fisch
ein Bericht

von Christian Stuhlpfarrer

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Residenz
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 36/2001

Es gibt vieles an "fisch", was man loben kann. Nicht die manierierte Kleinschreibung des Titels, aber zum Beispiel der weich mäandernde Sprachfluss oder die vielen (236!) Minikapitel, die sich wie kleine Lacken zu einem sanften Erzählmeer verbinden. Seine literarischen Hausgötter, "Kafka, Beckett, Dürrenmatt", nennt Christian Stuhlpfarrer in seinem Erstlingswerk selbst, und in der Tat ist die Geschichte des Museumswärters Ludwig Adalbert Unselig, der beschließt, "das Meer nach Hause zu tragen", und schlussendlich "zu Grunde geht", von angenehmer Zeitlosigkeit (kein literarisches Werk ging je weiter zurück: 33 Millionen Jahre!) und von faszinierender Bizarrerie. Wenn man meckern wollte, würde man die Kapitelchen über Jugendslang oder Werbung erwähnen, die nicht wirklich in die Gesamtatmosphäre des Buches passen, oder auch die Aufzählmanie des 35-Jährigen, die der Lektor doch etwas einbremsen hätte können.

Das eigentlich Tolle an "fisch" aber ist die Art und Weise, wie hier zwei Handlungsebenen entfaltet werden. Die eine verläuft linear und stellt sozusagen das Leben des Icherzählers dar. Man kann sich das in etwa so vorstellen: Ein Blatt Papier verdeckt ein Bild; dann wird das Papier langsam weggezogen, nach einer Seite, bis das Bild völlig sichtbar ist. Die zweite Handlungsebene bezieht sich auf das, was der Icherzähler im Laufe des Romans herauszufinden versucht. Auch diese kann man mit einem Bild vergleichen, allerdings mit einem, vor dem ein Nebelschleier liegt, der sich nun während fortschreitender Lektüre sukzessive lüftet. Von Anfang an ist das ganze Bild zu sehen, es wird nur ständig schärfer. Der Clou des Romans aber ist der Moment, in dem - bing! - mit einem Mal klar wird, dass die beiden Bilder eigentlich beinahe identisch sind. In diesem Augenblick können sensible Leser durchaus leichte Schwindelgefühle verspüren, denn das Ganze zeitigt einen der Unentrinnbarkeit der Situation wegen beklemmenden Endlosschleifeneffekt. Nach Abklingen des Schwindels und beendeter Lektüre dieses stimmungsvollen Debüts wird man mit Sicherheit ur-(geschichtlich)bereichert durch das Leben gehen. Was will man Meer?!

Stefan Ender in FALTER 36/2001 vom 07.09.2001 (S. 20)


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