amok und koma
Gedichte aus dreissig Jahren

von Heidi Pataki

€ 15,00
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Verlag: Müller, Otto
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Lyrik
Umfang: 96 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.09.1999

Rezension aus FALTER 47/1999

Unterfutter von Schmerz

Die Lyrik ist tot, es lebe die Lyrik: Heidi Pataki balanciert in ihrem jüngsten Gedichtband souverän zwischen Schmerz, Ironie und tieferer Bedeutung.

O alles scheisst auf dichtung." Der rabiate Fluch aus "jeremiade" findet sich in Heidi Patakis Gedichtband "amok und koma". Die sechsundfünfzig Gedichte, Querschnitt durch zwei Jahrzehnte lyrischer Produktion, haben in ihrer stilistischen Vielfalt einen gemeinsamen Nenner: Dichten mit dem literarischen Zeitgeist gegen diesen. Amok und Koma, das Außer-Kontrolle-Geraten des Handelns und der nicht minder lebensbedrohende Bewusstseinsverlust stehen gleichsam symbolisch für den Anfang von Patakis Schreiben - die politisch engagierte Lyrik der Sechziger- und Siebzigerjahre. Dem Anspruch auf radikale Gesellschaftsveränderung folgte dessen Scheitern auf dem Fuß.

Dort, wo der Mangel an ästhetischem Verstand gewöhnlich durch politische Überzeugung wettgemacht wurde, hat sich Pataki, deren immer deutlicher zutage tretendes Formbewusstsein von Anfang an gegeben war, die Verfahren der experimentellen und der konkreten Poesie, der Montagetechnik et cetera angeeignet und für eigene Zwecke weiterentwickelt.

Die Texte, die Titel wie "autodafe", "jahreszeit", aber auch "supermarkt", "telefunken", "mikrochip" oder "elegiie" (sic!) tragen und Themen wie Liebe, Arbeit, Tod, Politik, Stadtlandschaft behandeln, sind von der Grundüberzeugung getragen, dass eine literarische Gattung gegen ihre Unmöglichkeit ankämpft - das Gedicht. In den "5 Reflexionen über den poetischen Akt" schreibt Pataki: "Das Zeitalter des Gedichts geht zu Ende; kaum einer versteht mehr was von Lyrik; sie ist eine aussterbende Gattung. Dieses Unterfutter von Schmerz muss allen Gedichten zugrunde liegen, die heute geschrieben werden."

Ein anderer, gewichtigerer Grund für die Unmöglichkeit des Gedichts ist die Erstarrung von Gesellschaft und Sprache in universaler Warenästhetik. "nike und nikon sind wir / von trunkenen siegesgöttinen durchdrungen / wir sind die waren, dinge doppelt selbst / artikel! logos!" Autor und Leser (der "Mensch") sind nicht mehr Inhaber des Logos, sondern Träger eines Warenzeichens. Die klassische Definition und das Bildungsgut sind zu Markenartikeln verkommen, statt ihrer haben Turnschuh und Kamera den Siegeszug durch die Welt angetreten. Über die Sprache der Werbung hinaus ist es die Ware Gedicht selbst, deren verbrauchte Symbolik im Supermarkt der dichterischen Werte längst entwertet und disqualifiziert ist: "wir sehn zum beispiel, daß da steht: koralle / schon rufen wir, aha! die fuffzger jahre! / wie kurz die ewig wahren werte dauern ..." Bezeichnend, dass Pataki dabei am Gedicht festhält und weder in ehrfürchtige Demutspose etwa einer Bachmann gegenüber verfällt noch in den Jargon, wonach sich avancierte ästhetische Produktion längst in den Bereich der Werbung gerettet habe.

So sehr Sprachskepsis und Sprachkritik ein omnipräsentes Thema von Patakis Lyrik sind - "die sprache zerrt am hosenbein", "die sprache hängt in fetzen, jedes wort verhunzt" -, so sprachmächtig und spöttisch behandelt die gebürtige Wienerin Pataki eines ihrer bevorzugten poetischen Untersuchungsobjekte - Wien. "fade mischt sich so in wiener hinterhöfen / das anale mit dem duft des abfalls." Schimpftiraden, die in den merkwürdigsten Rhythmen Orte wie das Belvedere, den Lainzer Tiergarten oder die Kettenbrückengasse zu Schauplätzen jenes Ordinär-Alltäglichen und Gewalttätigen machen, das wörtlich genommen die Verniedlichung zur Kenntlichkeit entstellt: "wien, zärtlich: das schlagstockerl / das lenkwafferl / das bomberl / das kaffeetscherl (...) das glaserl / das schluckerl". Oder: "manchmal fasst mich wildes sehnen wenn zur ruh die glocki läuten (...) nach dem chronikteil der kroni nach annoncen von masseusen."

Das Verblüffende an Patakis Gedichten - sie haben trotz ihrer strengen Zeitgebundenheit (Lenkwaffen kommen seit einiger Zeit in Gedichten eher selten vor) keine Patina bekommen, sondern den Kern der Zeit in sich aufgenommen und aufgehoben. Wenn der Habitus des Kritischen zum Volkslied wird, dessen Kanon "Oh wie wohl ist mir am Abend" lautet, bleibt auch dem Kritiker die Einsicht nicht erspart, dass hier ein und dasselbe Lied immer wieder gesungen wird.

Ein schönes Beispiel dafür, wie zurückhaltend und genau die an surrealer Fantasie und expressivem Wortgebrauch reiche Gedichtsprache der Pataki ist, ist eines der jüngsten Gedichte, "lippenlesen", anlässlich des Todes des Dichterkollegen Gerald Bisinger. Eine Wirtshausszene, alle sprechen, lärmen, Bisinger sitzt schweigend daneben, verabschiedet sich. Dazwischen: "die schmale aktentasche stets in knöchelhöhe / an ein tischbein angelehnt, wo sie vor mangel / an gewicht sehr oft zu boden sank."

Der vorweggenommene Tod im banalsten Vorgang, dem lautlosen, unsichtbaren Niedersinken der leeren Tasche (die keine Gedichte mehr enthält) unter dem Tisch über den Zeilensprung hinweg ins Bodenlose. Darauf folgt die Gegenstimme: "so wie ja alles, was wir tun und denken / wie, was wir treiben oder schreiben, / sich gegen dieses eine richtet: / zu boden sinken, und daß der stoff uns überdauert." Dagegen die Stimme zu erheben und in freiem Wechsel zwischen klassischem, auf subtile Weise wiedergewonnenem Gedichtton und Alltagssprache ein Gleichgewicht zwischen Schmerz und Ironie zu bewahren gelingt Heidi Pataki scheinbar mühelos. Jedes Gedicht ein Gedicht!

Erich Klein in FALTER 47/1999 vom 26.11.1999 (S. 68)


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