Schwarzer Peter
Roman

von Peter Henisch

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Verlag: Residenz
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 544 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 12/2000

Peter Henischs Roman "Schwarzer Peter" begleitet den Titelhelden über ein halbes Jahrhundert lang auf der Suche nach dem Vater und dem Glück: eine unprätentiös erzählte Tour de Force durch die österreichische Nachkriegsgeschichte.
Er sei so etwas wie der Stuntman seines Helden, sagte Peter Henisch über seinen Roman "Schwarzer Peter"; in jedem Fall ein guter Vergleich, denn riskant und vergleichsweise schlecht bezahlt sind meist beide, Autor und Stuntman. Zugleich wird damit das prekäre Verhältnis der Schreibenden zu ihren Protagonisten auf eine griffige Formel gebracht: Peter Henisch hat viel mit seinem Helden Peter Jarosch zu tun, und doch ist die Ähnlichkeiten beider rein zufällig.
Der schwarze Peter ist auch im wörtlichen Sinne schwarz: Sein Vater ist ein farbiger amerikanischer Besatzungssoldat, der in Wien stationiert war und vor der Geburt des Kindes abhaute, die Mutter eine Straßenbahnschaffnerin, deren Mann in Russland als vermisst gilt. Die Geschichte hat einen Rahmen: In einer Pianobar in New Orleans am Mississippi erzählt Peter Jarosch seinen Lebenslauf - von seiner Geburt am 1. Dezember 1946 bis ins Jahr 1999, ein Lebenslauf weder in aufsteigender noch absteigender Linie, vielmehr ein Zickzack mit Ups and Downs, eine Tour de Force durch die österreichische Nachkriegsgeschichte. Ein dezent alle Teile verbindendes Motiv ist die Vatersuche, die - und so viel darf man verraten - wie das Hornberger Schießen ausgeht: Der Herr, den Peter Jarosch ausfindig macht und am Ende trifft und der wie sein leiblicher Vater Meredith heißt, ist ein Weißer. So bleibt Jarosch vaterlos; er ist der schwarze Peter und er hat den schwarzen Peter und wird ihn auch nicht los, und sein Anderssein macht ihn empfindlich für alles, was schwarz ist, und empfänglich für alles, was jenseits ist. Die "Diesseite und die Jenseite" wird dem Knaben, der seine frühe Kindheit in Erdberg verbringt, durch den Donaukanal und durch die Fähre, die beide Ufer verbindet, bewusst. Den Entwicklungsgang dieses Kindes bekommen wir mit annalistischer Verlässlichkeit vorgesetzt. Frühe Nachkriegszeit in Wien, die die resolute Mutter so schlecht und recht übersteht; Männer nisten sich bei ihr ein, vom Knaben mit gutem Grund beargwöhnt. Der tot geglaubte Mann Ferdinand kehrt erst nach dem Staatsvertrag heim. Er könnte für Peter zum Vater werden, doch die siebzehn Jahre Krieg und Kriegsgefangenschaft haben ihn ruiniert: Er greift zur Flasche, ist eifersüchtig, wird depressiv und bereitet seinem Leben im Donaukanal ein Ende. Das ist die erste der Tragödien, die Peters Lebenslauf flankieren; so recht gelingt ihm auch nichts, je schöner und erfolgversprechender sich etwas anlässt, umso herber wird die Enttäuschung: Manchmal meint man, einen Peter im Glück vor sich zu haben.
Man entdeckt sein Talent als Fußballer, er wird für ein Spiel der Juniorenmannschaft gegen Ungarn aufgestellt, darf aber nicht antreten, weil er in Budapest am Abend vor dem Match just auf die reife Etelka stößt, die ihn ein paar Jahre früher in Wien in die Geheimnisse der Liebe eingeweiht hatte. Zwölf Minuten spielt er als "schwarze Perle" in der Kampfmannschaft der Admira, da zieht er sich beim Torschuss die Verletzung zu, die seine Karriere jäh beendet: Ein späterer Versuch während des Präsenzdienstes endet kläglich. Kläglich soll später auch die Karriere als Popsänger - ausgerechnet unter dem Namen Paul White - enden. Schließlich wird er als Kellner untragbar, da er zu oft zu den nicht für ihn bestimmten Getränken greift. Und die Selbsthilfegruppe hilft auch nicht weiter. Er wird gerade dadurch sympathisch, dass er im wörtlichen und übertragenen Sinne immer wieder stolpert.
Auch mit dem Familienleben funktioniert es so gut wie gar nicht. Am Anfang der Beziehung zu seiner späteren Frau Natascha steht der Crash: Sie stößt Peter mit dem Fahrrad nieder und verliebt sich in ihn. Zwei Kinder und ein unausgewogenes Verhältnis zu dem kommunistischen Schwiegervater, einem wohl betuchten Zahnarzt, sind die Folge. Peter hält es in der Ehe nicht aus, macht es wie sein Vater und haut ab, kommt wieder, versöhnt sich bei der Scheidungszeremonie mit Natascha, lebt ein paar Jahre mit ihr mehr oder weniger glücklich, bis er, der sich auf seinen Tourneen nicht ungern von den weiblichen Fans vernaschen ließ, auf einen Jugendfreund, einen brutalen und eitlen Protz, der seiner Frau nachstellt, schrecklich eifersüchtig wird.
Wenn er sich von der Gloriole des Gelingens umstrahlt wähnt, passiert es, und es geht fast alles schief. Zwischenzeitlich geht es wieder aufwärts, aber dieser Wiener Sisyphos kommt mit seinem Stein nicht zurande. Schließlich besucht Peter - nach einem Aufenthalt von über zwanzig Jahren in den USA - Wien, wird aufgegriffen und als Drogendealer verdächtigt, kommt durch seine zwanzig Jahre jüngere Schwester frei, kehrt nach Amerika zurück, wo er sich ganz gut durchs Leben schlägt.
Die erzählte Zeit erstreckt sich über mehr als fünfzig Jahre, die kontinuierliche Handlung endet etwa im Jahre 1976, als Eckdatum bleibt der Einsturz der Reichsbrücke im Gedächtnis: Das sonst so dichte Textgewebe franst aus; zu der jüngeren Vergangenheit lässt sich keine epische Distanz mehr herstellen.
In der Inhaltsangabe hört sich das wie eine Reihe von Gschichtln aus dem kleinbürgerlichen Helden- oder Schelmenleben an, und in der Tat liegt der Reiz des Ganzen nicht zuletzt in der unprätentiösen Art, in der die Materie präsentiert wird. Henisch lässt sich Zeit, er riskiert die epische Gelassenheit, aber er macht keine stifterschen Umstände, geht von einer Episode zur anderen und verknüpft sie meist recht elegant. Er hat Feldforschung betrieben, das merkt man, aber nie so, dass er den Leser spüren lässt: "Achtung! Eigenrecherche!" Es ist ein Wiener Roman, und Wien ist nicht bloß Schauplatz oder Sujet, es ist auch Organisationsprinzip: Die Wege, die Peter durch die Stadt geht, sind der rote Faden, den ein Roman braucht.
Am eindrucksvollsten sind die Schilderungen der Kindheit Peters; ich kenne keinen Text, der mir meine Kindheit in den frühen Fünfzigerjahren so anschaulich machen konnte. Um Vergangenes so zu "replastizieren" (Doderer) ist Nostalgie als Spurenelement unentbehrlich; eine geringe Überdosis kann schon tödlich sein. Bedrückend die Schilderung der ersten Jahre im Gymnasium; ich kenne wie der schwarze Peter diese "Hetzmassen" (Canetti), die einen Missliebigen auf dem Heimweg von der Schule verfolgten und verprügelten. Bedrückend ist die Schilderung des Präsenzdienstes (Bruck an der Leitha) eben dadurch, dass sich Henisch nicht auf pazifistisches Moralisieren einlässt, sondern einfach Szenen, Ereignisse und Machtkonstellationen beschreibt: In jedem Satz wird manifest, welch grausamer Anachronismus der Dienst mit der Waffe ist.
Mit jedem Satz scheint sich auch der Autor von seiner Heimat wegzubewegen, um ihr die Diagnose stellen zu können, und wie viele seiner Kollegen und Kolleginnen sucht auch er einen Punkt außerhalb Österreichs, von dem sich dieses (nicht nur ästhetisch) aus den Angeln heben ließe. Österreichs Autoren sind weltläufig geworden, Japan, Brasilien und die USA stehen hoch im Kurs. Peters amerikanische Freundin Jennifer will den schwarzen Peter heimholen: "Forget Vienna! Forget Austria! Das ist nur ein kleines, dummes Land über dem großen Ozean. Hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen."

Wendelin Schmidt-Dengler in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 4)


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