Wir bleiben noch

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Mit hinreißend lakonischem Witz erzählt Daniel Wisser von vier Generationen einer Familie, durch die sich die Gräben eines ganzen Landes ziehen. Er zeichnet das Bild einer Gesellschaft, der langsam dämmert, dass sich der Traum vom ungebremsten Fortschritt gegen sie wendet.Die Welt um Victor Jarno hat sich verändert — und wie immer hat er es zu spät bemerkt. Victor ist Mitte vierzig, kinderlos und der letzte Sozialdemokrat in einer Wiener Familie mit sozialistischen Wurzeln bis in die Kaiserzeit. Nur scheint sich niemand daran zu erinnern, selbst seine Mutter und seine Tante hat der politische Rechtsruck erfasst. Mit der Rückkehr von Victors Cousine Karoline aus dem Ausland, flammt eine dreißig Jahre alte heimliche Liebe wieder auf: Beide verachten e-Scooter, Stand-up-Paddling und die regierenden Rechtsparteien. Doch als aus ihnen ein Paar wird, droht die Familie an dem Skandal zu zerbrechen. Noch dazu vererbt ihnen die Großmutter vor ihrem Tod ihr Haus auf dem Land, in das Cousine und Cousin nun zum Missfallen ihrer Eltern, die das Haus gerne geerbt hätten, einziehen. Was aber lässt sich in einer Welt, in der ihre Ideale im Niedergang begriffen sind und ihre Familie zerbricht, noch retten?

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FALTER-Rezension

„Man kann sich nicht ausklinken“

Teresa reicht’s. Auch Victor hat genug. Die Hauptfiguren der Romane von Silvia Pistotnig („Teresa hört auf“) und Daniel Wisser („Wir bleiben noch“) sind sich auf den ersten Blick sehr ähnlich. Sie halten die Welt nicht mehr aus und ziehen sich zurück. Der Unterschied ist: Teresa kämpft mit größter Härte auch gegen sich selbst, während Victor dem Leben zugewandt bleibt.

Wisser und Pistotnig lesen am Wochenende beim Festival Rund um die Burg aus ihren Romanen. Leider nur digital, Publikum ist im Zelt vorm Burgtheater heuer aus Sicherheitsbedenken noch keines zugelassen. Das Gespräch fand bei Kaffee und Wasser in Daniel Wissers Wohnung statt.

Falter: Frau Pistotnig, Herr Wisser, das Festival Rund um die Burg war als erste große Literaturveranstaltung vor Publikum geplant. Jetzt findet es doch nur digital statt. Wie groß ist die Enttäuschung?

Daniel Wisser: Beträchtlich. Das Digitale ist nix. Als im September und Oktober 2020 Lesungen vor Publikum stattfinden konnten, waren fast alle ausgebucht, teilweise sogar überbucht. Die Leute wollen das nicht als Video. Bei Rund um die Burg werden wir zumindest vor Ort gefilmt. Das ist besser als zuhause vorm Computer zu lesen, wie ich es schon gemacht habe. Hinten geht die Freundin zur Wäschespinne und hängt Socken auf, während man einem Niemand seinen Roman vorträgt. Das ist trostlos.

Silvia Pistotnig: Vor Publikum ist es natürlich schon netter. Aber für mich haben Lesungen generell keinen hohen Unterhaltungswert. Tut mir leid, das als Autorin sagen zu müssen.

Wisser: Ich habe das vermisst. Besonders die Veranstaltungen, wo man in eine Kleinstadt fährt und in einer Bibliothek liest, sind für mich wichtig.

Die Buchbranche hat interessanterweise nicht darunter gelitten, dass es kaum Events gab. Es wurden 2020 sogar mehr Bücher verkauft als im Jahr zuvor.

Wisser: Das hat mich gefreut. Es gibt vor den Buchmessen ja immer Negativ-Meldungen im Feuilleton. Es gebe zu viele Bücher und der Verkauf gehe beständig zurück. Das stimmt nicht.

Pistotnig: Aber wie kommen diese Zahlen zustande? Ich glaube, die Bücher, die sich gut verkaufen, gehen eben noch besser.

Wisser: Du meinst, die Schere geht noch weiter auseinander?

Pistotnig: Genau, Juli Zeh verkauft jetzt noch mehr. Ich bin beim kleinen österreichischen Verlag Milena und merke davon wenig. Für meinen Roman zählt vor allem noch der regionale Buchhandel, bei den großen Internetanbietern spielt er einfach keine Rolle.

Wisser: Ich bin mit meinem neuen Roman zum großen deutschen Verlag Luchterhand gewechselt. Mir wurde dort schon vor der Pandemie gesagt: Die Belletristik nimmt gegenüber der Genre-Literatur wieder stark zu. Der Markt ist mit Krimis und Thrillern übersättigt. Juli Zeh ist eine Verlagskollegin von mir und zu Recht sehr erfolgreich. Das ist eine wahnsinnig sympathische Autorin, die strickt ihre Dinge nicht nach irgendwelchen kommerziellen Vorstellungen.

Pistotnig: Ich finde sie eh super und bin ein großer Fan. Sie schafft es immer, einen Nerv zu treffen.

Was braucht es noch, um sich im Literaturbetrieb zu etablieren und zu behaupten?

Pistotnig: Da kann ich noch nicht mitreden. Sag du, Daniel.

Wisser: Wieso? Du hast doch schon drei Bücher.

Pistotnig: Na gut, man braucht einiges an Frustrationstoleranz.

Wisser: Ausdauer braucht es bestimmt. Ich glaube aber, es gibt keine Rezepte. Das Wichtigste ist, dass man das macht, was man machen will. Dann erträgt man auch, wenn Dinge nicht so laufen, wie man sie sich vorstellt. Allerdings: Ohne Agentur funktioniert es heute nicht mehr. Hast du eine Agentur?

Pistotnig: Ja, hab’ ich, ich will ja auch weiterkommen. Wenn ich ehrlich bin, schreibe ich die Texte im Gegensatz zu dir nicht in erster Linie für mich. In einem gewissen Maß denke ich immer an die Leserinnen und Leser. Manchmal frage ich mich beim Schreiben schon: Ist das jetzt langweilig?

Die wenigsten Autorinnen und Autoren können vom Schreiben leben. Wie haben Sie das organisiert?

Pistotnig: Ich muss Teilzeit arbeiten. Und ich habe zwei Kinder. Durch die Lockdowns, das Homeoffice und Distance-Learning ging im letzten Jahr beim ­Schreiben gar nichts weiter. Sonst komme ich meist donnerstags und freitags am Vormittag dazu. Dann bin ich sehr schnell. Aber es passiert zu selten. Elternschaft mit künstlerischer Tätigkeit zu vereinbaren ist praktisch unmöglich. Auch Reisestipendien kann ich vergessen.

Der Kollege arbeitete lange in der EDV und kündigte vor ein paar Jahren seinen Job, um sich ganz dem Schreiben widmen zu können. Kam danach ein großer Produktivitätsschub?

Wisser: Ja, am Anfang schon. Seither schwankt es sehr. Ich hätte grundsätzlich mehr Zeit, was aber auch Druck macht. Thomas Bernhard hat die Situation im „Kalkwerk“ sehr schön beschrieben: Alle sind weg, es ist ideal, dann setzt man sich hin und muss feststellen, es geht nicht. Und schon ist man irgendwo im E-Mail-Postfach oder auf Twitter, um sich abzulenken.

Wie halten Sie es mit den sozialen Medien?

Pistotnig: Ich sehe Facebook und Instagram pragmatisch als Vermarktungsmöglichkeiten. Ich möchte ja, dass das Buch verkauft wird. Aber ich habe dort vor allem Leute als Freunde und Follower, die ich sowieso schon kenne. Okay: Wenn dadurch Volksschulkolleginnen mitbekommen, dass ich ein Buch geschrieben habe, kaufen sie es vielleicht. Aber eine Fanbase werde ich mir wohl nicht aufbauen können.

Dafür braucht es Follower-Pflege und regelmäßigen Content.

Pistotnig: Das ist mir dann wieder zu blöd. Ich frage mich ja immer noch, was man eigentlich auf Instagram macht. Und selbst wenn ich es wüsste: Was für Fotos soll ich reinstellen? Ich habe einfach nichts.

Wisser: Soziale Medien sind Zeitfresser. Das ist ein Klischee, aber es stimmt. Ich war von 2008 bis 2018 auf Facebook. Dann bin ich ausgestiegen. Aber ich bin nach wie vor auf Twitter aktiv und nun auch wöchentlicher Kommentator auf Zackzack.at. Da geht es vor allem um Politik. Twitter zeigt einem übrigens den Stellenwert von Kultur. Das politische Posting hat hundert Mal mehr Likes als die Ankündigung einer Lesung bei Rund um die Burg.

Was ist Ihr Antrieb, sich als Autor politisch zu äußern?

Wisser: Seit ein paar Jahren habe ich die Panik, was mit der Demokratie in diesem Land passiert. Manchmal denke ich mir: Erspar dir das, sag nix. Und dann kommt wieder eine Welle: Nein, du musst was ­schreiben, manches kann man nicht unkommentiert stehen lassen. Falls in Österreich irgendwann Situationen eintreten, wie ich sie leider befürchte, möchte ich zu mir selbst sagen können: Ich habe es wenigstens ausgedrückt.

Sie sind eine Ausnahme. Man hat das Gefühl, die meisten Autorinnen und Autoren wollen an Politik gar nicht anstreifen, um sich nicht die Hände schmutzig zu machen.

Wisser: Das enttäuscht mich sehr. Es muss nicht jeder dauernd seine Meinung sagen. Schlimm finde ich jedoch das Schweigen aus Taktik oder Kalkül. Das sehe ich bei vielen Kolleginnen und Kollegen. Schriftsteller müssten vor sich selbst eine andere Ethik haben als Friseure, Maurer oder auch Architekten.

Pistotnig: Schwieriges Thema. Ich finde es wichtig, sich moralisch nicht über andere zu erheben. Die Sicht des Maurers und der Friseurin zählen genauso.

Wisser: Die Meinung der Friseurin ist nicht weniger wert. Aber sie äußert sich nicht öffentlich.

Pistotnig: Manche verstehen es schon als politisches Statement, wenn sie auf Face­book etwas anklicken oder mit einem Banner ihre Meinung kundtun. Aber im Grunde heißt das nichts. Es hat keinen Aussagewert.

Wisser: Uns ist eine Diskussionskultur abhanden gekommen.

Pistotnig: Danke, das wollte ich damit sagen.

Warum ist Diskutieren uncool geworden?

Wisser: Weil es anstrengend ist. Verschiedene Meinungen muss man aushalten. So funktioniert die Sozialdemokratie. Das andere ist die autoritäre Führung. Die löst ein Problem in drei Sekunden, indem der Häuptling sagt: So machen wir das. Amazon ist auch so. Die Leute sagen: Das ist einfach so superpraktisch. Ja, natürlich, Sklaverei ist sehr praktisch. Wenn ich in Indien in einem Hotel bin, gebe ich meine Hemden am Vormittag ab, und um den Wert von 1,70 Euro kommen die zu Mittag gestärkt und gebügelt zurück. Du gehst wie ein Lord aus dem Hotel. Auch das ist praktisch. Aber wenn du hinschaust, wer da arbeitet und wie viel er verdient, hast du ein anderes Problem.

Ihre Figuren wollen sich dem entziehen, indem sie sich aus der Welt ausklinken – Victor flieht aufs Land, Teresa in sich selbst.

Wisser: Aber es klappt nicht. Auch wenn man alles abmeldet und kein Plastik mehr kauft. Man kann sich nicht ausklinken.

Pistotnig: Das ist Augenauswischerei. Du kannst alles selber anpflanzen und als Selbstversorger leben, dann ist der Boden vielleicht immer noch verseucht. Wir sind alle mittendrin. Was mich stört, ist, dass es immer die anderen sind, die etwas sollen müssen. Die sollen den Regenwald bitte stehen lassen. Aber ich will schon auf die Bahamas fliegen. Ich will den Luxus haben, da nehme ich mich gar nicht aus.

Wie viel von Ihnen steckt in Ihren Romanfiguren?

Wisser: Victor ist ein Kulturpessimist. Auch zu mir sagen die Leute nach ein paar Gesprächen: Na, du bist schon a bissl a Kulturpessimist. Viele nerven meine dauernden Vergleiche mit der Vergangenheit. Aber ich sehe das als Kulturverlust, dass das Vergangene eine immer kleinere Rolle spielt, auch bei der Lektüre in den Schulen und an den Universitäten. Mich stört es, wenn mir ein junger Autor erzählt, er hat was ganz Neues erfunden. Dann muss ich ihm leider sagen: Das gibt es schon, das ist aus den 1950ern und heißt Nouveau Roman.

Pistotnig: Teresa denkt, was ich mir oft denke, nur ins Extreme gesteigert.

Wir müssen noch über Ihren familiären Background und das Kärntner Wesen sprechen. Immerhin sind Sie beide in Klagenfurt geboren.

Pistotnig: Ich bin da geboren, aber ich habe in dem schönen Dorf Maria Pulst gelebt. Schönheit mit depressivem Beigeschmack, das macht Kärnten aus.

Wisser: Ich bin froh, dass ich das endlich klären kann. Ich bin kein Kärntner. Als ich vier Monate alt war, sind meine Eltern ins Burgenland gezogen. Da bin ich aufgewachsen. Meine Großeltern mütterlicherseits sind aus Niederösterreich, wo mein Roman spielt. Mein Vater war Wiener, und ich lebe auch seit 30 Jahren in Wien. Aber ich mag Kärnten. In bin jedes Jahr im Sommer dort und habe heute mehr Verbindung als früher.

Wo standen Ihre Familien politisch?

Wisser: Ich komme aus einer Familie, wo vor allem von meines Vaters Seite ständig Nachrichten geschaut und diskutiert wurde. Es war wie im Buch. Der beste Freund von Victors Vater ist Christlich-Sozialer. Victor geht den mit 16 besuchen und kommt mit ganz nassen Schuhen an. Inzwischen hat sein Vater angerufen und seinen Freund gebeten, Victor die Schuhe auszustopfen. Aber nur mit der Volksstimme. Und das hat der gemacht. Diese Geschichte ist wahr. Auf einem solchen Niveau war die Auseinandersetzung früher. Ein bissl mit Schmäh, aber auch mit Toleranz. Da fragt man sich: Wo ist das verloren gegangen? Sind wir heute wirklich so viel toleranter?

Pistotnig: Nein, null. Man diskutiert höchstens in seiner Bubble. Toleranz wird von allen anderen gefordert, aber man selbst bringt sie nicht auf. Ich komme aus einer christlich-sozialen Familie. Bis zu meiner Pubertät hatte ich quasi keine Berührung mit der Sozialdemokratie. Für mich war Bruno Kreisky ein lieber alter Mann aus dem Fernsehen. Das war’s schon. Diese Verherrlichung finde ich nicht gut. Die frauenpolitischen Errungenschaften, die Johanna Dohnal brachte, habe ich erst viel später erkannt.

Wurde zuhause viel politisiert?

Pistotnig: Ich habe mit meinen Großeltern in einem Haushalt gelebt. Wir hatten immer wahnsinnig viel Verwandtenbesuch. Es ist ständig politisiert worden. Es waren meistens Streitgespräche, auch wenn sie früher wahrscheinlich alle das Gleiche gewählt haben. Später war ein Verwandter von mir sogar Nationalratsabgeordneter. Der war bei der ÖVP und bei der SPÖ. Bei den Blauen ist er dann was geworden. Jörg Haider hat Leuten, die in der Politik was werden wollten, das Gefühl gegeben: Du kannst was werden.

Und wie sieht es heute aus?

Pistotnig: Die Großeltern sind gestorben, und die Familie ist nicht mehr so eng. Mein Bruder und ich leben in Wien. Mit meinem Vater diskutiere ich viel und ärgere mich oft. Aber er hat immer noch dieses Konsensuale. Nicht zu weit rechts, nicht zu weit links.

Letzte Frage: Was ist das Schönste am Autorenleben?

Pistotnig: Das Schönste wäre ganz ehrlich mal: Erfolg. Da kann ich jetzt noch so tun, als würde das keine Rolle spielen. Tut es ja doch. Einen Bestseller oder großen Buchpreis habe ich noch nicht erlebt.

Wisser: Für mich ist es der Moment, wo vor mir das fertige Buch liegt. Für mich ist das alles irreal, bis das Packerl kommt. Du kannst nichts mehr daran ändern, dann steht das für hunderte Jahre in der Nationalbibliothek. Ich habe diesen Tag immer genossen. Manches würde ich heute vielleicht etwas anders schreiben, aber unter meinen Büchern findet sich keines, das ein Schnellschuss war oder wo ich zu viel auf andere gehört hätte.

Pistotnig: Da bin ich anders. Wenn das Buch fertig ist, interessiert es mich nicht mehr. Ich nehme meine Bücher später auch nicht mehr in die Hand. Bei Auftritten lese ich immer dieselben Stellen vor.

Wisser: Das habe ich bei „Königin der Berge“ gemacht, da habe ich 75 Mal dasselbe vorgelesen.

Pistotnig: Bei so vielen Lesungen würde ich es mir überlegen.

in Falter 20/2021 vom 21.05.2021 (S. 4)


Wickie, Slime und Kreisky

Der Schriftsteller Daniel Wisser steht mit dem Privatmann Daniel Wisser in einem Konkurrenzverhältnis, das zur Eifersucht Anlass gäbe, vermutlich aber auszuhalten ist. Einem breiten Publikum ist der gebürtige Kärntner nämlich vor allem als Kandidat der „Millionenshow“ bekannt, der zwar die letzte Frage nicht beantwortet, aber immerhin 300.000 Euro mit nach Hause genommen hat. Im Jahr darauf, 2018, gelang dem Schriftsteller mit seinem allseits gelobten und mit dem Österreichischen Buchpreis bedachten Roman „Königin der Berge“ über einen grantelnden MS-Patienten der Durchbruch. Es müsste für den Schriftsteller allerdings schon sehr gut laufen, sollte ihm ein vergleichbarer pekuniärer Erfolg vergönnt sein wie dem Quizkandidaten.

Mit seinem jüngsten Roman „Wir bleiben noch“ ist Wisser nun von Jung und Jung zum deutschen Luchterhand-Verlag gewechselt – was eventuell erklärt, warum in diesem ein „Schuhschrank“ im Vorzimmer steht und eine „Plastiktragetasche“ Verwendung findet. Die Handlung spielt sich nichtsdestotrotz hauptsächlich zwischen Wien und dem burgenländischen Heiligenbrunn ab, wo der Protagonist, der mit dem Autor das Geburtsjahr (1971) teilt, das Haus der „Urli“ geerbt hat.

Dieser Victor Jarno gehört also der Erbengeneration an – als Draufwaag’ gibt’s auch noch zwei Sparbücher –, er hat aber schon davor beschlossen, dem Broterwerb ade zu sagen, weil: „Unter dieser Regierung werde ich auch nicht mehr arbeiten. Keinen Groschen Lohnsteuer für diese Sauerei. Aber ich muss bis zu meinem Lebensende mit meinen Ersparnissen auskommen.“

Victor kultiviert den Habitus eines früh Gealterten und aus der Zeit Gefallenen. Schon mit sieben soll ein graues Haar seinem Haupt entsprossen sein. Überzeugt davon, dass seit den 1980er-Jahren alles den Bach runtergeht, verachtet er Smartphones, E-Scooter und SUV-Fahrer (vor allem solche mit Mödlinger Kennzeichen) und betrachtet es als einen Ausdruck einer „Haltung“, wenn er im Café Toast Hawaii bestellt. Vor allem aber leidet der nach Victor Adler Benannte darunter, dass sich die Menschen von der Sozialdemokratie abgewandt und auf die Seite der „Christlichsozialen“ oder gar der Rechtspopulisten geschlagen haben – inklusive der eigenen Mutter, deren Schwester und deren böser Tochter Hanna, die, wenn sie schlecht gelaunt ist (eh immer), einen Möbelpacker auch schon einmal als „Kameltreiber“ bezeichnet.

Die progredierender Verbieder- und Verbiesterung unterliegende Tante Margarete hat aber auch noch eine gute und schöne Tochter. Victor begehrt seine Cousine Karoline seit einem feuchten Traum im Jahre 1988. Drei Jahrzehnte später ist es endlich so weit, dass er sich traut, die im Wanda-Welthit „Bologna“ besungene Hemmung zu überwinden und seinen Schwanz in die Fut seiner Cousine zu stecken – wie es Victors Leider-noch-Ehefrau vorsätzlich krude, aber sachlich korrekt formuliert.

Dass die Liaison schnell zur gar nicht verheimlichten Lebensgemeinschaft wird, schmeckt den Müttern der beiden gar nicht. Eine von Erbstreitigkeiten begleitete Eiszeit bricht aus, in der Sippe kalben die Gletscher. Dass Karolines offizieller Vater nicht ihr leiblicher ist, weiß diese seit Jahrzehnten; und dass die Mama was mit Victors freiwillig aus dem Leben geschiedenen Vater gehabt hat, steht auch im Raum.

Der Verdacht des Inzests schwebt also über den zärtlichen Cousins und Cousinen, und dieser leicht schwüle Soft-Porno-Touch passt gut zur weichzeichnenden Retro-Perspektive, aus der Victor die Welt wahrnimmt. Garniert mit zeithistorischen Vignetten – 1972 empfängt Kreisky Nixon in Salzburg, 1983 verliert er die Absolute –, versammelt der Roman all die Ingredienzien, mit denen die generationelle Nostalgie-Rituale à la „Wickie, Slime und Paiper“ gemeinhin ausstaffiert werden. Es treten auf: der Formel-1-Pilot Carlos Reutemann, der Bensdorp-Schokoriegel (in Blau und Grün), die Falk-Zigarette, die TV-Serie „Der goldene Schuss“ und der Song aus dem Teefix-Spot auf die Melodie von Cat Stevens …

Was abseits davon dem Setting an Gegenwärtigkeit zuwächst, sind zahllose, mit Emoticons und Piktogrammen garnierte WhatsApp-Konversationen der turtelnden Fortysomethings, die einen allenfalls peinlich berühren: Man gönnt den beiden ihr Glück, müsste aber nicht dabei sein.

Was auch immer das Thema, die Botschaft oder das Anliegen des Romans sein mag, es wird jedenfalls sehr umständlich, unökonomisch und tempobefreit erzählt. Ein Gerichtstermin, an dessen Ende plangemäß das Faktum von Victors Scheidung steht, wird auf dreieinhalb Seiten ausgewalzt, weil auch der Drucker rechts neben der Tür, das Post-it an der Wand über dem Drucker und das Klackern der Nägel auf dem Handydisplay der Frau aus der Kassastelle im ersten Stock gewürdigt werden wollen. Es wird reichlich Müll entsorgt und Geschirr abgespült, man geht sowohl um 6.30 als auch um 7.45 Uhr aufs Klo, und es wird recht viel eingeparkt.

Aber selbst wenn man sich darauf beschränkt, den Roman einfach nur als Liebesgeschichte im Spätsommer des Lebens zu lesen, bleibt der sich über 470 Seiten hinwindende Plot ziemlich dünn und konventionell. Der nostalgisch-mürrische Victor und die proaktiv-sanguine Karoline verbünden sich gegen „die Bösartigkeit der Welt“, widerstehen den Reizen der Resignation und ziehen ins Urli-Haus in Heiligenbrunn, wo Karoline eine Stelle als Ärztin annimmt und sogar Bürgermeisterinnenambitionen entwickelt. „Wir bleiben hier und tun auch etwas für den Ort.“ Amore, unser Kaff!

Klaus Nüchtern in Falter 11/2021 vom 19.03.2021 (S. 18)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783630876443
Ausgabe Originalausgabe
Erscheinungsdatum 08.03.2021
Umfang 480 Seiten
Genre Belletristik/Erzählende Literatur
Format Hardcover
Verlag Luchterhand
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