Die steirische Volkspartei oder die Wiederkehr der Landstände

von Dieter A. Binder, Heinz Wassermann

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Verlag: Leykam
Erscheinungsdatum: 01.04.2008

Rezension aus FALTER 50/2008

Der programmierte Niedergang

Als ÖVP-Landesparteiobmann Her­mann Schützenhöfer vergangenes Jahr laut verkündete, trotz anderslautender Ankündigung nicht an der Präsentation einer Krainer/Klasnic-Biografie seines Parteifreunds Herwig Hösele teilzunehmen, folgte ein Rauschen im steirischen Blätterwald, war von einem Eklat die Rede. Aber auch mit der nächsten Publikation, die sich nun mit der Geschichte der steirischen ÖVP beschäftigt, dürfte Schützenhöfer keine wirkliche Freude haben.
In "Die steirische Volkspartei oder die Wiederkehr der Landstände" haben sich die Grazer Historiker Dieter A. Binder und Heinz P. Wassermann in umfangreichen Essays mit der Landes-VP seit 1945 beschäftigt. Während Wassermann eine nüchterne, empirisch angelegte Studie zu jenen printmedialen Bildern liefert, die VP-Wahlkämpfe in der Nachkriegszeit produziert haben, geht der ÖVP-nahe Binder in einer ausholenden Analyse mit der Landespartei hart ins Gericht. Etwa was die Reaktion auf die Wahlen im Herbst 2005 und den Verlust des Landeshauptmanns betrifft: Anstatt eine umfassende Personaldiskussion zu führen und eine solide Neuaufstellung zu organisieren, so meint Binder, habe man sich damals lediglich "Jetzt erst recht!" gesagt. Und selbst die vermeintlich glorreiche erste Amtsperiode von Waltraud Klasnic, die 2000 zu einem ÖVP-Erfolg bei den Landtagswahlen führte, interpretiert Binder im Sinn klassischer Dramentheorie als "retardierendes Element" – noch einmal scheint eine glückliche Wendung denkbar, tatsächlich ist der Niedergang aber bereits vorprogrammiert.
Wenig Schmeichelhaftes findet sich auch zur älteren Parteigeschichte. Wohlwollend porträtiert Binder dabei etwa den linkskatholischen Jusprofessor Josef Dobretsberger, der nach seiner Rückkehr aus dem Exil 1946 keinen Platz in der steirischen VP fand und sich schließlich gar der KP annäherte. O-Ton Dobretsberger: "Wer einige Jahre die freie Luft einer Weltstadt geatmet hat, passt nicht mehr in diese Gegend, trotzdem sie demokratisiert wurde!" Kritisch analysiert Binder dabei die "Versöhnungspolitik" mit den ehemaligen Nationalsozialisten, die beide Großparteien als interne Argumentationshilfe für Entideologisierung und zur Steigerung des eigenen Wählerpotenzials verwendet hätten. Dabei verweist er auch auf den legendären Hanns Koren und eine janusköpfige VP-Kulturpolitik in Richtung Moderne und Nazis: "Wenngleich Koren aus der Sicht der nationalsozialistischen Volkskundler untragbar war, war er nach 1945 nicht nur für die katholische Kirche, sondern auch für die steirische ÖVP die ideale Integrationsfigur im Werben um ehemalige Nationalsozialisten." Zu sehr bleibt Binder allerdings an der Oberfläche. Und es fehlen auch die großen neuen und vielleicht sogar unerwarteten Erkenntnisse. Gerade in Bezug auf das Werben um Altnazis müsste mittlerweile mehr zu erfahren sein.

Herwig G. Höller in FALTER 50/2008 vom 12.12.2008 (S. 54)


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