Der menschliche Geist
Wie die Wissenschaften versuchen, die Psyche zu verstehen

von John Horgan, Thorsten Schmidt

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Luchterhand
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 12/2000

Die Erforschung der menschlichen Psyche ist unheilbar in verschiedene Schulen zersplittert.John Horgan unterzieht all diese Ansätze - von der Psychoanalyse bis zur Cognitive Science nun einem kritischen Vergleich. Ein glitschiges, schlüpfriges Luder ist dieser menschliche Geist. Er dreht und wendet sich und entgleitet jenen Kohorten von Wissenschaftlern, die sich seit Jahrzehnten - genau genommen schon seit der Antike - vergebens bemühen, ihn zu fassen zu kriegen. Gerade diese Widerspenstigkeit hat nun die Neugier des US-amerikanischen Wissenschaftsjournalisten John Horgan erregt. Erst vor ein paar Jahren hatte dieser in seinem preisgekrönten Buch "Die Grenzen des Wissens", entgegen aller Wissenschaftseuphorie, die voraussichtlichen Endpunkte in der Entwicklung der Naturwissenschaften skizziert. Daran knüpft nun "Der menschliche Geist" an, konzentriert auf jenes Thema seines letzten Buchs, das Horgan am meisten faszinierte: den Geist oder - wahlweise für das englische "mind" einzusetzen - das Gehirn, die Psyche.
"So narzisstisch, wie wir nun einmal sind, gibt es kein Thema, das uns mehr interessierte als wir selbst", schreibt Horgan und stellt klar, dass unser Selbstverständnis auch enorme soziale und politische Auswirkungen hat: "Selbst pseudowissenschaftliche Erklärungen der menschlichen Natur haben die Macht, den Lauf der Geschichte zu verändern. Die Bewegungen, die von Karl Marx und Sigmund Freud ins Leben gerufen wurden (...) haben dies gezeigt. Krieg, Armut, Umweltverschmutzung, Verbrechen, Rassismus, praktisch alle gesellschaftlichen Übel haben ihren Ursprung zumindest teilweise in unserem Gehirn."
Horgan macht sich also auf, die Spreu vom Weizen zu trennen, sucht nach Wahrheiten und Widersprüchen, nach Erkenntnissen und weißen Flecken auf den Landkarten von Seele und Geist. Er besucht Forschungslabors und Kongresse, lässt uns teilhaben an Begegnungen mit Wegbereitern der einzelnen Disziplinen. In lockerem Reportagestil schildert er seine Eindrücke und referiert nicht nur die Forschungsergebnisse seiner Interviewpartner, sondern auch ihre Reflexionen über das eigene Lebenswerk.
Dabei nutzt Horgan deklariertermaßen die Einwände der einen gegen die Theorien der anderen. Denn die Geistes-Erforscher, so Horgan, gehen oft mit weniger Enthusiasmus an die Erläuterung der eigenen Arbeit als daran, die Paradigmen der anderen herunterzumachen. Diese Zerstrittenheit des Forschungsbereichs ist möglich, weil eine umfassende Theorie des menschlichen Geistes bis heute fehlt. Gerade die als Forschungsrichtung der Zukunft gehandelten Neurowissenschaften konnten auch nach Jahrzehnten intensiver Forschung keine Erklärung für Phänomene wie Gedächtnis oder Bewusstsein vorlegen. Das bedeutet nicht, dass es in Teilbereichen keine Erfolge gäbe: Immer bessere Psychopharmaka helfen etwa bei früher kaum behandelbaren schizophrenen Störungen; immer präziser lassen sich manche Gehirnfunktionen lokalisieren. Ironischerweise stehen gerade diese Beispiele zugleich für die engen Grenzen der Psychophysiologie: Das Wesen der Schizophrenie ist nach wie vor kaum verstanden; Fallstudien belegen sowohl die hohe Spezialisierung von Gehirnregionen wie auch das genaue Gegenteil, nämlich die Plastizität des Gehirns, das Störungen scheinbar "mühelos" kompensieren kann. Auf die Physiologie trifft somit exakt zu, was einige ihrer Vertreter ihrem Feindbild Psychoanalyse vorzuwerfen lieben: dass diese sich nur auf Daten aus Einzelfällen stütze und mit unbewiesenen Annahmen operiere. Der Psychoanalyse widmet Horgan ein eigenes, ausführliches Kapitel. Mit offensichtlichem Genuss zerreißen die von ihm zitierten Kritiker Freud in der Luft - dessen Auffassungen vom weiblichen Geschlecht ebenso wie die "Immunisierung" der Lehre gegen empirische Überprüfung. Doch der Spieß wird sogleich umgedreht: Nicht nur scheitern die Gegner der Psychoanalyse seit hundert Jahren an ihrer Widerlegung, es hat sich auch noch kein Ersatz in Form einer besseren Theorie gefunden.
Alle bekommen in diesem Buch ihr Fett ab: Psychiatrie und Pharmakologie, künstliche Intelligenz, Soziobiologie und Verhaltensgenetik werden vom weit gesteckten eigenen Anspruch auf ihre meist mageren Resultate reduziert. Horgan macht komplexe Gedanken vergnüglich nachvollziehbar. Das in angelsächsischen Darstellungen so beliebte "Festmachen" an Personen ("Walter Freeman, ein großer, schlanker Neurowissenschaftler mit weißem Bart ..." ) mag man mögen oder nicht - die Beschreibung eines Kongresses zum Thema "Bewusstsein" wird zur köstlichen Realsatire.
Leider führt das auch zu gewissen Oberflächlichkeiten. Im Kapitel über Psychotherapie fehlt der systemische Ansatz vollständig; in der Diskussion über die Gültigkeit der Psychoanalyse ignoriert Horgan deren Weiterentwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Insgesamt bleibt der Autor auf die (Miss-)Erfolge der naturwissenschaftlichen Forschung fixiert und vernachlässigt dabei ganze Themenfelder der Psychologie. Horgan übersieht auch eine wichtige Konsequenz der Formbarkeit des Gehirns: dass jeder Versuch, den menschlichen Geist in all seinen Facetten zu verstehen, die Kultur und die sozialen Beziehungen berücksichtigen muss, die ihn prägen - nach dem Motto der Umweltpsychologie: "Ask not what's in the head, ask what the head is in!"
Trotzdem leistet "Der menschliche Geist" Wertvolles und bis dato selten Praktiziertes: nämlich die Beiträge von nebeneinander vor sich hin wurstelnden Fachrichtungen kritisch abzuklopfen, zu vergleichen und miteinander zu verknüpfen. Oder kennen Sie viele Bücher, in denen die künstliche Intelligenz auf sinnige Weise mit Sigmund Freud in Verbindung gebracht worden wäre?

Johann Kneihs in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 27)


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