Staubzunge

von Hanna Sukare

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Verlag: Müller, Otto
Format: Buch
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 176 Seiten
Erscheinungsdatum: 27.08.2015


Rezension aus FALTER 41/2015

Die Schäden der Eltern sind das Erbe der Kinder

Anhand eines Geschwisterpaares zeigt Hanna Sukare in ihrem Romandebüt, wie die Vergangenheit nicht vergehen will



Vor neun Jahren publizierte die 1957 in Freiburg geborene Wahlwienerin Hanna Sukare den liebevoll gestalteten Prosaband „Essigstaub“. Die titelgebende Erzählung über den Pastorensohn Matthias Röhricht ist die Keimzelle der Geschichte, die im Roman „Staubzunge“ nun die Erinnerung an eine lieblose Kindheit mit der Spurensuche nach den NS-Verstrickungen der Eltern verbindet.

Abschnittsweise erzählen einzelne Figuren ihre Versionen von verschiedenen Lebensphasen und Konfliktfeldern: Matthias, seine spätere Frau, seine Schwester Adele, eine Tante und eine Großcousine, die Adele bei ihren Ahnenforschungen ausfindig macht.

Eigentlich ist die zu Beginn mit starken, immer wieder eingespielten poetischen Bildern geschilderte Kindheit von Matthias und Adele nicht untypisch für die Nachkriegsgeneration. Emotional erstarrte Eltern, die verbissen das eben Erlebte und Getane zu verdrängen suchen, verbreiteten in vielen Kinderherzen Angst und Schrecken.



In diesem Fall ist der Vater, ein evangelisch-freikirchlicher Pfarrer, in seiner Funktion als irdischer Anwalt Gottes mit doppelter Autorität ausgestattet. Matthias leitet daraus später seine Forderung ab, dass alle religiösen Vermittler auf Kinderlosigkeit verpflichtet werden sollten, da das, was in solchen Familien an physischer wie psychischer Gewalt passiert, kraft der moralischen Instanz des Vaters nie ruchbar werde. Das ist freilich kein Alleinstellungsmerkmal von Pastorenfamilien. Gerade durch die aktuellen Missbrauchsdebatten gerät leicht in Vergessenheit, dass keineswegs nur Heime und Internate bis weit in die 1970er-Jahre hinein unter der unangefochtenen Herrschaft der schwarzen Pädagogik standen.

Auch Vater Vau und Mutter Jad – sie werden von allen hartnäckig bei ihren Namen genannt – sorgten für ein zeittypisch autoritäres Elternhaus, und das hat meist Folgen für das Verhältnis der Geschwister. Statt Solidarität untereinander zu entwickeln, geht es um die Positionierung in der Nähe zu den Eltern, die sich über den Grad an Bravheit definiert.

So ist es auch bei Matthias und Adele: Der Ältere ist der Angepasste, die Jüngere findet diese Rolle schon besetzt und geht auf Konfrontationskurs. Einen Weg zueinander werden die Geschwister nie mehr finden.

Es ist Adele, die sich in ihrer Geschlechterrolle zuständig fühlt für die Betreuung der alten Eltern. Und sie beginnt nach dem Tod der Mutter deren Lebensgeschichte zu recherchieren. Jad musste 1945 aus Polen fliehen, denn ihre Mutter hatte im Nationalsozialismus für die Deutschen votiert, während ihr Bruder sich als polnisch bekannte, was die Familie für immer gespalten hat. Jad selbst erlebte ihre schönsten Jahre im NS-Arbeitsdienst und ihre erste Liebe mit einem NS-Flieger, der bald den Heldentod fand; dann leitete sie eine kleine Gärtnerei in der Nähe von Łódź. Der Ort lag direkt an der Bahnlinie ins Vernichtungslager Kulmhof, von dem Jad ebenso wenig gewusst haben will wie vom Ghetto in Łódź. Der Roman zeigt glaubwürdig, wie Betroffenheit über einzelne miterlebte Brutalitäten in den Herzen dieser Generation friedlich mit einer unbelehrbaren Anhänglichkeit an das NS-Regime koexistierten.



Während Adele sich recherchierend mit ihrer Kindheit aussöhnt, bleibt Matthias im Bann der erlebten Kränkungen und schüttet seine Frau in den Momenten größtmöglicher Zuwendung mit Klagen über seine Kindheitstraumata zu. Beruflich ein erfolgreicher Manager, der sich seine Dienstreisen mit zahllosen Affären verkürzt, regrediert er zu Hause infolge der gar nicht so seltenen Persönlichkeitsspaltung zwischen öffentlichem wie privatem Raum zum Klienten in Permanenz.

Nach Jads Tod verlässt Matthias seine Frau und zieht sich in ein Atlantikdorf zurück, nicht ohne neue Damenbegleitung. Als er schwer lädiert als Pflegefall wieder auftaucht, nimmt seine Ehefrau – allenfalls ein wenig distanzierter – wie selbstverständlich die ihr zugedachte Rolle als „Installateur der Familie“ wieder an. Wie die zwei Töchter der beiden ihr Elternhaus erlebt haben, wird nicht weiter ausgeführt.

Evelyne Polt-Heinzl in FALTER 41/2015 vom 09.10.2015 (S. 24)


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