Instanzen der Ohnmacht
Wien 1938-1945. Der Weg zum Judenrat

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Verlag: Jüdischer Verlag
Genre: Geisteswissenschaften
Erscheinungsdatum: 09.05.2000

Rezension aus FALTER 24/2000

Der Wiener Schriftsteller Doron Rabinovici analysiert in diesem Buch "Instanzen der Ohnmacht" schonungslos, was diese Institutionen für die Opfer auch waren: Agenten der NS-Machthaber. Als Hannah Arendt in den frühen Sechzigerjahren als Beobachterin beim Eichmann-Prozess in Jerusalem anwesend war und ihren Bericht über die "Banalität des Bösen" verfasste, verursachten ihre Vorwürfe an die "Judenräte", die in den von den Nazis eingerichteten osteuropäischen Gettos zum Teil als Verwalter tätig waren, einen handfesten Skandal. "Wie konnten Menschen gezwungen werden, an ihrer eigenen Vernichtung mitzuwirken?" - Dieser Frage geht der Autor in seiner historischen Arbeit nach. Dabei gewährt er tiefe Einblicke in die Ohnmacht und Ausweglosigkeit, in der sich die jüdischen Vertretungen damals befanden. Waren sie doch Teil des von den Nazis installierten antisemitischen Terrorsystems.
Mit Doron Rabinovicis historisch-chronologischer Darstellung der Wiener Verhältnisse wird auch gezeigt, dass weder Täter noch Opfer von Anfang an - März 1938 - das Ende des eingeleiteten Prozesses der Ausgrenzung von Juden absehen konnten. Das Verhalten der leitenden Funktionäre der Israelitischen Kultusgemeinde war von den damaligen NS-Machthabern gesteuert. Damit nicht genug: Da Widerstand weder im antisemitischen Wien noch in den osteuropäischen Gettos Aussicht auf Erfolg hatte, versuchten die Vertreter der Kultusgemeinde sogar durch Kooperation etwas für die ihnen anvertrauten Menschen zu erreichen. 1938 bedeutete für die in Wien lebenden Juden zunächst: Ausplünderung und forcierte Auswanderung beziehungsweise Vertreibung ("Darr Jud muss weg, und sein Gerschtl bleibt da!"). Eichmann steigerte dies später bis zu einer brutalen Perfektion, die dem "Altreich" bald als Vorbild diente. Mit der "Kristallnacht" im November 1938 wandte sich das Blatt allerdings: Von da an standen Mord und Deportation auf der Tagesordnung. Als mit Kriegsbeginn die Auswanderungsmöglichkeiten immer mehr dahinschwanden, wurde die Gangart gegenüber den in Wien verbliebenen Juden noch weiter verschärft. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 mündete dies schließlich in die "Endlösung".
Doron Rabinovici beschreibt mit einer häufig im erschreckenden Detail verweilenden Ausdauer die Stationen der Katastrophe: Gemeinheit, Raub, Erniedrigung, Flucht, Pogrom, Zwangsarbeit, KZ, Gettoisierung, Deportation, Verzweiflung, Vernichtung - und die Administration des Schreckens. Der sensible Rezipient muss sich auf "Arbeit" gefasst machen. Das beschriebene Grauen der Nazibarbarei erscheint endlos. Dazu kommen die erschreckenden Einblicke in die damaligen Überlegungen der Judenräte. Diese gingen von der einfachen Logik von Nützlichkeitserwägungen aus: "Die Nazis führen Krieg, sie brauchen Arbeitskräfte, sie brauchen auch Sklaven; diese müssen sie doch am Leben erhalten, wenn sie sie ausbeuten wollen." Die schlichte Folgerung der jüdischen Repräsentanten daraus war: "Wenn wir uns nützlich machen, wenn wir den Anforderungen entsprechen, wenn wir nur die ,Arbeitsunfähigen' ausliefern, dann hat wenigstens ein Teil die Chance zu überleben." Ihnen selbst war die dahinter stehende Prämisse - die Vernichtung um der Vernichtung Willen - völlig unvorstellbar, lief sie doch der bisherigen menschlichen Erfahrung zuwider. Im Zuge der Lektüre wird dem Leser eines immer klarer: Von einem übermächtigen Apparat verfolgt, gab es kein Entrinnen, und erst recht nicht mit den beschränkten Mitteln der geknebelten jüdischen Vertretungen.
Nach dem Krieg, im Zuge der Abrechnung mit den Verrätern in ehemals besetzten Ländern, entstand auch unter Opfern der antisemitischen Verfolgung das Bedürfnis, auch jüdische Kollaborateure anzuklagen. Der Autor schildert mehrere Prozesse in Wien, bei denen die Zwangslage jüdischer Funktionäre maßlos unterschätzt und manchmal über NS-Täter geringere Strafen verhängt wurden als über ihre jüdischen Opfer, die sie zur "Kollaboration" und zur Exekutierung ihrer Befehle gezwungen hatten. So mancher NS-Befehlshaber nahm auf diese Weise die Dienste seiner Opfer ein zweites Mal in Anspruch: um das eigene Handeln von Schuld zu entlasten.

John Bunzl in FALTER 24/2000 vom 16.06.2000 (S. 15)


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