Fremdes Licht
Roman

von Michael Stavarič

€ 22,70
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Luchterhand
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 512 Seiten
Erscheinungsdatum: 09.03.2020


Rezension aus FALTER 11/2020

Zieht euch warm an!

Michael Stavarič dreht der Menschheit das Licht und die Heizung ab, recycelt dafür jede Menge Wiki-Wissen



Michael Stavaričs neuer Roman startet spektakulär und düster: Der Weltuntergang ist der Ausgangspunkt. Nicht die Klimakatastrophe, sondern der Komet, wie in Lars von Triers Film „Melancholia“, löst das Ende der Menschheit aus. Die biowissenschaftliche Avantgarde aus der Schweiz hat aber Vorsorge getroffen. Eine riesige Rakete startet mit einer auserwählten Schar in den Orbit, unter ihnen auch die Leiterin der Forschungsabteilung, eine gewisse Elaine – ein Name, der uns im Verlauf der Handlung noch in mehrfacher Ausfertigung begegnen wird. Ebenfalls an Bord befindet sich ein Apparat der Reproduktionsgenetik, der das Aussterben der Spezies verhindern soll.



Der Roman setzt ein, als von diesem Science-Fiction-Aufbruch nur mehr ein Wrack auf einem unbekannten Planeten mit ewigem Winter zurückgeblieben ist. Elaine, Geburtsjahrgang 2345, scheint die einzige Überlebende, der letzte Mensch in der Geschichte der Menschheit zu sein. Die Ich-Erzählerin kämpft sich zurück, überwindet die Körperstarre, sie behilft und tröstet sich mit Erinnerungen an frühere Zeiten und kommt dabei immer wieder auf den Großvater zurück, der auf Grönland gelebt hat und dessen Wissen um das Überleben in großer Unwirtlichkeit bei ihr offensichtlich auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Was Stavarič hier erstmals die Gelegenheit gibt, seine angelesenen Kenntnisse über Grönland reichlich auszubreiten.



Das Leitmotiv des ersten Romanteils ist die Erfahrung der Kälte. Nicht einmal die Thermounterwäsche hilft, die Temperaturen sind kaum zu ertragen. In immer neuen Anläufen („Die beißende Kälte zog mir förmlich die Haut ab“) wird beschrieben, wie der Frost alles durchdringt, wie sich der Körper mit allen Kräften gegen diesen übermächtigen Feind zu wehren versucht. Stavarič gibt sich, sprachlich variantenreich, dem schmerzenden Kältegefühl hin, bis auch den Leser der Permafrost der Unbehaglichkeit erfasst. Aus diesem Tiefkühlschrank scheint es kein Entrinnen zu geben.



Stavaričs Version der Schrecken des Eises und der Finsternis ist nicht ohne Überraschungen. Der Leser ist vielleicht durch die Lektüre seiner früheren Romane gewarnt, sprich: gewohnt, dass ihr Autor gerne mit Motiven jongliert. Elaine, die gerade taumelnd-frierend dem Kältekokon entstiegen ist, macht sich auf den Weg durch das inhumane Niemandsland und stößt auf – Meeresküsten, Eisbären, schweizerische Goldbarren und … War alles nur ein Traum? Oder einfach eine Rückkehr zum Ausgangspunkt? Der Autor bricht mitten in den Rätseln ab, denn er hat ja noch so vieles andere zu erzählen. Aber wie hängt alles zusammen?



Der zweite Teil des Romans stützt sich auf ein Kapitel aus der Biografie Fridtjof Nansens. Der mehrere Monate währende Aufenthalt des norwegischen Polarforschers bei den Inuits, den er zum Studium ihrer Lebensweise und ihrer Techniken für seine späteren Expeditionen in der Arktis nutzt, ist verbürgt. Um sie lebendiger zu gestalten, löst Stavarič die Geschichte dieser Wintermonate in zwei Perspektiven auf: Nansen führt in seinem Diarium Buch über seine Beobachtungen und Entdeckungen im bis dato wenig bekannten Grönland; Elaine, die junge Inuit-Frau, in der die Urgroßmutter der grönlandisch-mitteleuropäischen Familienbeziehungen (siehe Teil eins) vermutet werden darf, erzählt im Gegenzug von den Eindrücken und Erlebnissen, die sie mit der hoch technisierten Zivilisation (Grammofon, mechanische Singvögel, Revolver, Bücher etc.) hat.



Wer nun glaubt, aus der Annäherung der beiden würde sich eine Liebesgeschichte entwickeln, irrt. Die Begegnung des Forschers mit Elaine verläuft höchst keusch und verfängt ausschließlich in der ethnografischen Begeisterung.



Um in den Roman mit Spannung zu versorgen, schickt Stavarič seine Elaine im dritten Teil auch noch zur Weltausstellung von 1893 nach Chicago, wo sie mit größter Begeisterung die neuesten Erfindungen studiert. Wir dürfen daran teilhaben, wie sie über bewegliche Gehsteige eilt, Riesenrad und Telefon bewundert, Coca-Cola trinkt oder in einem neu errichteten Riesenhotel wohnt.



Und wieder nimmt der Roman, der nur sehr bedingt einer Abfolgelogik gehorcht, eine unvermutete Abzweigung. „Fremdes Licht“ mutiert plötzlich zum Krimi, weil in Chicago gerade ein Massenmörder sein Unwesen treibt. Auch das ist historisch gedeckt. Irgendwie hat der böse Hotelier an Elaine und ihrem Begleiter Gefallen gefunden. Kälte kehrt als Foltermittel wieder.



Es scheint dem Autor ein Grundbedürfnis zu sein, in seinem literarischen Spiel mit Gattungen und historischen Stoffen Belesenheit und Bildung zu demonstrieren. Vorrangig gibt er uns ausführlichen Unterricht über die Inuits, deren Idiome, Sprachbilder und Mythen. Die fremdartige Silbenschrift, der er reichlich Platz zugesteht, gefällt ihm sichtlich. Wikipedia-Wissen in Listenform findet immer wieder unvermittelt Eingang in die Erzählung, die Leser können sich in kurzen Übersichten über die Schlafdauer von Tieren, die Beschaffenheit verschiedener Planeten, die Biografien diverser Entdecker oder wissenschaftliche Theorien über das Ende des Kosmos informieren. Kurzbeschreibungen von Säugetieren am Polarkreis, von verschiedenen Vogelarten der nördlichen Hemisphäre nehmen etliche Seiten ein.



An Stoff, den Stavarič in seinen zwar materialreichen, aber alles andere als kompakten Roman gepackt hat, mangelt es also wahrlich nicht. Die Lektüre fühlt sich leider so an, als würde man einen Eiswürfel mit einem Meter Kantenlänge lutschen.

Alfred Pfoser in FALTER 11/2020 vom 13.03.2020 (S. 18)


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