen einer Allerweltspsychologie: "Sie dachte darüber nach, warum jemand, der beruflich ins Innerste der Dinge schaut, nicht konsequenterweise auch ein tiefgründiger Mensch ist."
Ebenso dürftig stellt sich das Gespräch über Literatur dar, zu dem die Konstellation um den Dichter Zasuchin, Annas Vater, ausreichend Platz bietet. In Bezug auf ästhetische Fragen zeigt sich Wallner zugeknöpft; stilsicher gibt er der Folklore den Vorzug, wenn es da heißt: "Der Dichter hatte sein blütenweißes Russenhemd bis oben hin geschlossen." Da strahlt das Triviale in eigenem Glanz.
Zu fragen wäre schließlich noch, ob die "Die russische Affäre" wenigstens gute Unterhaltungsliteratur ist. Als Thriller gefällt das Buch nur streckenweise. Erst gegen Ende wird es in der Anlage konzentrierter und die Handlung temporeicher, um in flotter Verfolgung per Schiguli und Nachtzug von Moskau nach Riga zu kulminieren.
Der Wink zum Genre von 007 geht allerdings ebenso wie die Namensanspielung (von "Rosa Chleb" auf "Rosa Klebb" in "Liebesgrüße aus Moskau") ins Leere. Was die Lektüre von "Die russische Affäre" eher verdrießlich macht, ist die ausdauernde Humorlosigkeit Wallners, dessen Erzählhaltung zu sehr der Ödnis der Breschnew-Ära angepasst erscheint.

Paul Pechmann in FALTER 27/2009 vom 03.07.2009 (S. 49)


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