Winterbergs letzte Reise
Roman

von Jaroslav Rudiš

€ 24,70
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Verlag: Luchterhand
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 544 Seiten
Erscheinungsdatum: 25.02.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Leichen pflastern seinen Weg

In seinem ersten auf Deutsch verfassten Roman entwirft Jaroslav Rudiš ein hintersinniges Mitteleuropa

Zwei Personen: Eine erzählt, und eine redet viel (zu viel). Der Ich-Erzähler hat eine bewegte Vergangenheit, einen reichen Erfahrungsschatz im Wirtshaus- und Kneipenleben von Berlin, Prag und anderswo in Tschechien. Der Leser findet vieles aus den früheren Werken von Jaroslav Rudiš wieder, der, 1972 in Turnau/Turnov geboren, seit 2002 Romane, eine zum Kult gewordene (und preisgekrönt verfilmte) Graphic Novel und Drehbücher veröffentlicht hat. Der im Dezember vorigen Jahres von der ARD ausgestrahlte Prag-Krimi „Wasserleiche“, an dessen Drehbuch er mitgeschrieben hat, war übrigens ein Glanzlicht in der Flut von TV-Thrillern mit Lokalkolorit.

Das Böhmische Paradies (keine Metapher, sondern die Bezeichnung für den Landstrich, aus dem er stammt) hat Rudiš in Richtung Deutschland verlassen. 2012/13 hatte er die Siegfried-Unseld-Professur der Humboldt Universität Berlin inne und begann, auf Deutsch zu schreiben, neben Theaterstücken auch den soeben erschienenen Roman, „Winterbergs letzte Reise“.

Winterberg/Vimperg ist der Geburtsort des Pflegers und Erzählers Jan Kraus und auch der Name der Hauptfigur, nach seinen eigenen, nicht recht vertrauenswürdigen Angaben 99 Jahre alt. Der befindet sich nach einem Schlaganfall in komatösem Zustand, was vermuten lässt, dass es wieder eine „Überfahrt“ wird, wie Jan seine Sterbebegleitungen nennt. Meist sind sie von kurzer Dauer. Diesmal aber ist es anders.

Als Kraus beginnt, Winterberg mit seiner „Bibel“, einem Bilder-Duden von 1938 und die Quelle seiner Deutschkenntnisse, zu traktieren, hat dies zunächst keine Wirkung. Dann erwischt er die richtige Stelle, aus Winterberg tröpfeln vier Wörter, die den Verlauf des Buches bestimmen werden: Feuerhalle, Grab, Bahnhof, Dampflokomotive – und schon bald sprudelt es gewaltig. Während Jan nämlich wie ein Bernhard’scher „Stummer“ als reine Ansprechstation fungiert, vermeint Winterberg, „historisch durchzuschauen“. In den krankheitsbedingt atemlosen „historischen Anfällen“ entwirft er seinen eigenen Mitteleuropa-Kosmos, der sich vom Schlachtfeld Königgrätz bis zur Brücke des Attentats von Sarajevo erstreckt, und auch Orte wie die ukrainische Produktionsstätte des Salonleichenwagens der Kaiserin Elisabeth oder die V2-Versuchsrampe in Peenemünde umfasst.

Winterbergs Suada ist kein Einhalt zu gebieten, und aus der geplanten „Überfahrt“ wird tatsächlich eine Reise. Die „Bibel“ Winterbergs, sein „kleines rotes Buch“ – es ist nicht die Mao-Bibel, sondern der Baedecker Österreich-Ungarns aus 1913 – dient als Führer zu einer Reise, die im Zickzack durch Geschichte und Geografie der böhmischen Länder über Wien und Budapest bis nach Kroatien verläuft.

Dort stellen die beiden Reisenden fest, was jedem, der heute den Balkan mit der Bahn zu durchqueren plant, schon auffallen musste: Sarajevo, der geplante Endpunkt, ist nur mehr mit dem Flixbus zu erreichen; das bröckelnde Bahnnetz der Monarchie ist mit den Jugoslawienkriegen endgültig zerfallen.

Ein Verlassen des Zuges kommt für einen Bahnbesessenen wie Winterberg naturgemäß nicht infrage. Was da aber schon alles er-fahren wurde – mit Berg- und Schmalspurbahnen, Kriegserinnerungsstätten (wie das Wiener Arsenal) und Kurorte von Karlsbad bis Bad Ischl inbegriffen –, war die Reise allemal wert.

Besonders viel erfährt man nebenher über die Entwicklung des Krematoriumswesens der Donaumonarchie (Winterbergs Vater gründete die erste „Feuerhalle“). Der Alte schaut ja „historisch durch“, was etwas anderes bedeutet, als die Geschichte zu durchschauen. Nach und nach wird dem Leser bewusst, dass auch Winterbergs Vater und Großvater durch diesen hindurchsprechen. Vom einen, der Weichensteller war, kommt die Leidenschaft für alles Ferroviale; vom anderen die Beschäftigung mit dem Bestattungswesen – man verdankt ihm eine eindrucksvolle Reihe von Todesfällen: Herz- und Beilleichen, Bomben-, Gas- und Kopfschusstote aus den Kriegen, Eisenbahn- und Rangierleichen, historische Reminiszenzen wie Fenstersturztote. Mindestens 48 Arten Verblichener kommen da vor. Alle nicht „schön“, mit einer Ausnahme: die Frostleichen (eine Anspielung auf Bernhard?). Jedenfalls ein Hinweis auf das Ende des Buches …

Rudiš Meisterschaft zeigt sich in Lakonie und mitteleuropäischer „Hinterfotzigkeit“. Unter dem Wust von interessanten Nebensächlichkeiten im Schwadronieren Winterbergs und den wortkargen Einwürfen des Erzählers blitzt gelegentlich, fast unfreiwillig, wahre Tragik auf: Geschichten von Verlust, Schuld und Verrat.

Im Kriegsdienst verscharrte Winterberg entlang der Gleiskörper Leichen aus Osttransporten, seine Gleichgültigkeit führte zum Tod der jungen jüdischen Freundin, die sich in Sarajevo aus dem Hotelfenster stürzt. Auch der wortkarge Jan beschränkt sich auf nebulöse Erinnerungen an gescheiterte Verhältnisse und Wortspenden zur Geografie des böhmischen Brauwesens, dabei hätte er von einer Flugzeugentführung und dem daraus resultierenden Gefängnisaufenthalt sicher Beachtenswerteres zu erzählen.

Beeindruckend ist die virtuose Materialbehandlung des Autors. Autobiografisches wie die Erinnerungen an den Großvater, den Eisenbahner Alois Nebel aus Rudiš gleichnamiger Graphic Novel, wird fortgesponnen, obskure historiografische Dokumente machen neugierig: die Aufzeichnungen eines Schwarzenberg’schen Waldhegers etwa, oder „Die Überschienung der Alpen“ des vergessenen Reiseschriftstellers Schweiger-Lerchenfeld. Der aufmerksame Leser übersieht darob nicht die Tücken der Geschichte.

Thomas Leitner in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 14)


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