Kämpfen
Roman

von Karl Ove Knausgård

€ 29,90
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Paul Berf
Übersetzung: Ulrich Sonnenberg
Verlag: Luchterhand
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 1280 Seiten
Erscheinungsdatum: 22.05.2017


Rezension aus FALTER 24/2017

Am Ende Wahrhaftigkeit

Achterbahn des Lebens: Der letzte Teil der Autobiografie des norwegischen Schriftstellers Karl Ove Knausgård liegt nun auf Deutsch vor

Das war’s dann also: Am 2. September 2011 um 7.07 Uhr beendet Karl Ove Knausgård den sechsten und letzten Band seines autobiografischen Romans „Min Kamp“ („Mein Kampf“). Gleich wird er mit seiner Frau Linda zu einem Literaturfestival aufbrechen, „danach werden wir den Zug zurück nach Malmö nehmen, uns ins Auto setzen und zu unserem Haus fahren, und auf dem ganzen Weg werde ich den Gedanken genießen, dass ich kein Schriftsteller mehr bin“. Etwas mehr als dreieinhalb Jahre lang hat er daran gearbeitet, sein Leben als Roman zu erzählen, am Ende kamen (in der deutschen Übersetzung) 4589 Seiten zusammen. Als der erste Band 2009 erschien, war Knausgård gerade einmal in Norwegen bekannt, nun ist er weit über Skandinavien hinaus ein literarischer Star.
Erleichterte Erschöpfung werden auch all jene Knausgårdians verspüren, die ihm lesend durch die Jahre von 1985 bis 2011 gefolgt sind. Denn in diesem letzten Band, in der deutschen Übersetzung trägt er den Titel „Kämpfen“, wird ihnen noch einmal einiges zugemutet. Von den ersten vier Bänden ging ein Sog aus, der auf viele Leser unwiderstehlich wirkte: ein detailverliebtes Erzählen von Alltäglichkeiten, in dem sich freilich alle wiederfinden konnten, die irgendwann zwischen 1960 und 1980 geboren wurden, egal ob in Südnorwegen, Ostösterreich oder Westdeutschland.
Der fünfte Band erklärte und rechtfertigte dieses Unternehmen: Der Tod des verhassten Vaters hatte den Erzähler vom writer’s block befreit, nun, als Autor, konnte er sich selbst erschaffen. Wer vermutet hatte, damit sei der erzählerischen Selbstreflexion Genüge getan, hat sich getäuscht. Nach einem kurzen Präludium im vertrauten Knausgård-Sound meldet sich im sechsten Band der Bruder des Vaters zu Wort, der dem Neffen vorwirft, mit seinen Büchern die Familie in den Schmutz zu ziehen, und dem Verlag mit juristischen Schritten droht. Und dann ist da noch diese Episode aus seiner Zeit als Aushilfslehrer: Hat er da nun mit einer minderjährigen Schülerin geschlafen oder nicht? So beginnt der letzte Teil des Romans mit den privaten und öffentlichen Reaktionen auf dessen ersten Band, der (in Norwegen) zwei Jahre vorher erschienen war.

Völlig unerwartet können die Knausgård nicht getroffen haben, aber sie werfen ihn aus der Bahn. Die überwunden geglaubten Selbstzweifel kehren wieder, jetzt als moralische Frage: Bin ich wirklich so abgrundtief böse, wie das der Onkel behauptet? Ein Exkurs von gut 400 Seiten handelt zunächst einmal vom Grundbuch des Bösen, von Hitlers „Mein Kampf“. Knausgård entdeckt darin einen Bildungsroman, der bis zum Zeitpunkt der antisemitischen Radikalisierung dem seinen gleicht: der böse Vater, die gute Mutter, die Außenseiterrolle, die Flucht in die Kunst – im Falle Hitlers bekanntlich erfolglos. Ist das nun frivol oder die letzte Stufe radikaler Selbstbefragung? Das bleibt offen, denn über erstaunliche Assoziationen landet Knausgårds Gedankenstrom bei Celans „Engführung“, einem Text, dessen sprachliche Askese im größten denkbaren Gegensatz zu Knausgårds Erzählstrom steht. Eine eindrucksvoll genaue Interpretation geht über in eine rasante Tour durch die Ideengeschichte des mittleren und späten 20. Jahrhunderts, bei der man bald nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht: Broch, ­Heidegger, Joyce, Agamben, Adorno, Carlo Schmidt, um nur ein paar Namen zu nennen. Man kann sich nur wundern, wann er das alles gelesen hat neben der Familie mit den drei kleinen Kindern und der Arbeit am Roman.
Natürlich weiß auch Knausgård keine Antwort auf die Frage nach dem Bösen und sicher wäre es ein Missverständnis, sie an dieser Stelle von ihm zu erwarten. Dieser gigantische, assoziative Exkurs ist wohl vielmehr als Pendant zu den pedantischen Schilderungen seiner äußeren Welt zu lesen, für die Knausgård berühmt wurde. Hier beobachten wir einen besessenen Leser, der unsere Epoche samt ihren Katastrophen verstehen will, der sich wenigstens ein Stück weit erleichtert fühlt, wenn er erkennt, dass er nicht als Einziger fragt, warum die Welt so ist, wie sie ist.

Ihm dabei zu folgen kostet einige Geduld. Lässt man sich aber auf Knausgårds Programm ein, eine Existenz in absoluter Wahrhaftigkeit literarisch darzustellen, darf das übliche Timing nicht mehr als Maßstab gelten: Schließlich wurde auch schon seitenlang eingekauft, Gemüse geschnitten und geputzt. Übrigens muss auch in diesem letzten Band häufig und gründlich geputzt werden, und ob das nun gewollt ist oder nicht: Wenn man viel Zeit mit diesem Buch verbringt, schieben sich die Putzorgien und der unbedingte Anspruch auf Wahrhaftigkeit unbemerkt ineinander. Da will einer sauber machen, in seinem Leben, aber auch im Leben seiner Familie und aller Menschen, die ihm lieb und teuer sind. Nicht einmal die eigene Frau, deren manisch-depressive Erkrankung über Monate die ganze Familie belastet, kann auf Schonung hoffen. Ibsen und Strindberg, die sich schon viel früher von Skandinavien aus aufmachten, die Lebenslügen der bürgerlichen Gesellschaft zu sezieren, hätten gestaunt, wie weit man dabei noch gehen kann.

Das alles sei ein Experiment gewesen, schreibt der Erzähler gegen Ende, und es sei gescheitert, denn er habe nicht annähernd sagen können, was er meine. Aber immerhin habe sich im Protest gegen seine Wahrhaftigkeit die Kraft des Sozialen gezeigt, die Solidarität der Menschen, die sich schützend vor jene stellten, die als Romanfiguren ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt wurden. Dies einzugestehen ist auch Wahrhaftigkeit.

Tobias Heyl in FALTER 24/2017 vom 16.06.2017 (S. 27)


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