Fuchs 8

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Fuchs 8 war immer schon neugierig und ein bisschen anders als die anderen Füchse seiner Gruppe. So hat er die menschliche Sprache gelernt, weil er sich gern in den Büschen vor den Häusern versteckte und zuhörte, wenn die Menschen ihren Kindern Gutenachtgeschichten vorlasen. Die Macht der Worte und Geschichten befeuert seine Neugier auf diese Wesen, bis Gefahr am Horizont auftaucht: Der Bau eines riesigen Einkaufszentrums zerstört den Wald, in dem die Füchse leben, und sie finden kaum noch Nahrung. Dem stets belächelten Tagträumer Fuchs 8 bleibt nur eines: Er beschließt, seine Fuchsfamilie zu retten, und macht sich auf den Weg zu den Menschen …


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FALTER-Rezension

Mit den Augen eines Fuchses

Der Fuchs ist das ausgemachte Tier der Stunde“, konstatiert Katrin Schumacher angesichts der herrschenden Konjunktur von Titeln à la „Der kleine Fuchs hört einen Mucks“. Das trifft beileibe nicht nur auf die Kinderliteratur zu. Neben Schumachers soeben erschienenem Buch „Füchse. Ein Portrait“ ist vor wenigen Wochen nämlich auch noch „Füchse. Unsere wilden Nachbarn“ der britischen Ökologin Adele Brand herausgekommen.

Nimmt man nicht bloß den Buchmarkt der Gegenwart, sondern gleich die ganze Geschichte der Menschheit in den Blick, stellt sich schnell heraus, dass der Fuchs eigentlich immer Saison hat. Seit Jahrtausenden tollt er durch Märchen und Mythen, Literatur und Legenden, treibt sich längst auch im Film und im Fernsehen herum. Er ist eine Konstante der Kulturgeschichte, immer attraktiv, aber zugleich hochgradig ambivalent. Die Schläue, die ihm in Fabeln ­von Aesops abwärts stets zugestanden wurde, wird ihm am anderen Ende des Wertschätzungsspektrums als Verschlagenheit ausgelegt, die erotische Anziehungskraft, die Jimi Hendrix in „Foxy Lady“ besingt, als verstörende Triebhaftigkeit.

Ethnologen und Mythenforscher kennen die Figur des Tricksters, Wesen, die sich sogar mit Göttern anlegen und einerseits große Kulturleistungen vollbringen, andererseits allerlei destruktiven Schabernack veranstalten. Im klassischen Altertum war es der dem Titanengeschlecht entstammende Prometheus, der den Göttern das Feuer entwandte und es den Menschen brachte, in den Legenden der Apachen wurde der nämliche Job vom Fuchs erledigt (die Bestohlenen sollen in diesem Falle die Leuchtkäfer gewesen sein).

Die Spuren des Fuchses führen bis in prähistorische Zeiten zurück. Fuchsdarstellungen finden sich in den Höhlenmalereien von Lascaux und Altamira, die auf das 13. bis 17. vorchristliche Jahrtausend datiert und von manchen Wissenschaftlern sogar als wesentlich älter eingeschätzt werden, und auf den Steinreliefs der Säulen von Göbekli Tepe, der ältesten Tempelanlage der Welt, tummeln sich ebenfalls Füchse.

Als besonders reichhaltig und vital hat sich die Fuchsmythologie Japans erwiesen. Bereits im 6. Jahrhundert taucht eine wunderschöne Frau namens Kuzunoha auf, die nach der Eheschließung wieder ihre ursprüngliche Füchsinnengestalt annimmt. Der junge Ehemann ist freilich entschlossen, bei ihr zu bleiben, und spricht die Worte „ki tsune“ oder „kitsu ne“ aus – eine Aufforderung zum Beischlaf oder auch nur zum Schlafen. Die reiche Kitsune-Tradition, durch die Femmes fatales in Form neunschwänziger Geisterfüchse schnüren, hat sich bis zu den Animés unserer Tage erhalten.

Auch in „Genji Monogatari“, der Geschichte vom Prinzen Genji, die aus der vorletzten Jahrtausendwende datiert, taucht eine Gestalt auf, von der nicht ganz klar ist, ob es sich um eine Frau oder einen Fuchs handelt, und dieses Changieren zwischen den Gattungen und Geschlechtern hat im Laufe der Jahrhunderte offenbar nichts von seiner Faszinationskraft verloren. „Himmelwärts“, der kürzlich erschienene Roman von Elisabeth Klar, spielt unter Dragqueens und Transsexuellen und handelt von einer Füchsin, die sich eine Menschenhaut überstreift, um in die Wiener Schwulenszene einzutauchen. Die Protagonistin heißt übrigens Sylvia – von „silva“, Lateinisch für „Wald“.

Denselben Namen trägt auch die junge Frau aus David Garnetts großartiger Novelle „Dame zu Fuchs“. Der bisexuelle Autor, Buchhändler und Verleger gehörte der Bloomsbury-Gruppe um Virginia Woolf an, mit deren um vieles jüngeren Nichte Angelica Bell – im Übrigen die Tochter eines Ex-Lovers – er vier Töchter in die Welt setzen sollte. Im Unterschied zu „Himmelwärts“ geht es in „Lady into Fox“ aber nicht um Verkleidung, sondern um Verwandlung, und die ereignet sich erklärungslos, quasi Knall auf Fall: „Wo eben noch seine Frau gewesen war, stand, mit leuchtend rotem Fell, ein kleiner Fuchs. Der schaute ihn flehentlich an, machte ein paar Schritte auf ihn zu, und Mr Tebrick erkannte sogleich, dass es seine Frau war, die ihm da aus den Augen des Tieres entgegenblickte.“

Dass eine solche Geschichte in England, wo die „Parforcejagd“, also die Hetzjagd, auf Füchse zu Pferd und mit Hunden eine lange Tradition hat und erst 2005 verboten wurde, nicht gut ausgehen wird, kann man erahnen. Wie Garnett die fortschreitende Verfuchsung der Frau und die im Grunde genommen sehr liebevollen und toleranten Anpassungsanstrengungen beschreibt, die Mr Tebrick unternimmt, um das eheliche Zusammenleben zu regeln, ist freilich ebenso rührend wie komisch.

Für George Saunders’ Geschichte „Fuchs 8“, die unlängst in deutscher Übersetzung erschienen ist, gilt das gleiche. Wobei der US-amerikanische Booker-Preisträger den entgegengesetzten Weg geht: Bei ihm nähert sich der Fuchs den Menschen an. Anhand der Gutenachtgeschichten, die eine Mutter ihren Kindern vorliest, lernt der Titelheld, der von diesem Schauspiel ganz hingerissen ist, „Mänschisch“, das er orthografisch zwar recht eigenwillig umsetzt, aber in umgangssprachlich kompetentem Idiom bei seinem besten Kumpel anbringt: „Und ich so: O wau. Aber nich in Füksisch, sondern in Mänschisch. Fuks 7 war so geschokkt, das er einfach nur Hintern auf Boden gesezz hat, Zunge raus und di Augen so weit offen wie wenn man tot tal überascht ist. Und ich drauf: Korrekk, Alter, was das grat war war Mänschisch. Und er so: Das is zimlich gut, Fuks 8. Und ich so, auf Mänschisch, vleich bisschen angegeem: Das ist voll supergut, Fuks 7.“

Ausgerechnet eine „Mool“, also die Shoppingmall Foxview Common (in der Übersetzung von Frank Heibert: „Fuksblikk Zenter“), erscheint Fuchs 8 als der Gipfel menschlicher Kulturleistung. Allerdings kommt es dort zu einer traumatischen Begegnung mit zwei Bauarbeitern, die Fuchs 7 das Leben kostet und Fuchs 8 in eine tiefe Melancholie stößt, was ihn dazu veranlasst, einen Brief an einen Vögel fütternden, „dikkenTüpen“ namens P. Melonsky zu verfassen: „Du wirks zimlich nett, P. Melonsky. Lis mein Brif, ge hin und frag deine Mitmänschen, was los is, schreib mir zurückk und leg die Antwort unter das Fogelhoischen.“

Echte Füchse schreiben keine Briefe, aber sie kommunizieren selbstverständlich, vor allem über Gerüche und mithilfe ihrer hochsensiblen Nasen. Der stechend nach Methylsulfit riechende Fuchsurin, der auch zur Reviermarkierung dient und eine an der Schwanzoberseite angebrachte Drüse, die aufgrund des veilchenartigen Dufts, den sie absondert, Viole genannt wird, helfen dabei.

„Der Fuchs ist eine Katzensoftware, die auf einer hündischen DNA läuft“, lautet die pfiffige Definition Katrin Schumachers. So wie Katzen, vor deren Krallen er sich durchaus in Acht nehmen muss, verfügt der Fuchs über vertikale Pupillen; so wie Katzen kann er, im Übrigen als einziger Canide, seine Krallen einziehen; und so wie Katzen frisst er – im Unterschied zu dem, was Märchen und Kinderlieder nahelegen – vor allem Mäuse. Das ist auch der Grund, warum sein Verhalten weit weniger sozial ist als jenes der mit ihm verwandten Wölfe: Elche muss man im Rudel jagen, bei Wühlmäusen wäre das absolut kontraproduktiv. Sind Mäuse in ausreichender Menge nicht vorhanden, ist das für den Nahrungsgeneralisten kein Problem: Der Fuchs steigt eben um auf Aas, Amphibien, Insektenlarven, Beeren oder das Hundefutter, das ihm in Hinterhöfen und Gärten serviert wird.

Füchse sind Adaptionsgenies. „Wir gestalten den Fuchs um“, schreibt ­Adele Brand. Deswegen sind Füchse, in deren Körperfett auch schon Rückstände von Flammschutzmitteln gefunden wurden, mittlerweile auch weltweit als Stadtbewohner bekannt. Man trifft sie in Toronto ebenso an wie in Melbourne. In London, wo mehr als 10.000 von ihnen leben, gehören sie, wie Lucy Jones in ihrem Buch „Foxes Unearthed“ schreibt, längst so selbstverständlich zum Stadtbild „wie rote Telefonzellen und schwarze Taxis“.

In den Medien sorgt der „urban fox“ immer wieder für Schlagzeilen. 2011 fand man „Romeo“ im 72. Stock des gerade im Bau befindlichen Wolkenkratzers „The Shard“, andere ebenfalls in London ansässige Füchse wurden beim Rolltreppen- und Busfahren beobachtet, und in Ottawa sorgte ein Fuchs für Erheiterung, der auf seinem Bussitz eingeschlafen war. Einen eher urbanen Lifestyle dürfte auch jene in der deutschen Gemeinde Föhren ansässigen Fähe bevorzugt haben, die im Umkreis ihres Baus und in einem nahegelegenen Steinbruch 118 Schuhe versteckt hatte.

Der einst scheue Waldbewohner ist uns im Laufe der gemeinsamen Geschichte immer näher gerückt und gibt doch bis heute Rätsel auf. In ihrem 2013 veröffentlichten Song „The Fox“ zerbricht sich das unter dem Namen Ylvis bekannte norwegische Scherzkeksbrüderpaar Vegard und Bård Ylvisåker den Kopf darüber, wie sich eigentlich der Fuchs anhört. Klar, der Hund macht „woof“, die Katze „meow“, die Kuh „moo“ und der Fisch „blub“, aber: „What does the fox say?“ Die Frage, die zugleich der Refrain des Liedes ist, wird von Ylvis vorsätzlich falsch und kindisch beantwortet, sorgte aber dafür, dass das You­tube-Video bis heute über 929 Millionen Mal aufgerufen wurde.

Tatsächlich sagt der Fuchs weder „Ring-ding-ding-ding-dingeringeding“, noch „Joff-tchoff-tchoffo-tchoffo-tchoff!“, sondern gibt als Hundeartiger durchaus entsprechende Geräusche von sich.

Weil die Fähe nur drei Tage lang empfängnisbereit ist, kommt dem während der winterlichen Paarungszeit zu vernehmenden „Ranzbellen“ arterhaltende Funktion zu. Adele Brand transkribiert es mit „Wäh-wäh-WÄH“ (Betonung auf der letzten Silbe), bei Konflikten sei das ganze Jahr über ein „hysterisches Kreischen, das entfernt an Jodeln erinnert“, zu vernehmen.

Noch spezifischer fällt die Antwort auf die Frage „How does the fox walk?“ aus: „Der Fuchs schnürt. Er hat eine Art, sich zu bewegen, die kein anderes Lebewesen mit ihm teilt. Dabei treten die Hinterpfoten über Kreuz in die Abdrücke der Vorderpfoten, links in rechts, rechts in links.“ Wobei es diesem verqueren Gang, wie Katrin Schumacher beteuert, keineswegs an Eleganz gebricht: „Der Fuchs schwingt leise hin und her, wobei das beeindruckende Büschel an seinem Hinterteil, dieses scheinbare Zuviel an Körper zum Tariergerät wird. Der Fuchsschwanz ist keine Dekoration. Sondern schlicht Evolution.“

Zur Dekoration wurde er vom Menschen freilich immer wieder gemacht. An der Autoantenne eines Opel Manta brachte es der Fuchsschwanz in den 1970er- und 1980er-Jahren zum Insigne prolliger Coolness, ein um den Nacken drapierter Fuchs samt Schwanz, Schnauze und künstlichen Äuglein verlieh der Frau von Welt lange Zeit mondänes Flair.

Während die britische Fuchspopulation auf etwa 430.000 Exemplare geschätzt wird, sind in Deutschland in der Jagdsaison 2015/16 gezählte 466.186 Füchse erschossen worden. Als einer der verbiestertsten Fuchsfeinde aller Zeiten erwies sich übrigens ein Österreicher. Der Forstwissenschaftler Raoul Ritter von Dombrowski zu Paprosz und Kruszwice, Großvater des Nazi-Funktionärs und Künstlers Ernst von Dombrowski (der unter anderem Franz Karl Ginzkey rassistisches Kinderbuch „Hatschi Bratschi’s Luftballon“ illustrierte), lässt in seiner 272 Seiten starken Monografie „Der Fuchs“ (1883) kein gutes Haar am Objekt seines Abscheus und erkannte an Physio­gnomie, Mimik und Motorik unzweifelhaft „den schleichenden Dieb und Meuchelmörder“.

Gut 130 Jahre später schwingt das Pendel in die andere Richtung aus. Es ist – wie könnte es anders sein? – ein spleeniger Brite, der die bislang extremste Annäherungsanstrengung an den Fuchs unternimmt. In seinem Buch „Der Geschmack von Laub und Erde“ (2017) beschreibt der Tierarzt, Anwalt, Philosoph und Publizist Charles A. Foster, wie er Erdschnakeneier von der Wiese leckt, an Müllsäcken schnüffelt oder ein Nickerchen unter den Rhododendronbüschen eines Eigenheimgartens hält. Als ihn ein gestrenger Polizist zur Rede stellt und wissen will, warum er widerrechtlich auf einem fremden Grundstück schlafe, repliziert Foster: „Natürlich dürfen Sie fragen, aber meine Antwort wird Ihnen vermutlich nicht gefallen. Ich versuche, ein Fuchs zu sein.“

Im Interview mit dem Falter gestand Foster, dass „Being a Beast“ (so der Originaltitel) „ein unheilbar anthropomorphes Buch“ sei. Andererseits halte er diesen Zugang, der unter Wissenschaftlern als „ultimative Ketzerei“ gelte, für keinen so schlechten Anfang. Wenn ein Fuchs winselnd neben seiner toten Gefährtin sitze, „dann finde ich es einen ziemlich brauchbaren und keineswegs unwissenschaftlichen Ansatz zu sagen: Der Fuchs ist wohl ziemlich traurig!“

Klaus Nüchtern in Falter 19/2020 vom 08.05.2020 (S. 32)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783630876207
Ausgabe Deutsche Erstausgabe
Erscheinungsdatum 28.10.2019
Umfang 56 Seiten
Genre Belletristik/Erzählende Literatur
Format Hardcover
Verlag Luchterhand
Übersetzung Frank Heibert
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