Als Barbar im Prater
Autobiographie einer Jugend

von Gerhard Amanshauser

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Verlag: Residenz
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Romanhafte Biografien
Umfang: 170 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 11/2002

Von der Hitlerjugend zum Schriftsteller: über Gerhard Amanshausers unsentimentale Erinnerungen "Als Barbar im Prater".

Gerhard Amanshauser hat seine Memoiren geschrieben. Und wie es von einem der wagemutigsten Autoren seiner Generation und dem verkanntesten großen Schriftsteller Österreichs zu erwarten war, in einer gänzlich neuartigen Form: Kurze Passagen im Stil seines 2000 erschienenen "Mansardenbuchs" wechseln ab mit Transkriptionen von Gesprächen mit seinem Sohn Martin Amanshauser, die dem literarisch Komponierten das Spontane der mündlichen Rede gegenüberstellen. So kommt es, dass man häufig ein und dieselbe Szene zweimal liest, zunächst in ihrer literarischen und dann in ihrer vorliterarischen Fassung. Das mag zunächst befremdend sein, doch hat man sich einmal an diesen Spiegelungseffekt gewöhnt, möchte man nicht mehr darauf verzichten: ein gewagtes, aber gelungenes Stilexperiment.

Amanshauser erzählt von seinen Vorfahren, ihrem Aufstieg aus dem ländlich-kleinbürgerlichen ins bürgerliche und ihrem Abrutschen ins deutschnationale Milieu. Zur Zentralfigur wird dabei schon bald der Vater, ein Mittelschullehrer, der 1934 wegen illegaler nationalsozialistischer Betätigung seine Stellung verlor: Der Sohn zeichnet dieses Porträt mit einer nüchternen Verachtung, die besser trifft und einen tieferen Eindruck hinterlässt, als Wut und Polemik es jemals könnten. Er schont sich aber auch selbst nicht, widersteht der Versuchung, sich zum minderjährigen Widerstandskämpfer zu stilisieren. Gelassen erzählt er von seinem Avancement in der Hitlerjugend (einem Besuch mit der HJ im alten Prater verdankt das Buch seinen Titel), von seiner glücklosen Tätigkeit als Militärfunker und - in einer Passage, die der schaurige Höhepunkt dieser Erinnerungen ist - davon, wie er in den letzten Kriegsmonaten nach Polen geschickt wurde, nicht ahnend, dass er als KZ-Aufseher vorgesehen war und nur glückliche Umstände ihn vor dem Allerschlimmsten bewahrten: "Was hätte ich getan, wenn ich wirklich als Bewacher in ein Konzentrationslager gebracht worden wäre? Auf keinen Fall hätte ich mich geweigert. Der Gedanke, man könne irgendeinen Befehl direkt verweigern, wäre mir nie gekommen. Mein Zustand war dumpf und fatalistisch, meine Resistenz bestenfalls passiv. (...) Hätte mich irgendeine Erfahrung zur Besinnung gebracht? Ich fürchte, kaum. Vielmehr wäre ich, je nach der Drastik der Erlebnisse, in eine mehr oder weniger dumpfe Stimmung verfallen und so etwas geworden wie ein Hund, dem man etwas anschafft."



Es ist diese furchtlose Lakonie, die "Als Barbar im Prater" zu einem mentalitätsgeschichtlichen Dokument von hohem Rang macht. Wie Ernst Jünger, mit dem er nach dem Krieg im Briefwechsel stand, weigert sich Amanshauser zu moralisieren, aber anders als dieser ist er bereit, die eigene Verblendung und Stumpfheit zu reflektieren. Sein Instrument dafür, die Klarheit des klassisch geschulten psychologischen Schriftstellers, ist von Jüngers gewollt unbeteiligtem Insektenforscherblick ebenso weit entfernt wie von der routinierten Empörung eines Thomas Bernhard.

Zum Gegenstück der dumpfen Welt von HJ, Turnerwesen und deutschnationaler Familie wird für Amanshauser schon früh der Zirkus: Die Zirkusleute "waren schlecht gewaschen, amoralisch, undeutsch und ohne Haltung. In meiner Vorstellung roch es im Wagendorf nach den Tieren, die manchmal verschlafen brüllten, dort schlichen lichtscheue Gestalten herum, Verliebte, Ehebrecher und Diebe. (...) Das war freilich eine pubertäre Fantasie, doch sie beschützte mich gleichsam vor der Propaganda des ,Dritten Reichs', indem sie eine Antithese zu ihr aufstellte. Der Circus war ja nicht verboten, wurde auch nicht als besonders subversiv empfunden: umso mehr konnte er das Unbewusste beeinflussen."

Der Zirkus wird so zum Bild für jenes Künstlertum, dessen Ideal Amanshauser später vorschweben sollte; ganz, so lässt er fröhlich durchblicken, war er nie bereit, diese "pubertäre Fantasie" aufzugeben. In diesen Momenten wird zum ersten Mal ein leichter und spielerischer Ton angeschlagen, der dann in den Passagen über die Nachkriegszeit vorherrschend wird. "Wem ist es schließlich vergönnt, die Welt seiner Eltern und Erzieher in Trümmern vor sich zu sehen?" Amanshauser studierte Mathematik, lernte Ernst Jünger und den Lyriker Hermann Hakel kennen, schrieb Gedichte und trat in eine literarische Welt ein, in der er zeit seines Lebens bereitwillig eine Randfigur bleiben sollte, den meisten ihrer Protagonisten überlegen, doch ohne ihre Bereitschaft zum Wettbewerb und zur Werbung für sich selbst. Es ist wohl nicht bloß Rhetorik, wenn Amanshauser uns schließlich versichert, dass für ihn andere Kriterien galten: "War ich noch der trainierte Akrobat meiner frühen Träume oder bereits der Mann mit den moralischen Speckfalten, dessen Stimme aus einem Lautsprecher kommt? Gehörte ich noch zum Circusgesindel, dessen Vorbild mich einst beschützte?"

Ja, so könnten wir antworten, dorthin gehört er wohl, und es gibt zurzeit nicht viele österreichische Autoren, die solche Sätze schreiben können. Gerhard Amanshauser blickt heute auf ein vielfältiges und von der Öffentlichkeit geflissentlich ignoriertes Lebenswerk zurück. Es wäre hoch an der Zeit, diesen Schriftsteller zu entdecken.

Daniel Kehlmann in FALTER 11/2002 vom 15.03.2002 (S. 64)


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