Irres Wetter

von Kathrin Röggla

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Verlag: Residenz
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 168 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 10/2000

Mit ihrem jüngsten Buch "Irres Wetter" ist Kathrin Röggla mit viel (Sprach-)Witz dem Zeitgeist hinterher, ohne in die Zeitgeistfalle zu tappen. Der Papierform nach ist Kathrin Röggla so ziemlich genau das, was deutschsprachige Literaturverlage heutzutage brauchen: eine Autorin unter 30, die im vor Business und Bedeutung brummenden Berlin lebt und auch keinerlei Scheu zeigt, die Zumutungen der Zeitgenossenschaft auf sich zu nehmen. Junge, urbane Literatur, die sich der Gegenwart aus der Sicht der eigenen Generation annimmt - was will man mehr? Zwar beginnt Rögglas jüngstes, mittlerweile drittes Buch (alle sind im Residenz Verlag erschienen) gleich mit der "Love Parade", was ja schon mal vollen Gegenwartsbezug signalisiert; dass sich die Autorin freilich nicht als Sprecherin einer wie auch immer benannten Generation geriert, um ungebrochen deren angebliches "Lebensgefühl" zu artikulieren, wird schnell klar: "sektflaschen, t-shirts, trillerpfeifen, wasserpistolen - (...) rund um uns gruppen von menschen, die ansonsten aufsicht feiern, lassen heute gewaltig aus, lassen heute gewaltig die hosen runter, gehen dabei immer von vorne los." Das klingt ein bisschen nach Jelinek for youngsters; eine Assoziation, die nahe liegt, weswegen sie auch nicht neu ist: "Elfriede Jelineks ,Jugendbuch für die Infantilgesellschaft' wird von Kathrin Röggla auf eindrückliche Weise fortgeschrieben", merkte Paul Jandl in seiner Rezension von Rögglas Roman "Abrauschen" für die Neue Zürcher Zeitung an. Tatsache ist, dass die Autorin, die 1995 mit dem Reinhard-Priessnitz-Preis ausgezeichnet wurde, an eine sprachspielerische und -kritische Tradition der österreichischen (Avantgarde-)Literatur anknüpft und einen Sinn für Kontinuitäten bewahrt, die vom medial inflationierten Geschwätz über die jeweils jüngsten "Generationen" gerne unterschlagen werden. "an generationen hängt man heute alles auf, weiß auch er längst bescheid", heißt es einmal in "Irres Wetter", dessen kurzzeitig auftauchende oder nicht näher definierte Figuren ständig darüber diskutieren, was jetzt noch den Achtziger- und was schon den Neunzigerjahren entspricht (wie wir erfahren, gibt es sogar eine "90er-jahre-erektion"), was alles nicht mehr und was schon wieder geht: "heiraten geht jetzt wieder, heiraten ist wieder angesagt, das tun jetzt viele. und wie das geht? ganz einfach, was man dekonstruiert hat, setzt man wieder zusammen, nur eben versetzt mit dieser ironie, die man jetzt so hat." Das Schöne an Rögglas Buch ist, dass es "dieser ironie" nicht mit dem Pseudoernst der "Schluss mit lustig"-Parolen, sondern seinerseits ironisch begegnet. Man kann auch von einer "amüsierten Grundgenervtheit" (Spex) sprechen, die freilich nicht von einer souveränen Position aus artikuliert wird. "Irres Wetter" ist nicht unbedingt leichte Lektüre, und nicht immer hat man das Gefühl, dass der sprachliche Aufwand auch durch einen entsprechenden Erkenntnisgewinn gedeckt ist. Zudem wäre der in Berliner Verhältnisse Uneingeweihte über ein paar handfeste Realien hin und wieder ganz dankbar. Der Witz und die Intelligenz, mit der die Autorin den Zumutungen der Postmoderne mit den Mitteln der Postmoderne begegnet, entschädigt einen dann aber doch für die eine oder andere Durststrecke. Was hier über Existenzen zwischen Love Parade, Erwerbsleben und künstlerischem Rückzug in die Pampas eines "privat-osten" mehr angerissen als ausgeführt wird, hat durchaus mit den Paradigmen der Kapitalismus- und Konsumkritik zu tun, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren entwickelt wurden. Dass es kein richtiges Leben im falschen gibt, hat man schon wo gelesen, aber Röggla sagt es anders und verzichtet auf den triumphalen Gestus der Entlarvung. Hegel, Marx, Adorno, Luhmann, Derrida und Co. werden en passant aufgerufen - was soll man machen, es ist eben schon furchtbar viel gedacht worden. Selbst "menschen mitten im spaß" werden - und sei's vom dämlichsten Zeitgeistmedium, das gerade das neueste Lebensgefühl oder den neuesten Sex entdeckt hat - zur permanenten Selbstreflexion angehalten, und "seit gerhard schulze ist klar: aus dem musterwohnen führt kein weg mehr heraus".

Klaus Nüchtern in FALTER 10/2000 vom 10.03.2000 (S. 60)


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