Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus
mit einem Nachwort von Annette Steinsiek und Ursula A. Schneider

von Christine Lavant

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Otto Müller
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 48/2001

55 Jahre nach ihrer Niederschrift werden Christine Lavants autobiografische "Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus" erstmals veröffentlicht - ein Ereignis.

Es macht zwar nicht so viel her wie ein handschriftliches Manuskript eines weltweit anerkannten Ohlsdorfer Dichterfürsten, aber wenn 55 Jahre nach seiner Entstehung ein Werk Christine Lavants erstmals veröffentlicht wird, ist es allemal ein literarisches Ereignis - insbesondere wenn es sich um ein so beeindruckendes Werk handelt wie bei den "Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus". Annette Steinsiek und Ursula A. Schneider, die verdienstvollen Herausgeberinnen, sind in ihrem penibel recherchierten Nachwort bemüht, Lavants Text von "Schlüsselromanhaftem" abzugrenzen, weisen aber auch nach, dass sehr viel eine Entsprechung in der Vita der Autorin hat: Nachweislich hat sich die 20-jährige Lavant im Herbst 1935 nach einem Selbstmordversuch mit Tabletten freiwillig für sechs Wochen einer Arsenkur in der Klagenfurter "Landes-Irrenanstalt" unterzogen.

Wäre der Text primär als autobiografische "Quelle" interessant, man könnte ihn getrost der Germanistik überlassen. Das 120 Seiten schlanke Buch aber ist viel mehr: die Beschreibung eines Kampfes um Humanität, der Scharfsichtigkeit und Sanftmut auf eine rare und berührende Weise verbindet. Spornt sich die Icherzählerin unmittelbar nach ihrer Einlieferung noch zu Liebesleistungen gegenüber den ihr feindlich gesonnenen Insassinnen und Schwestern an, so zieht sie am Ende, nach einer erneuten Begegnung mit dem von ihr geliebten Arzt ("das weiche, warme und so furchtbar väterliche Auflegen seiner Lippen"), eine bittere Bilanz: "In Wahrheit sind wir ja zu allem eher imstande als auch nur ein Korn echter Liebe aufzubringen."

Man sollte allerdings vorsichtig sein, dies als finales Bonmot oder Ausdruck individueller Enttäuschung zu deuten; besteht doch der Wagemut des Textes gerade darin, die mit so großer Wachheit skizzierten Konflikte weder durch metaphysische Tröstungen noch durch vorgeblich illusionslose Entlarvung "lösen" zu wollen. Voraussetzung für jeglichen Humanismus diesseits von Feiertagsidealismus ist die Einsicht, dass Menschen eben nicht schlechterdings alle Menschen, sondern solche mit einem bestimmten Geschlecht, Einkommen, Verstand und Gefühlshaushalt sind. Auch wenn sich das Bedürfnis, geliebt zu werden und zu lieben, weiter Verbreitung erfreut, sind die Voraussetzungen, ebendieses zu befriedigen und befriedigt zu bekommen, ungleich verteilt: "(...) einmal darf es vielleicht möglich sein, zu sich selbst wie zu einer Geliebten zu kommen, sich zu verwöhnen, nichts wird man not haben als eine linde Berührung der Stirne oder des Haares mit den Händen, die wie Fremdlinge es ausführen. Armut ist eine hervorragende Lehrmeisterin in allen Fächern, warum nicht auch in der Liebe. Und ich will sie erlernen von Grund auf. Kein Engel soll es mich später einmal zu lehren haben, denn das Später und die Engel sind ungewiss."

Das vielleicht Bestechendste an den "Aufzeichnungen" ist die Präzision, mit der Lavant den medizinischen und psychiatrischen Diskurs aus der Sicht einer Betroffenen beschreibt: Er infantilisiert den Patienten und entmündigt ihn so gleich noch einmal, oder er spielt sich just als Agent jenes Realitätsprinzips auf, an dem die Internierten ja zerbrochen sind. Als die Protagonistin vier Nächte lange keinen Schlaf findet, meint die Schwester nur: "Muss das sein?" Die verordneten heißen Bäder darf sie übrigens nicht hinter verschlossener Tür nehmen - schließlich ist sie keine Kassenpatientin, sondern als mittellose Frau auf Kosten der Gemeinde interniert (Lavant war das jüngste von neun Bergarbeiterkindern).



Es ist ein Wunder, dass die Erzählerin angesichts der ubiquitären Feindselig- und Gedankenlosigkeit ihre Fassung bewahrt. Allenfalls milde Ironie schimmert durch. Als der Arzt ihr rät, sich doch einen Freund anzuschaffen, gibt sie ihm "gleich nüchtern und sachlich zurück: ,Soll ich dem ersten besten Mann auf der Straße um den Hals fallen? Und denken Sie bloß, wenn Sie es wären?!'"

Daran denken, dass man es selber wäre - eine schlichte Übersetzung dessen, was man Mitleid nennt. Dass es sich dabei nicht um bigotte Sentimentalität handeln muss, beweisen Lavants "Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus" auf eindringlichste Weise.

Klaus Nüchtern in FALTER 48/2001 vom 30.11.2001 (S. 70)


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