Zeugenfreundschaft
Erinnerungen an Thomas Bernhard

von Rudolf Brändle

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Residenz
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 6/1999

Der Leidensgenosse

Rudolf Brändle lernte Bernhard in der Lungenheilanstalt Grafenhof kennen und war mit dem Dichter bis zu dessen Tod befreundet. Jetzt hat er seine Erinnerungen veröffentlicht.

Hinter den Mauern seines Vierkanthofs in Ohlsdorf der Welt scheinbar abhanden gekommen, verstand es Thomas Bernhard vorzüglich, allerlei Spekulationen über seine Person und sein Privatleben zu wecken. Als nach seinem Tod einige Freunde und Wegbegleiter ihre Erinnerungen an die Öffentlichkeit brachten, sah sich enttäuscht, wer spektakuläre Enthüllungen erwartet hatte: Hinter der Fassade des zornigen Meisters kam ein vielleicht etwas verkauzter, aber insgesamt doch recht freundlicher Mensch zum Vorschein, im Umgang sicher nicht immer ganz einfach, aber eben doch alles andere als ein literarischer Dämon.

Nun liegt zum zehnten Todestag ein weiteres Erinnerungsbuch vor. Den Autor kennen Bernhards Leser aus der "Kälte": Es ist jener zehn Jahre ältere Leidensgenosse, den er in der Kapelle der Lungenheilstätte Grafenhof über ein Thema von Bach improvisieren hörte und mit dem ihn bis ans Ende seines Lebens eine "Zeugenfreundschaft" verband. Dieser Freund heißt Rudolf Brändle, stand damals am Anfang seiner Laufbahn als Dirigent und war von 1958 bis 1984 Mitglied der Wiener Volksoper. Sein Buch unterscheidet sich wohltuend von den Erinnerungen Karl Ignaz Hennetmairs und Gerda Maletas, denn es ist frei von jeder Eitelkeit. Empfehlen kann man es eigentlich nur dem harten Kern der Bernhard-Gemeinde, der einfach alles wissen will. Da finden sich viele biografische Details, die allerdings auch in der monumentalen Biografie von Huguet nachzulesen sind, den Brändle bei seiner Arbeit unterstützt hat. Beim Verständnis der autobiografischen Romane Bernhards freilich eröffnen Brändles eigene Erinnerungen an die Zeit in Grafenhof neue Möglichkeiten, da kann man nun, wie selten sonst, dem Übertreibungskünstler Bernhard bei der Stilisierung der eigenen Vergangenheit auf die Finger schauen.

Brändles Aufzeichnungen erklären auch ein Stück weit Bernhards Beziehung zu seinem "Lebensmenschen" Hedwig Stavianicek. Hier geht es nicht um voyeuristisches Interesse, sondern um eine zentrale Persönlichkeit in Bernhards Leben, die wiederum als literarische Figur immer wieder an entscheidenden Stellen auftaucht. Brändle war dabei, als sich die beiden zum ersten Mal in St. Veit im Pongau begegneten, übrigens mußte er Bernhard später an diese Episode erinnern. Stavianicek wollte als mütterliche Mäzenin gar nicht den Autor (von dem damals noch nicht viel zu erkennen war), sondern den Sänger Bernhard fördern. Bekanntlich kam es anders, auch wenn sich Bernhard nicht an die Empfehlung des Dirigenten Josef Krips hielt, die ihm dieser nach einem Probesingen mit auf den Heimweg gab: "Was woll'n S' denn, werd'n S' a Fleischer."

Tobias Heyl in FALTER 6/1999 vom 12.02.1999 (S. 56)


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