Gegenheimat
Das Theater des Martin Kusej

von Georg Diez

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Residenz
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

Die Regisseure Frank Castorf und Martin Kusej sind einander im Prinzip ähnlich, aber auch ganz anders. Das gilt auch für ihre Biografen.

Beatles oder Stones? Wer jemals eine Inszenierung von Frank Castorf gesehen hat, kennt die Antwort: eindeutig Stones. Die aggressiven, offensiv sexuellen Hits von Mick Jagger & Co. haben dem jungen Mann in der DDR der späten Sechzigerjahre Mut gemacht; die harmonisch komplizierteren, poetischeren Songs von Lennon & McCartney waren dem frühen Castorf nicht ganz geheuer: "Kritisch tastend nähert er sich dem Entgrenzungsangebot, das diese Poesie samt der damit einhergehenden Vertonung macht", schreibt Castorf-Biograf Robin Detje. "Aber so ganz entgrenzen lassen möchte er sich nicht. Lieber wäre es ihm, er könnte das, was ihn da bedrängt und verlockt, intellektuell entschlüsseln, bevor es ihn ganz und gar packt." Frank Mario Castorf wächst im Ostberliner Bezirk Prenzlauer Berg als einziges Kind des Eisenwarenhändlers Werner und seiner Frau Ully auf. Der Vater ist nicht nur leidenschaftlicher Rallyepilot, sondern auch - was in der DDR fast noch unüblicher ist - Privatunternehmer; die Familie feiert gern rauschende Feste. Wenn später Sohn Frank, der die Wohnung der Großmutter ein Stockwerk höher bezieht, seine Partys feiert, werden die Eltern unten so tun, als schliefen sie schon. "Seine Geburtstagsfeste werden in den Achtzigerjahren damit beginnen, dass der Schauspieler Leander Haußmann sich brav der Mutter vorstellt und von ihr ein Stück Torte in Empfang nimmt, und dann oben so ausarten, dass man sich vorher schon fragt, welche Frau nachher betrunken die Treppe runterfällt."

Als "Außenseiter mit hohem Integrationsniveau" definiert Detje die Rolle Castorfs in der DDR, die seine Inszenierungen zwar immer mal wieder absetzen, den Regisseur aber nie ganz fallen lässt. Umgekehrt gilt: "Das Gefühl der Verbundenheit zu seinen Eltern, das Castorf nicht aufgeben mag, überträgt er ganz natürlich auf die DDR, wo er ähnlich laute und wilde Spektakel anrichtet wie bei Mama und Papa mit seinen Geburtstagsfesten."

Robin Detje, 38, der als freier Autor für die Süddeutsche in Berlin arbeitet, nähert sich seinem Gegenstand mit der intellektuellen Schärfe und Frechheit, die auch Castorf auszeichnet: Gnadenlos wird der Regisseur als ewiges Einzelkind psychologisiert, das auf der Bühne Geburstagsfeten feiert und sich in den Schauspielern immer auch selbst inszeniert. Die Aufführungen selbst werden bei Detje nur dann besprochen, wenn sie in seine Erzählung passen (Castorfs Arbeiten am Burgtheater etwa werden nicht erwähnt); sogar das in Regie-Biografien obligate Inszenierungsverzeichnis im Anhang sucht man (leider) vergeblich.

Detje hat einen biografischen Essay, eine widersprüchliche und entsprechend spannende Lebensgeschichte, geschriebenBeatles oder Stones? Wer jemals eine Inszenierung von Martin Kusej gesehen hat, kennt die Antwort: weder noch. Vermutlich hat der Kärntner Regisseur in seiner Jugend stattdessen Joy Division oder The Cure gehört, später vielleicht Nick Cave. Genau lässt sich das nicht sagen, weil Musik in der ansonsten sehr umfassenden Kusej-Werkbiografie von Georg Diez kein Thema istAuch Kusej-Biograf Diez begibt sich auf Spurensuche in die Kindheit des Künstlers. Gemeinsam stehen Diez und Kusej im kärntnerischen Globasnitz/Globasnica vor dem Haus, in dem Martin mit seinen Eltern und seinen Geschwistern in den Sechzigerjahren zwei ungeheizte Zimmer unterm Dach bewohnte. Der Vater, Lorenz Kusej, war als Kärntner Slowene und Dorfschullehrer ein Außenseiter im Ort; dem Sohn ist die Heimat immer noch etwas unheimlich: "Nur die Melancholie ist hier positiv und die Schwermütigkeit." In der Heimat vermutet Diez den Ursprung von Kusejs "bildersattem" Theater: "Die Energie, die diese Bilderfindungen befeuert, ist die Wut, die tief verwurzelt ist im Kärntner Erbe." Das Theater - so die These, der das Buch seinen Titel verdankt - sei für Kusej eine "Gegenheimat" gewordenDer 33-jährige Georg Diez, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen am Sonntag, geht es - wie Kusej - gründlicher an: Von der ersten (Diplom-)Inszenierung an der Grazer Hochschule bis zum "Don Giovanni" bei den Salzburger Festspielen im vergangenen Sommer werden sämtliche Kusej-Arbeiten in chronologischer Folge und großteils bis ins Detail beschrieben und analysiert; unterbrochen wird die Werkgeschichte nur von einem Beitrag über Kusejs Bühnenbildner Martin Zehetgruber und Interviews mit dem Schauspieler Werner Wölbern und dem Stuttgarter Opernintendanten Klaus Zehelein. Das Inszenierungsverzeichnis im Anhang ist selbstverständlich lückenlosDiez ist ein vergleichsweise distanzloser Chronist und bleibt näher am Werk - was vor allem deshalb nicht ganz aufgeht, weil dem Autor im Verlauf des Buchs der Atem ausgeht und er sich immer öfter den bei KusÇej allzu nahe liegenden sprachlichen Klischees ("eisige Liebe", "hitziger Hass" et cetera) ergibt

Wolfgang Kralicek in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 39)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Castorf (Robin Detje)

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