Geliebter Feind
Die Geschichte des Grazer Stadtderbys SK Sturm Graz - GAK 1920-2007

von Wolfgang Kühnelt, Markus Mörth

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Leykam
Erscheinungsdatum: 01.10.2008

Rezension aus FALTER 48/2008

Zeit der Unschuld

Es wird in diesem Artikel um Fußball gehen, also um Leidenschaft. Es wird um Erinnerungen gehen, die so lebhaft sind, dass ihren Besitzern – Kickern, Ex-Kickern, Trainern, Ex-Trainern – immer noch die Augen leuchten, wenn sie sie erzählen. Und es werden Markus Mörth und Wolfgang Kühnelt vorkommen, zwei Fans, denen der Grazer Fußball exorbitant viel bedeutet. So viel, dass Mörth einen Film und beide ein eben erschienenes Buch über das Grazer Derby machten. Buch und Film, die einander ergänzen, heißen "Geliebter Feind", man wird hier also von Rivalität sprechen müssen. Allein schon deshalb, weil Berufsregisseur Mörth Sturm-, Autor und Falter-Gastrokritiker Kühnelt hingegen GAK-Fan ist. Und dann wird es auch eine Analogie zur aktuellen Finanzkrise geben. Aber das muss man hier noch nicht verstehen.

Es war einmal schön. "Geliebter Feind" – der Film (Premiere: 5. Dezember) hebt an mit Antonín Dvoráks Symphonie "Aus der Neuen Welt", zweiter Satz, eine Elegiefabrik, die ihresgleichen sucht. Dann die ersten Worte. Hannes Kartnig, noch in seiner Funktion als Sturm-Präsident, spricht: "Ich möchte gerne in die Champions League kommen, denn dann haben wir wieder viel Geld." Und es wird klar: Regisseur Mörth hat angenehmerweise mehr vor, als Polarität zu dokumentieren. "Geliebter Feind" wird nicht bloß mit Nostalgie dealen, wird de facto wenig verklären und keine historischen Tatsachen durch Gefühle ersetzen, im Gegenteil. Buch wie Film halten sich penibel an die Fakten, die gibt es bei gut neunzig Jahren Derby-Geschichte reichlich. Jede Zeit, wie es im Trailer heißt, hat ihre Helden; jede Mannschaft ihren liebsten Feind. Und jeder Erfolg – seltsam, dass man das bis vor kurzem noch nicht glaubte – seinen Preis.
Hunderte Spiele wurden zwischen den beiden Grazer Klubs SK Sturm und GAK ausgefochten. Chronologisch führt Mörths Film durch die mit dem Zwangsabstieg des GAK jäh beendete gemeinsame Geschichte, eine Vielfalt aus Stimmen hebt an. Historiker, Zeitzeugen erzählen, werden von Mörth mit schwarzweißem Fotomaterial hinterlegt; es herrscht wenig Bewegung, ein während der ersten vier behandelten Jahrzehnte etwas besinnliches Erlebnis, zumal für die mit Videoclips groß gewordene Altersgruppe.
Doch je mehr bewegtes Material Regisseur Mörth zur Verfügung stand, je mehr Tore fallen, desto mehr nimmt die filmische Chronik Fahrt auf; je präsenter die Helden im kollektiven Gedächtnis, desto packender das hier auf Remis angelegte Derby. Und man kann es dem Fan Mörth angesichts dieser Unzahl an neu zu besichtigenden Jubelposen, Beleidigungen, Krisensituationen hoch anrechnen, dass der Regisseur Mörth die hier lockende Falle klar umdribbelt: Geschichten über Fußball, egal ob von Akteuren oder Zusehern, sind Liebesgeschichten. Sie leben von einer durch blinde Hingabe und Unvorhersehbarkeit befeuerte Leidenschaft, die sich mit der Kinoleinwand nur zaghaft verträgt. Mörth aber gelingt es, diese Leidenschaft weder zu stellen noch zu verbannen oder zu diffamieren. Er vertraut ganz dem Status seiner Gesprächspartner sowie der Stärke des historischen Gerüsts. Und gelangt so zum korrekten Abstand, um sein Thema auf eine interessante Bahn zu lenken. Wie Adi Pinter, Ex-GAK-Spieler und Trainer, es mit den Worten Ernst Happels formuliert: Ein Derby existiert nicht. "Die Journalisten, die bauschen das auf. Die Menschen auf der Tribüne, die brauchen das." Das Derby – ein hausgemachter Mythos.
Nach einer kurzweiligen Stunde kommt "Geliebter Feind" dann im neuen Jahrtausend an. Kartnig und Roth sind Präsidenten ihrer Klubs; und anstatt um Leidenschaft und Schönheit dreht sich vieles um "viel Geld". Beide Vereine landen innert Jahren vor dem Konkursrichter. Eine Allgemeinheit – hallo Finanzkrise! – bezahlt nolens volens für die amokgelaufene Spielernatur Einzelner. Klingt vertraut?

Mörths Film feiert – neben der Fiktion des Derbys – jene Zeit der Unschuld, in der Geld zwar eine, aber keine destruktive Rolle spielte; in der man Spieler beim Spielen zusehen konnte, ohne mit dem Taschenrechner im Kopf kalkulieren zu müssen, wie lange sie noch bezahlt werden. Auch diese Zeit ist vorbei. Dass Mörth sie vermisst, macht seine Doku zu einem Film der Stunde.
Einen etwas anderen Weg schlägt das Buch "Geliebter Feind" ein. Kühnelt und Mörth trennen hier Chronik und Oral History, handeln die Derbygeschichte im ersten Teil ab und erteilen dann in 22 Interviews Spielern, Trainern, Maskottchen und Fans beider Lager das Wort. So entsteht ein Nebeneinander, dem es vor allem gelingt, nichts zu behaupten, nicht zu protzen, sondern lückenlos zu informieren und dabei Facetten aufzudecken, die im Tagesgeschäft Fußball nicht zu interessieren haben. Auch das Buch begreift das Derby als Konstrukt, am meisten Spaß macht es aber dort, wo über seine Erbauer Neues zu lesen ist. Die Jux-Wetten rund um das Derby, wie etwa jene des Fleischhauers Franz Zotter in den Siebzigern, sind kaum mehr präsent. Ivan Osims Einschätzung der Sturm-Erfolge hat man so noch nie gelesen. Und auch Mario Haas' in Japan vollzogener Reifeprozess wird hier zum ersten Mal nachvollziehbar.
Kühnelts und Mörths Buch will ein Buch von Fans für Fans sein. Es bietet aus diesem Grund Perspektiven, die ein herkömmlicher Fußballband kaum enthalten will und kann und gehört – gerade in Zeiten, da Fußball aus den öffentlich-rechtlichen Sendern verschwindet – in jeden Fanhaushalt. Es geht bei Fußball nicht nur um Fußball. Fans – und daher auch dieses Buch – wissen das. Das macht "Geliebter Feind" zu mehr als schick anzusehendem Geschichtsdienst.

Christof Huemer in FALTER 48/2008 vom 28.11.2008 (S. 58)


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