Nordlicht
Roman

von Melitta Breznik

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Luchterhand
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 256 Seiten
Erscheinungsdatum: 02.03.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

Die Schrecken des Eises und der Vergangenheit

In "Nordlicht" verknüpft Melitta Breznik zwei Frauenschicksale geschickt zu einer Reflexion über die Macht der Geschichte.
Was bringt eine österreichische Psychiaterin dazu, sich freiwillig der Einsamkeit, der Stille und der Dunkelzeit auf den Lofoten auszusetzen? Anna Berghofer, die Protagonistin in Melitta Brezniks neuem Roman "Nordlicht", ist am Limit. Beruflich überfordert, von ihrem Mann ausgenutzt und diesem entfremdet, nervlich geschwächt – und sie hat niemanden, der ihr zuhört. In Norwegen will sie ihre eigene Stimme wieder vernehmen lernen und sich selbst unter Kontrolle bringen, denn in letzter Zeit haben ihr Halluzinationen zugesetzt.
Um sich von dem alten Leben zu befreien, löst sie zwar ihre Partnerschaft, ihr Angestelltenverhältnis und ihre Wohnung auf, aber die Last der Vergangenheit hat sie dennoch im Gepäck. Dieses wiegt umso schwerer, da sie die Notizen und Fotografien ihres verstorbenen Vaters mitführt, um die Stationen seiner Zeit als deutscher Besatzungssoldat in Nordnorwegen vor Ort zu rekonstruieren.

Wie eine zweite Geburt beschreibt die aus der Steiermark stammende Autorin und Psychiaterin ein Erwachen der Neugier am Leben und an den Menschen. Anna macht die Bekanntschaft von Giske, einer etwa 60-jährigen Frau, die ebenfalls alleine lebt und aufgrund ihrer Familiengeschichte an der Besatzungszeit interessiert ist. Als uneheliches Kind eines deutschen Soldaten und einer Norwegerin gehört sie zu den "Deutschenbastarden", deren Existenz die norwegischen Behörden nach dem Krieg am liebsten ausgelöscht hätten. Dementsprechend sieht auch der Lebensweg der jungen Giske aus, der von grausamen Pflegeeltern über sadistisch geführte Kinderheime in die Psychiatrie führt. Es gelingt ihr, dieser Unglücksspirale zu entkommen und ihre unbekannte Mutter kurz vor deren Tod ausfindig zu machen. Nun möchte sie herausfinden, wer ihr Vater war.
Mithilfe einer klug gehandhabten Schnitt- und Montagetechnik versteht es Melitta Breznik die beiden Frauenschicksale so eng zusammenzuführen, dass sie sich wechselseitig beleuchten und sich als jeweils andere Seite ein und derselben Geschichte präsentieren. Dabei geht die Autorin sehr behutsam vor, dröselt die zuerst chronologisch geraffte Geschichte Annas nach deren Zusammenbruch in eine Gegenwarts- und Vergangenheitsebene auf, in welche die Geschichte des Vaters eingewoben wird. Im zweiten Teil dann wird Annas Leben durch GiskesSpurensuche in der Vergangenheit konterkariert und die Geschichte von Giskes Mutter erzählt.
Das klingt komplizierter, als es ist, denn die erzählerischen Fäden laufen in der immer dominanter werdenden Gegenwart zusammen, die von der Freundschaft zwischen den beiden Frauen geprägt ist. Die insgesamt vier Lebensgeschichten sind in kurze, nur wenige Seiten umfassende Abschnitte unterteilt, die zwar untereinander und chronologisch wild durchmischt, doch durchgängig von der Landschaft der Lofoten, deren klimatischen Verhältnissen und den daraus resultierenden Lebensbedingungen geprägt sind.
Aus dieser nur in der Nacherzählung aufwendig wirkenden Konstruktion ergibt sich nicht nur die Dynamik der Geschichte, sondern auch ein bemerkenswerter Effekt: Plötzlich stehen sich Vergangenheit und Gegenwart auf heilsame Art und Weise gegenüber. Die beiden Frauen brechen durch ihr insistierendes Fragen das kollektive Schweigen auf, das seit mehreren Generationen wie ein Eismantel über den zwischenmenschlichen Beziehungen einer ohnehin schon kargen Weltgegend lag. Anna und Giske gelingt es, die Ungerechtigkeit kollektiver Schuldzuweisung hinter sich zu lassen und einen genauen Blick für die individuellen Handlungsmöglichkeiten in den Blick zu bekommen.

Mit ihrer vierten Prosaveröffentlichung ist Melitta Breznik ein kluger, stiller Roman voll von psychologischem Tiefgang und atmosphärischer Dichte gelungen. Dabei knüpft sie an ihren letzten Band "Das Umstellformat" (2002) an, in dem ebenfalls von der belastenden Präsenz des Vergangenen in der Gegenwart und am Rande auch von der deutschen Besatzungszeit in Norwegen während des Zweiten Weltkriegs die Rede war.
Der Autorin geht es nicht um die Abwägung des jeweiligen Ausmaßes von Schuld, sie klagt nicht an. Stattdessen unterwirft sie ihre Figuren den historischen Entwicklungen ebenso wie den nordischen Naturgewalten: Wollen sie nicht untergehen, müssen sie sich mit beiden konfrontieren und zu einem individuellen, sinnvollen Umgang damit finden.

Alexandra Millner in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 22)


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