Die unsichtbare Fotografin
Roman

von Elisabeth Reichart

€ 22,00
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Müller, Otto
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 294 Seiten
Erscheinungsdatum: 11.07.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Schuld und Sühne in den Straßen von Shanghai

Elisabeth Reicharts Romane haben etwas Unerbittliches. Immer wieder zeigen sie, wie die Fassaden scheinbar mustergültiger oder zumindest unverdächtiger Existenzen zerbröckeln, wenn sich eine vergessen geglaubte Schuld ihre Bahn bricht. Ihr literarisches Debüt gab die promovierte Historikerin mit "Februarschatten" (1984), einem Roman über die jahrzehntelang totgeschwiegene "Mühlviertler Hasenjagd", und auch ihre jüngeren Werke drehen sich um verdrängte Täter- oder Mitwisserschaften. So weit aber will es Alice, die Hauptfigur von Reicharts neuem Roman, gar nicht kommen lassen.
Die erfolgreiche Wiener Fotografin führt ein unstetes Leben zwischen Metropolen wie Shanghai, New York und Tokio und macht dabei einen großen Bogen um Krieg, Verbrechen und Leid. Ihr Ziel: "All das Schöne auf dieser herrlichen Erde festhalten." Doch der bedingungslose Dienst an der Schönheit beruht auf schlechtem Gewissen: Vom Großvater, der sich nie verzeihen konnte, Soldat in Hitlers Armee gewesen zu sein, hat Alice nicht nur die Fotoausrüstung, sondern auch ein diffuses Schuldgefühl geerbt.
Eines Tages tauchen Fotos gequälter Gefangener auf, die Alices "Handschrift" tragen. Obwohl sie überzeugt ist, die Szenen nie gesehen zu haben, kommen ihr heftige Zweifel: Einmal hat sie sich von ihrem chinesischen Dolmetsch und Liebhaber in Shanghai zu einem nächtlichen Foto­spaziergang überreden lassen und dabei gequälte Hunde hinter einem Lattenzaun aufgenommen. Hat sie mehr fotografiert, als sie zu sehen glaubte? Und vor allem: Trägt sie das Leid dieser Gefangenen jetzt in sich? "Du wirst nie etwas fotografieren können, was du nicht in dir erkannt hast", lautet nämlich eine der Weisheiten ihres ehemaligen Lehrers James, an die sie bedingungslos glaubt.

In China ist Alice jedenfalls von nun an unerwünscht. Sie verliert wichtige Aufträge und entdeckt, wie fragil ihre vermeintlich gesicherte Existenz im Grunde ist. Bei ihrer Familie in Wien findet sie keine Unterstützung, ihre paranoid gewordene beste Freundin denunziert sie in den USA obendrein als Terrorverdächtige. Auf Einladung eines Freundes fliegt Alice nach Mexiko, wo sich die Ereignisse dramatisch zuspitzen: Ihr ehemaliges Modell Frida, eine Maya, wurde von Unbekannten verschleppt und gefoltert. Die Klinik, in die Alice die verstörte Frau bringt, entpuppt sich als Falle, doch es gelingt ihr, Frida mithilfe eines befreundeten Piloten außer Landes zu bringen.
Allerdings ist zum Zeitpunkt der dramatischen Flucht aus Mexiko nicht nur das Selbstvertrauen der Fotografin verlorengegangen, die sich am Schicksal ihres Modells mitschuldig fühlt, sondern auch die Glaubwürdigkeit des Romans. Binnen weniger Seiten bringt Alice durch bloße Naivität das chinesische Regime, das FBI und mächtige Pharmakonzerne gegen sich auf.

Die Thriller-Versatzstücke, die in den Roman eingearbeitet sind, wirken so kolportagehaft wie beliebig. Sie dienen dazu, Alices ständige Flucht und Selbstzweifel zu begründen, plausibel sind sie nicht. Schamanen, die sich auf Astralkörperwanderung verstehen, und Figuren wie der fliegende Tausendsassa Maximilian aus Syrien, der das Angebot, Pilot der Air Force One zu werden, zu langweilig findet, sorgen bestenfalls für unfreiwillige Komik.
Noch ärgerlicher sind die Binsenweisheiten und scheinbar tiefschürfenden Ratschläge, die sich Alice zwischendurch bei ihren Mentoren James und Thomas holt: Sie solle doch einfach nach Ruanda gehen, weil es dort nach dem Genozid so eindrucksvolle Frauengesichter zu fotografieren gebe: "Der einzige Sinn, der in der Sache liegt, ist doch, dass du dich Afrika zuwendest. Vergiss China, Asien, Amerika, geh zurück zum Ursprung."
Aber prompt entwickelt Alice auch gegenüber dem schwarzen Kontinet Schuldgefühle, weil sie sich 1994 nicht wirklich für den Völkermord in Ruanda interessierte. Dass sie Asien zugunsten dieses "Ursprungs" vergessen soll, ist hingegen schade: Dort spielen nämlich die gelungensten Szenen des Romans.
Die literarischen Schnappschüsse von chinesischen Dörflern, die sich vor den aufragenden Wolkenkratzern Shanghais auf der Straße die Haare waschen wie noch vor kurzem vor ihren Hütten, oder von Bauern, die zum Zeichen ihres Protests gegen Zwangsumsiedlungen Yaks öffentlich auspeitschen oder buntgeschmückte Schweine durch die Straßen treiben, sind nämlich lesenswerter als das weltumspannende, mit billiger Action und esoterisch raunenden Weisheiten verbrämte Schuld-und-Sühne-Psychodrama, das die Autorin im Rest des Romans vorführt.

Georg Renöckl in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 28)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb