Warten auf Kafka
Eine literarische Seelenkunde Tschechiens

von Martin Becker

€ 16,50
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Verlag: Luchterhand
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
Umfang: 224 Seiten
Erscheinungsdatum: 11.03.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Allen finden Gefallen am Mütterchen mit den Krallen

Sieben Biere und einen Schnaps lang trinkt und liest sich Martin Becker durch Prag und die tschechische Literatur

Was macht Prag, das Mütterchen mit Krallen, wie Franz Kafka seine Heimatstadt nannte, mit den ihr Verfallenen? Ein geheimnisvoller Kaffeehausbesitzer erklärt es Martin Becker, dem Autor und Erzähler dieser Prag-Hommage: „Die Krux an dieser Stadt, sagte Blumfeld, das ist Ihnen ja auch schon aufgefallen, ist die vermaledeite Intensivierung eines jeden existentiellen Gefühls. Wenn Sie glücklich sind, dann werden Sie es nirgendwo auf der Welt wieder so sehr sein wie hier. Dann ist es wie besonders veredeltes Glück. Daher die Sehnsucht. Daher der Wunsch, immer wieder zurückzukehren. Aber wenn das Unglück kommt … Ach weh, oh je.“

Die Krux mit vielen begeisterten Liebhabern ist ihr Hang zu manchmal etwas holprigen Formulierungen und ihre Hingabe ans Klischee.

Aber bei Prag ist tatsächlich alles ein bisschen anders. Im Falle der goldenen, der magischen, der fantastischen Stadt verzeihen die Prag-Liebhaberinnen und Prag-Liebhaber, die Prag-Kennerinnen und Prag-Kenner, mögen sie sonst auch streng und unbestechlich sein, die schamlose Ausbeutung aller Klischees.

Denn ja, das Bier ist tatsächlich besser als überall sonst, und ja, die Schönheit der Stadt ist trotz des fürchterlichen Touristenkitsches und der gedankenlosen, von Habgier getriebenen Demolierungen vieler alter Gebäude und Interieurs einfach nicht umzubringen. Und ja und noch einmal ja, die tschechische Literatur von Jaroslav Hašek über Bohumil Hrabal bis zu bei uns unbekannteren Autorinnen wie Lenka Reinerová ist großartig. Und natürlich: Kafka.

Wie soll man all den Geschichten und Anekdoten, all den Bildern und Büchern noch etwas Neues hinzufügen? Becker wählt die Form einer teils dokumentarischen, teils literarisch-fantastischen, immer euphorisch-subjektiv gestimmten „Seelenkunde“, die zugleich eine Einführung in die tschechische Literatur des 20. Jahrhunderts sein will.

Die Gliederung liegt auf der Hand: „Erstes Bier. Prager Vorwort“, dann weitere sechs Kapitel-Biere zu Hrabal, Kafka, Schwejk, Havel und einigen anderen, ein, zwei Würdigungen unbekannter Helden, und zum Schluss Schnaps. Mehr geht auch nicht. Jeder (auch jede?), der länger in Prag gelebt hat, weiß, dass mit dem achten Bier die (Wahrnehmungs-)Probleme beginnen. Insofern ist dieses Buch von großer Klarheit. Folgerichtig auch hält sich der Erzähler-Autor oft und ausdauernd in Kneipen und in Bars ohne Sperrstunden auf.

Nicht so ganz klar ist, was es mit der geheimnisvollen „Organisation“ auf sich hat, die den Autor mit Zugtickets, Geld, Wohnungen und gar einem Hund versorgt, damit er der Prager und damit auch der tschechischen Seele auf die Spur kommen möge. Ob es sich nun um eine getarnte staatliche Geheimorganisation oder gar nur um ein Hirngespinst handelt, sie erteilt jedenfalls rätselhafte, dem Erzähler im Nachhinein aber plausibel erscheinende „Aufträge“. Der Hund ist übrigens der Hund Karenin aus Milan Kunderas „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ – oder zumindest einer seiner Nachfahren; mit ihm reist er einen Sommer lang von Glücksmoment zu Glücksmoment durch Tschechien.

Es gibt schöne, kenntnisreiche und gelungene Porträts in diesem Buch, wie jene des Pop-Präsidenten Václav Havel. Es findet sich eine Würdigung der Dichterin Lenka Reinerová, der von den Nazis und den Stalinisten verfolgten Grande Dame der tschechischen Literatur. Das Literaturverzeichnis am Schluss listet viele interessante und gute Titel auf.

Aber es gibt auch viele überflüssige Sätze, Plattitüden und Klischees, beziehungsweise findet Martin Becker keine überzeugenden Sätze für die Quintessenz all der Seelensuche, für die „Melancholie, die ich so schätze, die ich so sehr liebte, die mir so sehr fehlte, wenn ich nicht hier war“.

Dennoch wird Prag in alle Zukunft mit nachsichtiger Gelassenheit auf alle seine Bewunderer blicken und weiterhin in Schönheit erstrahlen.

Bernhard Fetz in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 16)


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