Das Versprechen

Roman – Booker Preis 2021
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Kurzbeschreibung des Verlags:

»Das Versprechen« erzählt vom zunehmenden Zerfall einer weißen südafrikanischen Familie, die auf einer Farm außerhalb Pretorias lebt. Die Swarts versammeln sich zur Beerdigung ihrer Mutter Rachel, die mit vierzig an Krebs stirbt. Die jüngere Generation, Anton und Amor, verabscheuen alles, wofür die Familie steht - nicht zuletzt das gescheiterte Versprechen an die schwarze Frau, die ihr ganzes Leben für sie gearbeitet hat. Nach jahrelangem Dienst wurde Salome ein eigenes Haus, eigenes Land versprochen ... doch irgendwie bleibt dieses Versprechen mit jedem Jahrzehnt, das vergeht, unerfüllt.Mit großer erzählerischer Kraft und nah an den Personen schildert Damon Galgut eine Familiengeschichte, die sich über dreißig Jahre des politischen Umbruchs in Südafrika erstreckt - von der Apartheid bis hin zur Demokratie. Während sich das Land von den alten tiefen Spaltungen zu einer neuen, gerechteren Gesellschaft hin bewegt, schwebt über allem die Frage: Wie viel Verbitterung, wie viel Erneuerung, wie viel Hoffnung bleiben?
Ausstattung: Pepper: Man Booker Prize 2021

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FALTER-Rezension

Einmal versprochen, mehrfach gebrochen

Eine Hochzeit, vier Todesfälle und vier Präsidentschaften umfasst dieser Panorama-Schwenk über ein Vierteljahrhundert südafrikanischer Geschichte, für den Damon Galgut im Vorjahr den Booker Prize erhielt. Absolut zu Recht, denn mit so viel bösem Witz und politischer Hellsichtigkeit hat das überstrapazierte Genre "Familienroman" schon lange niemand mehr ausgestattet.

Das titelgebende Versprechen - nämlich dass schwarze Bedienstete einst ein kleines Häuschen erben würden - wird lediglich von Amor, der jüngsten Tochter der weißen Farmersfamilie (namens Swarts, haha) erinnert und bei jedem sich bietenden Begräbnis aufs Tapet gebracht. Wie die Apartheid auch nach ihrer "Abschaffung" die Köpfe und Klassenverhältnisse bestimmt, wird hier mit unüberbietbarer erzählerischer Eleganz greifbar gemacht.

Klaus Nüchtern in Falter 27/2022 vom 08.07.2022 (S. 26)


Vier Todesfälle und eine Hochzeit

Unerschrocken, originell und wahrhaftig.“ „Ebenso schön wie niederschmetternd.“ „So atemberaubend anmutig wie schonungslos wahrhaftig.“ „Diamant-scharf, zeitgemäß und dringlich.“

Ein adjektivischer Platzregen des Lobes begleitete das Erscheinen von Natasha Browns „Assembly“, das in Großbritannien als bedeutendstes Debüt des Jahres 2021 gefeiert und wiederholt mit Virginia Woolfs Stream-of-Consciousness-Klassiker „Mrs. Dalloway“ verglichen wurde. Kein schlechtes Entrée für ein Debüt, das es im englischen Original gerade einmal auf 100 Seiten bringt. Aber selbst auf diesem knappen Raum, so konzedierte eine Kritikerin, gelänge es diesem „kraftvollen und präzisen“ Buch, mehr von der Last der kolonialen Hypothek des Vereinigten Königreiches zu vermitteln als so manch dreimal so dickes Buch.

„Nein, ich meine ursprünglich. Also deine Eltern, wo die herkommen. Afrika, oder?“ Es ist die klassische „Wo kommst du eigentlich her?“-Frage, angesichts derer sich ein nur skizzenhaft charakterisierter Mann, der seit fünf Jahren im Land ist, seine Steuern zahlt und bei der Fußball-WM für England jubelt, entmutigt und alles andere als willkommen fühlt.

Bevor sie als Schriftstellerin reüssierte, hat Natasha Brown Mathematik in Cambridge studiert und danach zehn Jahre im Finanzdienstleistungssektor gearbeitet. Und auch ihre namenlose Protagonistin hat allem Anschein nach eine beeindruckende und einträgliche Karriere hingelegt. Das bewahrt sie freilich keineswegs vor plattem Alltagsrassismus, sexistischen Übergriffen oder dem Verdacht, dass sie als Person of Colour ihre Beförderung vielleicht doch nur der Diversitätspolitik des Arbeitgebers verdankt.

Statt einer zusammenhängenden Erzählung wartet Browns Debüt mit einer Abfolge von Szenen, Kommentaren, Beobachtungen, Dialogen, Bildbeschreibungen und Zitat-Montagen auf. Das Fragmentarische und Kaleidoskopartige des Textes wird durch eine ganze Reihe typografischer, recht manieriert anmutender Eigenheiten – Zeilenbruch und Leerzeilen, Kursivierungen, Fußnoten et cetera – noch betont. Warum all das einen Roman ergeben soll, weiß wohl nur der Suhrkamp Verlag, der das Buch mit dieser, im Original nicht vorhandenen Genrebezeichnung versehen hat. Der Titel wurde mit „Zusammenkunft“ übersetzt, wobei die Mehrdeutigkeit von „Assembly“ notwendig auf der Strecke bleibt, steht der Begriff im Englischen doch unter anderem auch noch für „Montage“.

Und um den mehr oder weniger desperaten Versuch, sich eine Identität zusammenzubasteln und einen Platz in der Gesellschaft zu erobern, geht es in Browns Buch ganz wesentlich. „Scheiß auf den Sexismus – mach ihn dir zu Nutze!“, meint etwa Rach, die als „klein, verzogen, energiegeladen“ beschriebene Freundin der Ich-Erzählerin, die Rachs Appetit auf „eine größere Wohnung, einen besseren Freund, mehr Geld“ gleichermaßen beängstigend und bewundernswert findet; und die ihrerseits die allerbesten Aussichten auf die genannten Dinge hat, stammt ihr Boyfriend doch aus einer Familie, die nicht bloß vermögend ist, sondern über altes Geld, Einfluss und den entsprechenden Habitus verfügt.

Die Love Story, wenn man sie denn so nennen möchte, bildet auch den einzigen einigermaßen elaborierten Erzählfaden, der bis in die gemeinsame Studienzeit zurückführt: „Mein Stil, mein Auftreten, mein leicht affektierter City-Akzent, all das hat ihn angezogen. Er konnte die Person sehen, die ich da erschuf. Und er witterte eine Gelegenheit. […] Absichtlich-zufällig stieß er auf einem Dachterrassen-Barbecue in einem umgebauten Lagerhaus in Stepney mit mir zusammen. Dann kam die ganz dick aufgetragene Hugh-Grant-Charmeoffensive, während wir warmen, fruchtigen Pimm’s aus Einweckgläsern nippten. Hinter ihm erhob sich glitzernd und seufzend Canary Wharf, wunderschön.“

Klingt ein bisschen so, als hätte Pierre Bourdieu „Bright Lights, Big City“ geschrieben, und wenn es darum geht, die feinen und nicht ganz so feinen Unterschiede zwischen Menschen in Hinblick auf class, gender und race auf engstem Raum ebenso sinnlich wie sarkastisch zu erfassen, ist Natasha Brown nichts weniger als brillant. Wie die Schwiegermama in spe während der „Gartenparty“ – eine Anspielung auf Katherine Mansfields berühmte Short Story „The Garden Party“, in der Klassengegensätze ebenfalls eine entscheidende Rolle spielen? – ihren Toast und Tee zu sich nimmt, ist ein Highlight von „Zusammenkunft“.

Über ihre Protagonistin hat die Autorin freilich – spoiler alert! – nicht nur eine Krebserkrankung, sondern auch gleich noch die düstere Einsicht verhängt, dass dagegen anzukämpfen sich nicht lohnt, weil ohnedies alles aussichtslos, ein falsches Versprechen, ein sinistrer Trick eines Empire ist, in dem Menschen wie sie niemals einen Platz finden werden. Angesichts dieses Selbstentmächtigungsnarrativs ist man geneigt, dem zynischen Aufsteigerethos Rachs recht zu geben: „Die Opferrolle ist eine Entscheidung.“

Einen bösen Blick wird man auch Damon Galguts Roman „Das Versprechen“ nicht absprechen können; politischen Nihilismus aber kann man ihm bei aller Illusionslosigkeit, mit der hier die in Südafrika herrschenden Verhältnisse über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten dargestellt werden, nicht nachsagen: Man kann die Veränderungen zum Positiven nicht einfach leugnen, aber auch nicht abstreiten, dass sie zäh genug erkämpft wurden.

Anschaulich gemacht wird das mithilfe der altbewährten Methode, historische und soziale Auseinandersetzungen in den vermeintlich privaten und persönlichen Beziehungen widerzuspiegeln. Damon Galgut greift dabei auf das klassische Konzept des Familienromans zurück und kehrt dabei das Schema einer bekannten Romantic Comedy um: „Four Weddings and a Funeral“ verwandelt „The Promise“ in „A Wedding and Four Funerals“ – wobei die Hochzeit, ehrlich gesagt, vernachlässigenswert ist.

Und weil dieser erfahrene Autor, der bereits zweimal für den Booker Prize nominiert war, ehe ihm dieser 2021 für „Das Versprechen“ endlich zugesprochen wurde, auch ein Händchen fürs Satirische hat, verleiht er den tragischen Ereignissen – Krankheit, Unfall, Mord und Suizid – immer auch eine komische Seite.

Diese manifestiert sich unter anderem in konfessionellen Kabalen: Sei’s das eine Mal, weil Rachel Swarts kurz vor dem Ableben ihr Judentum wiederentdeckt hat, was den niederländisch-reformierten Witwer ziemlich magerlt; sei’s das andere Mal, weil sich Gattin und Schwiegermutter über die spirituelle Entsorgung des Verblichenen uneins sind: „Maman selbst tendiert zu einem calvinistischen Begräbnis, damit kann man nichts falsch machen, und ein strenges Ritual hat immer etwas Endgültiges. Doch ihre Tochter sieht das anders, sie ist der Meinung, dass die Seele ihres Mannes von einem eher östlichen Ansatz stärker profitieren würde.“

Das pietöse Gerangel wird allerdings durch den letzten Willen des Verstorbenen unterlaufen, der festhält: „1. Keine religiöse Trauerfeier. Unter keinen Umständen Gebete. 2. Feuer- statt Erdbestattung. 3. Die Kapelle im Krematorium tut’s auch.“

Der sarkastisch-beschwingte Ton mancher Passagen kann freilich über die Ernsthaftigkeit des Romans nicht hinwegtäuschen. Dessen Titel verweist auf das Versprechen, das Rachel ihrem Mann Manie auf dem Totenbett abnimmt; dass nämlich das sogenannte „Lombard-Haus“ nach ihrem Ableben in den Besitz der schwarzen Dienstbotin Salome übergehen möge. Neben dem Ehepaar weiß nur die jüngste, gerade 13-jährige Tochter der Swarts’, Amor, von diesem Versprechen, von dem sie Salome auch erzählt. Ihr wird es, so der Running Gag des Romans, für die nächsten Jahrzehnte aufgetragen sein, dem wortbrüchigen Vater, ihren Geschwistern Astrid und Anton sowie dem Rest der Familie, die von dem Versprechen alle nichts wissen wollen, auf die Nerven zu fallen.

Der Roman könnte auch den Titel „Der Niedergang des Hauses Swarts“ tragen. Darin ist Amor, die dem Reichtum ihrer Sippe entsagt und Pretoria verlässt, um als Schwester auf einer HIV-Station zu arbeiten, so ziemlich die einzige Sympathieträgerin und außerdem die Einzige, die Salome nicht als Domestiken behandelt, sondern ein emotionales Naheverhältnis zu dieser unterhält. Glücklich ist Amor so wenig wie alle in der Familie: Anton, der als blutjunger Soldat eine Schwarze erschossen hat, die einen Stein auf ihn warf, müht sich erfolglos mit seinem Roman, verfällt zusehends dem Alkohol und wird von seiner Frau betrogen; so wie auch Astrid zwischen dem Bett ihres Geliebten, dem (schwarzen) Geschäftspartner ihres vermögenden Gatten, und dem Beichtstuhl hin und her wechselt, in dem ihr der zusehends genervte Priester schließlich die Absolution verweigert.

Im Unterschied zu Anton und Amor, denen durchaus tragische Tiefe zugestanden wird, bleibt die ehebrecherische und ängstliche Astrid trotz des ihr beschiedenen grausamen Schicksals eher zweidimensional; ja, das Figurenensemble bleibt insgesamt recht heterogen. Umso beeindruckender ist die Eleganz und Souveränität, mit der der Erzähler zwischen den einzelnen Personen hin und her driftet, in diese hineinschlüpft, um dann von der Innenperspektive wieder schlagartig in die Totale und den auktorialen Modus zu wechseln.

Bestechend auch, wie der gesellschaftliche Wandel auf sparsame, aber eindringliche Weise in Szene gesetzt wird: etwa wenn die Familie Sorge tragen muss, dass das aktuell anstehende Begräbnis terminlich nicht mit dem Rugby-Finale kollidiert, in dem die südafrikanischen Springboks am 24. Juni 1995 die All Blacks aus Neuseeland schlagen.

Der historische Moment, dem Clint Eastwood mit seinem Film „Invictus“ ein berührendes Denkmal gesetzt hat, hinterlässt auch auf der Farm der Swarts’, wo „eine sonderbare Atmosphäre, eine ungute Mischung aus Schwermut und Begeisterung“ herrscht, seine Spuren: „Aber dann wird es doch noch besser. Als Mandela im grünen Springbok-Trikot Francois Pienaar den Pokal überreicht, also, das ist der Wahnsinn. Das ist göttlich. Der bullige Boer und der alte Terrorist reichen sich die Hand. Nein, so was. Meine Herren.“

Klaus Nüchtern in Falter 11/2022 vom 18.03.2022 (S. 4)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783630877075
Erscheinungsdatum 23.12.2021
Umfang 368 Seiten
Genre Belletristik/Erzählende Literatur
Format Hardcover
Verlag Luchterhand
Übersetzung Thomas Mohr
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