Das Privileg der Unsichtbarkeit
Rassismus unter dem Blickwinkel von Weißsein und Dominanzkultur

von Helga Amesberger, Brigitte Halbmayr

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Braumüller
Erscheinungsdatum: 01.09.2008

Rezension aus FALTER 9/2009

Die Unterschiede jenseits von Schwarz, Weiß oder Gelb

Rassismus hat viele Gesichter. Mal tritt er sehr direkt und aggressiv zutage, dann wieder subtil, zwischen den Zeilen, in Andeutungen. Wer mit offenen Augen durch Wien geht, wird auf einen unverhohlenen, im Schutz der Nacht an Hausmauern gekritzelten Rassismus stoßen, aus dem zum Beispiel mit den Worten
"Tötet Neger!" der Hass des Feigen schreit. Die Schmierereien bleiben oft monatelang stehen, ehe sie endlich ein beherzter Mensch oder – noch immer viel zu
selten – die Stadt Wien entfernt. Die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison sagte bei ihrem Wien-Besuch vor ein paar ­Monaten, dass solche Parolen an Hauswänden in den USA wohl zu schweren Unruhen führen würden. In Wien lässt man sich von dem bisschen Rassismus nicht aus der Ruhe bringen. Der Anblick ist ja vertraut, Derartiges gehörte schon einmal zum Stadtbild.
"Rassen gibt es, weil es Rassismus gibt – Rassismus als Folge einer bestimmten Wahrnehmung von eigener und fremder Identität." Damit beginnt Anton Pelinka sein Vorwort zu "Das Privileg der Unsichtbarkeit" von Helga Amesberger und Brigitte Halbmayr. So wird die Leserschaft gleich in den ersten Zeilen der Illusion beraubt, sie könnte mal eben ein bisschen was zu Rassismus nachschlagen, ohne dabei selber ins Spiel gebracht zu werden. Schon zu Beginn des Buches wird klar, dass Rassismus nichts ist, was immer nur "die anderen" betreiben – sondern dass er permanent in gesellschaftlichen Strukturen, in den Medien und in unseren eigenen Köpfen (re)produziert wird.
Amesberger und Halbmayr zeigen in ihrem Text, wie sich Rassismus als Dominanzverhältnis zwischen Menschen abspielt, als eine Art soziale Blickrichtung. Diese Richtung verläuft entlang der Verteilung gesellschaftlicher Macht.

Das Privileg ist auf der Seite jener, die die anderen, die ihnen "Fremden", aus der ­Dominanz heraus anschauen, begaffen und manchmal auch bestaunen. So ist auch der Titel des Buches zu verstehen: Privilegiert sind die, die nicht auffallen, weil sie das repräsentieren, was gesellschaftlich dominant ist.
Privilegiert ist, wer unsichtbar bleiben kann als Teil dessen, was die Gesellschaft als Normalität definiert und festgelegt hat. Alle anderen werden zu Objekten der Andersartigkeit gemacht, zur Schau gestellt, den befremdeten Blicken preisgeben. Wer zur Dominanzkultur gehört, muss sich nicht erklären und nicht rechtfertigen, ­schreiben Amesberger und Halbmayr, denn "nur das Fremde wird problematisiert".
Dieses "Fremde" kann sich in der Hautfarbe ausdrücken, aber auch in anderen Formen der "Andersartigkeit", des Abweichens vom gesellschaftlich Normalen und Normierten – etwa im Alter, im Geschlecht oder in einer Behinderung. Amesberger und Halbmayr stellen Dominanzkultur auf einer mehrdimensionalen anstatt auf einer nur eindimensionalen Skala dar: So würden sich etwa "Rasse" und Gender mischen, können sich "Rasse" und soziale Klasse überschneiden.
So leben etwa weiße Frauen mit Privilegierung und Diskriminierung gleichermaßen. Und Barack Obamas Hautfarbe mag zwar etwas dunkler sein, in Milieu, Habitus und Bildungsstand repräsentiert er aber lupenreines US-amerikanisches Neobürgertum. Klassenprivilegien wirken, so die Autorinnen, in einem bestimmten Ausmaß eben auch unabhängig von "Rasse", wie auch "weiße Privilegierungen" unabhängig von "Klasse und Gender" sein können.

Die Sozialwissenschaftlerinnen skizzieren Rassismus als eine Art ideologischer Materialisierung von sozialen und kulturellen Machtverhältnissen. Natürlich tun sie das in einem wissenschaftlichen Duktus, verzichten aber völlig auf akademisches Gepose. Der Zitierapparat kann sich sehen lassen, doch im Gegensatz zu manch anderem wissenschaftlichen Text stören Fußnoten hier nur selten den Lesefluss.
Vor allem aber vermeiden es die Autorinnen, das Phänomen Rassismus rein deskriptiv abzuhandeln. Wer empirische Daten oder Zahlenkolonnen etwa zu rassistisch motivierten Übergriffen sucht, ist bei diesem Text ganz falsch. Die Theorien und Zugänge, die die Autorinnen zum Verständlichmachen von Rassismus heranziehen, sind niemals Selbstzweck.
So wird etwa bei den in den USA entwickelten "Critical Whiteness Studies" Anleihe genommen, denen es um die Aneignung von Theorie für einen praktischen Zweck geht. Dieser Zugang entwickelte sich aus der Kritik an westlicher Rassismusforschung und antirassistischem Engagement, die das "Weißsein" als Norm und die Verteilung gesellschaftlicher Privilegien unhinterfragt lassen. Ein zentrales Anliegen der "Critical Whiteness Studies" ist es, soziale, ökonomische und politische Gleichheit herzustellen. Dazu richten sie den Blick auf jene Strukturen und Machtverhältnisse, die Ursache für soziale Ungleichheit, Deprivation, Ausschluss und Entmenschlichung sind.

Trotz der Fülle ihres theoretischen Materials verlieren sich Amesberger und Halbmayr nie im rein Additiven. Ihr kritischer Zugang – nämlich das ständige Hinterfragen des "hegemonialen Wir" – ist der rote Faden des Textes.
Nach der Lektüre des Buches weiß man: Mit dem Entfernen von rassistischen Parolen an Wiener Wänden ist es wohl nicht getan. Rassismus kann nicht bekämpft werden, indem bei den Effekten und Symptomen dieser Herrschaftspraxis angesetzt wird, notieren die Autorinnen. Es gelte, die grundlegenden und den Rassismus reproduzierenden Strukturen zu verändern. Ihr Buch hilft beim Verstehen dieser Strukturen.

Lisa Mayr in FALTER 9/2009 vom 27.02.2009 (S. 18)


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