Mutter. Chronik eines Abschieds

von Melitta Breznik

€ 18,50
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Verlag: Luchterhand
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 160 Seiten
Erscheinungsdatum: 11.05.2020


Rezension aus FALTER 28/2020

Komm wir gehen heim sterben

Die Diagnose: Krebs im fortgeschrittenen Stadium. Die Prognose: keine Chance. „Komm wir gehen heim sterben“, sagt die Tochter bestimmt zur Mutter. Diese wollte nur kurz nach dem Befinden der 91-Jährigen sehen, die gerade noch bei guter Gesundheit und geistig fit war. Jetzt wird sie zu ihrer Sterbebegleiterin. „Wir verabschieden uns bei den Schwestern und Ärzten, die geschäftig ihrer Arbeit nachgehen, einige grüßen knapp, alles ist gesagt, jedes weitere Wort zu viel.“

Die Kunst von Melitta Breznik ist es, doch Worte zu finden. Viele sind es nicht, aber die richtigen. In dem schmalen Band „Mutter. Chronik eines Abschieds“ erzählt sie von den letzten 40 Tagen ihrer Mutter. Diese will, dass die Tochter als Medizinerin ihrem Leiden mittels Spritze ein Ende bereitet, was sie ihr jedoch verweigert. Dafür erfüllt sie ihr den Wunsch, zu Hause zu sterben, und pflegt sie bis zum Schluss.

Es ist ein stilles Buch, in dem der Tod und die Zeit, die das Sterben beansprucht, ihren Raum bekommen. Im Werk der 1961 in Kapfenberg geborenen Autorin und Ärztin schließt sich damit ein Kreis. In ihrem Debüt „Nachtdienst“ (1995) ging es neben dem Klinikalltag um den Abschied vom Vater. Der Text versuchte dem Mann näher zu kommen, dessen Alkoholismus als Schatten über dem Familienleben lag.

Die Sätze waren damals noch länger, die Stimmung kühl und sachlich, wie von einer schreibenden Chirurgin fast zu erwarten. Kurz darauf hat Breznik das Fachgebiet gewechselt, heute ist sie Psychiaterin und leitet in der Schweiz eine Klinik für Psychosomatik. Die Annäherung an die Mutter fällt, obwohl die Prosa einen Hang zur Lakonik hat, vielleicht auch aus diesem Grund im Ton wärmer aus.

Die Erzählerin richtet sich in der kleinen Wohnung ein, die die Mutter nach dem Tod des Vaters bezogen hat, und umarmt die Bettlägerige mit Alltagsgeräuschen: „Ein feiner akustischer Teppich aus Geschirrgeklapper, Rascheln von Zeitungsseiten, dem Rauschen des Wasserstrahls auf dem Boden des stählernen Abwaschbeckens, dem hellen Quietschen der Kühlschranktür, dem kurzen Knipsen des Lichtschalters soll den Tod noch eine Weile davon abhalten, ans Fenster zu klopfen.“

„Mutter“ bringt aber nicht nur eindrücklich bis in kleine, auch medizinische Details das Sterben des wichtigsten Menschen zur Sprache. Es umfasst das ganze Leben. Kinder spielen eine bedeutende Rolle – gewollte und ungewollte; solche, die leben und an ihren Eltern zu kiefeln haben, und solche, die früh sterben mussten oder gar nicht zur Welt kommen durften.

Die Tochter war eine ungeplante Nachzüglerin, die Mutter hatte zwei fast schon erwachsene Söhne, als sie mit etwas über 40 noch einmal schwanger wurde. Einer der Brüder verließ das Haus früh, der zweite starb mit 18 an einem Gehirntumor. Die Kindheit der Erzählerin war keine ganz schlechte – aber auch nicht das, was man eine glückliche, unbe-schwerte Zeit nennen würde: „Außer meiner Katze, den Wellensittichen und später dem Hund hatte ich niemanden, mit dem ich mich gegen die Schwermut meiner Eltern verbünden konnte.“

Breznik ist eine Meisterin solcher Sätze, die beiläufig wirken und dabei in hochkonzentrierter Form ein ganzes Familienporträt zeichnen. Interessant an ihrem Abschiedsbuch ist nicht zuletzt die nur scheinbar einfache Konstruktion. Ihre Chronik liest sich wie ein Live-Protokoll. Zwar mag sie auf Mitschriften oder Tagebucheinträgen basieren, bis zur erreichten Verdichtung muss sie freilich eine Reihe von Arbeitsschritten durchlaufen haben. Das Schöne ist, dass man als Leser davon nichts merkt. Es wirkt alles so mühelos.

Am Ende kommen auch die großen Themen zur Sprache, die die beiden jahrzehntelang erfolgreich gemieden haben. Als die Erzählerin mit 17 schwanger wurde, zwang die Mutter sie mehr oder weniger zu einer Abtreibung. Sie sollte es besser haben und nicht wegen eines Kindes in einem Provinzkaff hängen bleiben.

Melitta Breznik hat die Beengtheit ihrer Herkunft hinter sich gelassen und eine erfolgreiche Laufbahn als Ärztin eingeschlagen. Die literarische Karriere litt unter ihren langen Veröffentlichungspausen, die der Buchmarkt nicht duldet. Zwar werden ihre Werke, die meist von ihrer Familie ausgehen und das Erinnern sowie die Grenzen der Normalität behandeln, in der Regel sehr positiv rezensiert. Die breite Leserschaft, die sie sich verdient hätte, hat Breznik aber noch nicht erreicht.

Während die Zeit langsam abläuft, macht die Mutter viele Dinge zum letzten Mal. Erst in diesem Bewusstsein findet die Frau, die stets ruhelos war, späten Frieden. Auch die 24-Stunden-Pflege-Tochter, die die Wohnung kaum verlassen kann, empfindet nicht nur Stress. Es gibt auch Momente ruhiger Klarheit: „Der Kreis der Wahrnehmung wird kleiner, das Sehen wird genauer, die Welt, die sich hinter den Beobachtungen auftut, wird tiefer […]. Es ist ein Vorteil des Älterwerdens, wenn man sich mit dem Naheliegenden anfreundet, nicht damit hadert, sondern die Weite der Welt im Kleinen findet.“

„Mutter“ funktioniert als Erfahrungsbericht und Chronik einer schleichenden Überforderung ebenso wie als literarischer Text. Obendrein ist dieses Kammerspiel 1a-Entschleunigungsprosa.

Sebastian Fasthuber in FALTER 28/2020 vom 10.07.2020 (S. 30)


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