HERKUNFT

von Saša Stanišić

€ 22,70
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Luchterhand
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 368 Seiten
Erscheinungsdatum: 18.03.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Zwischen Brunnenschacht und Aral-Tankstelle

Saša Stanišić erzählt in „Herkunft“ unverstellt von sich selbst und seinem Zuhause in Bosnien, Hamburg und Heidelberg

Als der Urgroßvater von Saša Stanišić sich anschickte zu sterben, soll er seine Frau gebeten haben, ihm doch einen letzten Trunk von dem Brunnen zu bringen, den er einst geschlagen hatte. Und bekam zur Antwort: „Geh doch selber.“ Aus solch wetterhartem Holz sind die Figuren dieses Buches geschnitzt, aber nicht vom Autor, vielmehr vom Leben selbst, wenn man jenem glauben will: „Herkunft“ ist kein Roman, sondern eine Autobiografie in Fragmenten und Arabesken, ein „Selbstporträt mit Ahnen“, wie Stanišić meint, der hier unverstellt und unkokett von sich erzählt.

Gibt es zurzeit eine dringlichere Frage als die, was Herkunft eigentlich bedeutet? „Eine Art Kostüm, das man ewig tragen soll“ oder eher ein „Vermögen, das keinem Talent sich verdankt“? Auf den Autor trifft eindeutig das Zweite zu, nicht zuletzt deshalb, weil dieses Vermögen auch noch mit literarischem Talent gesegnet ist: Saša Stanišić ist im bosnischen Višegrad geboren und aufgewachsen, als Sohn eines serbischen Vaters und einer bosniakisch-muslimischen Mutter. Mit ihr flieht er 1992 als 14-Jähriger vor dem Bürgerkrieg und landet in Heidelberg; der Vater folgt nach einem halben Jahr, mit einer Narbe am Bein, über deren Ursache er nie sprechen wird.

Über Geschenk und Bürde der Herkunft und den kollektiven Sturz in die gesetzlose Gewalt hat Stanišić 2006 einen erstaunlichen Roman geschrieben, der ihn mit einem Schlag bekannt machte, „Wie der Soldat das Grammophon repariert“. „Herkunft“ liefert nun die reale Basis zur Fiktion, freilich ebenfalls auf literarische Weise.

Mit der ihm eigenen Alertheit springt der Autor zwischen Kindheit, Jugend und Gegenwart, zwischen Jugoslawien, Heidelberg und Hamburg hin und her; mit dem ihm eigenen Vergnügen an Umweg, Ausschmückung und Pointe erzählt er vom dosierten Einsatz der erlittenen Traumata (mehr als zwei, drei Kriegsanekdoten will keiner hören), von der Prophezeiungskraft von Kidneybohnen, vom philanthropischen Zahnarzt Dr. Heimat und vom Erwachsenwerden unter den ganz harten Jungs der Aral-Tankstelle im Heidelberger Vorort: „Wir waren Kriminalität, Jugendarbeitslosigkeit, Ausländeranteil.“

So ist dieses Buch bei aller peinlichen Selbstbefragung natürlich eine Erfolgsgeschichte, ein Werbeprospekt in Sachen Integration und der Beweis, dass das zähe Ringen um die neue Sprache, die „einen Kern hatte, hart wie der einer Pflaume“, sich gelohnt hat. Dass Stanišić den rechtschaffenen Flüchtling durch das neudeutsche Kunstwort „Geflüchteter“ ersetzt, erscheint als Stilbruch, als Überanpassung an die Regeln eines regelungswütigen Volkes.

In Wahrheit ist „Herkunft“ aber vor allem eine Hommage an die einst unbeugsame Großmutter Kristina in Višegrad, deren Tod am Ende vermeldet wird, ein Anschreiben gegen ihre Vergesslichkeit, ihre Schwäche, ihr Abhandenkommen. Des Anhangs, der im Gewand eines interaktiven Fantasy-Rollenspiels gestaltet ist (wie sie der Autor seinerzeit gerne gespielt hat), hätte es nicht bedurft, um dessen narrative Verschmitztheit zu beweisen. Gerade in den Passagen auf dem Balkan ist der versierte Erzähler stets vor sich selbst auf der Hut, im aussterbenden bosnischen Bergdorf der Urgroßeltern inszeniert er eine paradiesische Szene mit dem Vater und einer Otter im Baum: „Ich sah zur Schlange hoch und war mir fast sicher: Gleich sagt die auch noch was.“

In seiner Aversion gegen den „Zugehörigkeitskitsch“ schaut Stanišić sich genau auf die flinken Finger und wendet sich ausdrücklich auch an den Leser, „der an der ironischen Vervielfältigung von Vorurteilen und Klischees keine Freude hat“. Denn letzten Endes geht es hier darum, eine tiefe Wunde mit den Mitteln der Literatur zu heilen oder wenigstens den Schmerz zu lindern. Mit der Unterstützung so unterschiedlicher Ärzte wie Marx und Eichendorff. Und mit einer Haltung gegenüber Vergehen und Verlust, die der Weisheit sehr nahekommt: „Der Geschmack des Brunnenwassers ist aus Sprache gemacht. Die Sprache wird weiterfließen. Einer überleben, um zu erzählen.“

Daniela Strigl in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 4)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen