Putzt euch, tanzt, lacht

von Karin Peschka

€ 23,00
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Verlag: Müller, Otto
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 300 Seiten
Erscheinungsdatum: 26.02.2020


Rezension aus FALTER 11/2020

Lebe lieber ungewöhnlich

In „Putzt euch, tanzt, lacht“ schickt Karin Peschka ihre Protagonistin an eine skurrile Aussteiger-WG auf die Alm



Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh’n“, so lautet das ewige Sehnsuchtsmotiv aus „Ich war noch niemals in New York“. Während der Protagonist des Lieds von Udo Jürgens nach dem Zigarettenholen brav nach Hause geht und es bei einer kleinen Träumerei belässt, macht die Protagonistin von Karin Peschkas Roman „Putzt euch, tanzt, lacht“ ernst. Sie bricht mit unbekanntem Ziel auf.



Lang hat sie sich Zeit gelassen: Fanni, die als stellvertretende Abteilungsleiterin in einem Supermarkt in der oberösterreichischen Provinz arbeitet, hätte nur noch ein paar Jahre bis zur Pensionierung, als sie eines Tages losbraust – „ein siebenundfünzigjähriges, ein altes Mädchen in einem alten Auto. Das Bernhard gut gepflegt hatte“. Besser als die Ehe, möchte man ergänzen. Neben Mann und Job, lässt Fanni noch eine besserwisserische erwachsene Tochter zurück, die gerade ans elterliche Haus anbaut. Einen Sohn und Enkelkinder gäbe es auch noch, doch die leben ein paar Stunden entfernt, es besteht kaum Kontakt.



Fanni ist eine schwer greifbare Figur. Eingangs ist von einer Therapie und einem Erstgespräch die Rede, dem sie durch ihr Untertauchen ferngeblieben ist. Zunächst wirkt sie einigermaßen stabil. Erst nach und nach, quasi häppchenweise, verrät der Text, dass das nicht zutrifft. Fanni hat ihre grauen Momente und auch Panikattacken sind ihr nicht fremd. Vor Jahren ist sie bei einem Mädelsausflug nach Venedig kurzerhand in einen Kanal gesprungen. Danach dauerte es lange, bis sie wieder so funktioniert hat, wie ihre Umgebung das von ihr immer gewohnt war. Weil sie in den alten Trott zurückkehrte, folgte freilich eine weitere Krise. Das Wort Spießerleben fällt im Text nie. Und doch ist es genau das, wogegen sich Fannis späte Rebellion richtet.



Ihr Bernhard scheint kein schlechter Kerl zu sein, aber die Liebe ist erloschen – was nicht zuletzt an seinen peinlich genau gepflegten Ritualen gelegen sein dürfte. Großartig in dem Roman sind die detailgenauen Schilderungen, in denen etwa beschrieben wird, wie der Mann beim Heimkommen das Haus betritt. Er ist schon in Socken. Die Schuhe hat er vor der Tür ausgezogen, um nur ja keinen Schmutz hereinzubringen. Er stellt sie auf Zeitungspapier, das er jeden Tag durch frisches ersetzt. Der Horror, der Horror.



Komplizierter wird es beim Bauplan des Romans. Nach dem Prolog mit Fannis Flucht springt der Text zwei Jahre nach vorn in das surreal anmutende Szenario einer Aussteiger- und Freak-Gemeinschaft auf einer Pinzgauer Almhütte. Auf den restlichen 250 Seiten wird auf komplizierte Art aufgerollt, wie es dazu kam.



Wir lernen Figuren wie Tippi kennen, eine Wiener Ärztin kurz vor der Pensionierung, den Freigeist Velten oder ein altes Ehepaar namens Ohnezweifel. Allesamt zeichnen sie sich durch ihre offensiv ausgelebten Eigenheiten und ihr Außenseitertum aus. Es braucht schon Bauer Ernst, Fannis einstige Pinzgauer Jugendliebe, als ordnende Hand, um den Haufen Individualisten einigermaßen zusammenzuhalten.



Neben tollen Szenen, gibt es leider auch einigen Leerlauf, vor allem aber fügen sich die einzelnen Episoden, die in Oberösterreich, Salzburg, Wien, Kroatien, Bukarest und anderswo angesiedelt sind, nur unzureichend zu einer Erzählung zusammen.



Soll die offene Romanform die Solidarität der Autorin mit ihren, nun ja, ziemlich umständlichen Figuren signalisieren? Oder ist es ihr bloß nicht gelungen, das ausufernde Personal und die mäandernde Handlung schlüssig unter einen Hut zu bringen?



Dass der Motor mitunter stottert und es dem Erzählunterfangen an jenem Schwung fehlt, den der Rimbaud entlehnte Titel versprechen würde, ist Peschka jedenfalls nicht entgangen. Dafür sprechen selbstironische Einschübe wie folgender Dialog zwischen Tippi und Fanni: „,Sollen wir die Geschichte beschleunigen?‘ ,Welche Geschichte, Tippi?‘ ,Na, die deine.‘“

Sebastian Fasthuber in FALTER 11/2020 vom 13.03.2020 (S. 18)


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