Der ägyptische Heinrich
Roman

von Markus Werner

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Residenz
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 29/1999

Aufbruch nach Ägypten

In seinem neuesten Roman, "Der ägyptische Heinrich", reist der Schweizer Markus Werner in die Vergangenheit - und fühlt sich dort fast zu wohl.

Es war wohl der kürzeste und ausgewaschenste Jeans-Minirock, den die Welt je gesehen hatte. Sie, die Deutschlehrerin, die ihn trug (spindeldürr, große blaue Augen, vernachlässigte, blondgefärbte Haare), kam frisch von der Uni, rauchte Kette und bombardierte ihre staunenden Zöglinge mit exquisitem Material: Georg Trakl und Franz Kafka, ein bißchen Dadaismus, Fritz Zorn (!) und Thomas Mann, natürlich. Und auch: Markus Werner.

Die Lektüre seiner bisherigen Romane lädt durchaus zur Mutmaßung ein, daß die Deutschlehrerin ihm - Markus Werner - wohl ganz gut gefallen hätte, war sie doch eine angenehm witzige, intelligente und unangepaßte Person. Und nichts geht dem 54jährigen Schweizer Autor mehr gegen den Strich als Angsthasen, stille Erdulder oder Spießer: "Von Generation zu Generation vererbt sich die verheerende Verklemmtheit kaputter Samstagabendvögler und spielt sich dummdreist auf als Leitstern der Erziehung", wetterte er etwa in seinem zweiten Roman "Froschnacht".

Überhaupt sind Werners Hauptfiguren fast allesamt Gesellschaftsskeptiker wie auch Gesellschaftsgeschädigte, beziehungsverunglückte, seelisch ramponierte 40- bis 50jährige zumeist, die beim täglichen Wettrennen der "Weltbeweger, Tempomacher und Trompeter", der "tätigen Brut" ("Festland"), einfach nicht mehr mitmachen wollen.

Soeben ist Markus Werners sechster Roman, "Der ägyptische Heinrich", erschienen - und es ist ein eigentlich untypischer Werner-Roman. Milde im Tonfall, fast ohne gesellschaftskritische Spitzen und in einer die vorangehenden Bücher an Poesie und Bilderreichtum überbietenden Sprache erzählt Werner von einem namenlosen, mittelalten Schweizer, der nach Ägypten reist, um nach Spuren seines Ururgroßvaters Heinrich Bluntschli zu forschen, welcher dort in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts gelebt und gearbeitet hat.

Der Ich-Erzähler taucht bei seiner Recherche mit einer solchen Begeisterung und Intensität in das Leben und die Zeit seines Ururgroßvaters ein, daß er sich in der Jetztzeit immer unwohler fühlt. Mit fortlaufender Seitenzahl läßt Werner dann auch die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen, sodaß "der ägyptische Heinrich" zeitweise zu einem imaginären Gefährten seines Ururenkels mutiert. "Wie können wir heimisch sein in einem Raum, der stündlich ausgeräumt und frisch gestrichen und wieder neu möbliert wird?", beklagt dieser seinem Vorfahren gegenüber etwa die Fortschrittsmanie unserer Zeit.

Was die Handlung betrifft, so kann man Werners jüngsten Roman als eher unspektakulär und höhepunktsdefizitär bezeichnen. Aber dieses leichte Manko wird durch die bewundernswerte Erzählkunst Werners auf angenehme Art und Weise wieder vergessen gemacht. Zudem erscheint auch das immer schon eher dem Gestrigen zugeneigte Vokabular des Schweizers für diesen sanften, leisen Ausflug in die Vergangenheit als geradezu ideales Reisevehikel.

Ah ja: Der Deutschlehrerin des Rezensenten hätte "Der ägyptische Heinrich" auch sehr gut gefallen.

Stefan Ender in FALTER 29/1999 vom 23.07.1999 (S. 53)


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