Sprachbilder

von Fritz Ganser

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Leykam
Format: Taschenbuch
Genre: Kunst
Umfang: 160 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.12.2008

Rezension aus FALTER 23/2009

Und dann gehe ich wieder

Fritz Ganser pflegt einen etwas sorglosen Umgang mit seinen Werken. Nicht während sie entstehen – seine Sprachbilder sind Millimeterarbeit. Sondern danach: "Wenn eine Arbeit fertig ist, interessiert sie mich noch ein, zwei Monate, danach eigentlich gar nicht mehr, weil ich mit dem Kopf dann komplett woanders bin." Diese Nachlässigkeit zeitigt freilich merkwürdige Folgen. Zum einen pflegt er fertige Arbeiten einfach in irgendeinem Eck seines Ateliers – ein eigenhändig umgebauter Stadel in Frohnleiten – zu parken, wo sie dann dem Verfall preisgegeben sind. Das ist natürlich ein Problem, wenn er sie einmal ausstellen will. Obwohl, und das ist die zweite Folge dieser Einstellung, Fritz Ganser erst ein einziges Mal in einem Kunstraum ausgestellt hat.
Dabei beschäftigt er sich mit Kunst, seit er denken kann, wie er sagt. Und denken kann er, streng genommen, seit er in den Sechzigern im obersteirischen Wildalpen aufwuchs. Aber sich zu verkaufen? "Das ist mir absolut zuwider." Natürlich hat er die Grazer Galerien inzwischen alle einmal abgeklappert, gezeigt, was er macht, und gefragt, ob es denn Interesse gäbe. "Und dann gehe ich wieder. Höre ich danach nichts, würde ich mich von selbst nie mehr melden."

Im besten Fall passiert einem Künstler wie Ganser dann, dass er einmal doch etwas hört und schließlich in einer Ausstellungsserie landet, die mit "Unbekannte Bekannte" betitelt ist. Und so ist es auch gekommen: Vor einem Monat hat er im Kulturzentrum bei den Minoriten vorbeigeschaut, hat Johannes Rauchenberger gezeigt, was er so macht, und gefragt, ob es Interesse gäbe. Und er hat seinen ersten Katalog "sprachbilder." vorgezeigt, der – vor zwei Jahren überraschend von der Steirischen Kulturinitiative initiiert – vor Kurzem bei Leykam erschienen ist. Wenige Minuten später hatte Fritz Ganser, aller Nachlässigkeit zum Trotz, sein erste große Personale in der Tasche.
Seither ist er damit beschäftigt, die Älteren seiner Arbeiten aus den Winkeln seines Ateliers zu kramen und für das Premierenpublikum aufzupolieren. "KKK (Kreis, Kreuz, Krieg)" zum Beispiel, drei gewichtige Eichenholz-Stelen mit Durchbrüchen in Kreuz- und Kreisform, die dem Betrachter überraschend plastisch machen, wie schnell einer Täter wird. Bevor er die Arbeit aber in der Minoriten-Galerie aufstellen konnte, musste er erst einen Schuhabdruck wieder entfernen, den jemand auf dem Holz hinterlassen hatte und der in den 14 Jahren seit Entstehung des Werks eine symbiotische Beziehung mit diesem eingegangen war.

Extra für die Ausstellung ist Fritz Ganser auch weit in seine Kindheit in Wildalpen zurückgekehrt. In seiner neuesten Arbeit, "ein begräbnis und eine kohlmeise", montiert er drei Fotos, auf denen der damals Zehnjährige seinen Bruder für ein Meisenbegräbnis als Priester verkleidete, als sprachspielerisches Triptychon rund um das Wörtchen "für". "Ich habe einen Vogel erlegt, eine Kohlmeise, mit dem Luftdruckgewehr", erzählt Ganser am Rande der Aufbauarbeiten zur Ausstellung. Aber durch die nun auf den Fotos aufgebrachten Texte wird unklar, ob dem kleinen Fritz eben einmal eine Meise vor die Flinte geflogen ist, "für" die er dann ein Grab schaufeln musste. Oder ob er sie nicht doch von Anfang an "für" das Begräbnis geschossen hat – sozusagen als frühaktionistische Konzeptarbeit.
Das Spiel mit Sprache, mit Zeichensystemen, mit Logos zieht sich wie ein roter Faden durch Gansers Werk. Am klarsten, zugleich raffiniertesten funktioniert es auf seinen Ölbildern, bis zu 80 Kilogramm schwere Tafelbilder auf Holz und Beton, auf die Ganser ausgewählte Texte – vorzugsweise von Gerhard Roth, aber auch von unbekannteren Autoren wie Jakow Golossowker, aus Zeitungen oder Reiseführern – in minutiöser Kleinarbeit und mit Hilfe einer Schablone aufmalt. Fünf Minuten, sagt er, braucht er für einen Buchstaben. Auf kleineren Bildern haben an die 360 Platz, macht ohne Pause rund dreißig Stunden mönchisch-meditativer Schreib- und Rechenarbeit – die Texte müssen sich ja auch genau ausgehen. Der eigenwillige Schriftschnitt stellt andererseits auch für den Betrachter keine kleine Herausforderung dar.
Manchmal kontrastiert Ganser den Text mit Firmenlogos, manchmal nur mit einem Titel oder einer zweiten Arbeit. Daraus entstehen seltsam schwebende Bedeutungsräume, die aus dem Auseinanderklaffen des Bezeichnenden und des Bezeichneten ästhetische Energie schöpfen. In "Shell" zum Beispiel, das einen rituellen Text aus dem Mittelalter über die Letzte Ölung mit dem Muschel-Logo verknüpft.

Es ist ein eindrucksvolles Werk, das Ganser bei den Minoriten nun erstmals sichtbar macht. Und es ist erstaunlich, dass es bislang noch nie zu sehen war. Aber Ganser, der sein Brot jahrelang mit Arbeiten auf Campingplätzen, vor allem aber mit der Einrichtung Hunderter Tankstellenshops zwischen Polen und der Schweiz verdienen musste, sind andere Dinge eben wichtiger. "Gäbe es die Möglichkeit, zu meiner Ausstellung selbst nicht kommen zu müssen, würde ich auch nicht kommen. Ich kenne meine Sachen ja", sagt Ganser. Was ja ein inneres, leises Glück nicht ausschließe. Er sagt das ohne Koketterie, eher aufgrund eines Pragmatismus, auf den man in der Kunstszene sonst selten trifft. "Kunst", sagt Fritz Ganser, "ist ein ganz normaler Job. Und den versuche ich gut zu machen."

Thomas Wolkinger in FALTER 23/2009 vom 05.06.2009 (S. 49)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb