Albert Drach
Ein wütender Weiser

von Eva Schobel

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Verlag: Residenz
Format: Hardcover
Genre: Sprachwissenschaft, Literaturwissenschaft/Deutsche Sprachwissenschaft, Deutschsprachige Literaturwissenschaft
Umfang: 560 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 50/2002

Am 17. Dezember 1902 wurde Albert Drach geboren. Eva Schobel hat Leben und Werk des Schriftstellers und Anwalts in ihrem Buch "Albert Drach. Ein wütender Weiser" miteinander in Beziehung gesetzt.

Auch in Hawaii besteht größeres Interesse für mich als in Österreich", schreibt der 85-jährige Mödlinger Anwalt Albert Drach verbittert in einem Brief an den Germanisten André Fischer, der über das Drach'sche Œuvre dissertiert und sich nicht sicher ist, ob dessen Schöpfer überhaupt noch lebt. Ein Jahr später, 1988, erhält Drach überraschend den Büchner-Preis - was Marcel Reich-Ranicki für einen Fehler, ja ein Unglück hält. Der Ausgezeichnete hingegen merkt selbstbewusst an: "Der Büchnerpreis kommt mir zu." Und er lässt auch in keinem der Büchnerpreis-Interviews den Hinweis darauf aus, dass ihm genau sechzig Jahre zuvor der angeblich bereits zugesicherte Kleist-Preis (den schließlich Anna Seghers bekommen sollte) vorenthalten worden war.

Tatsächlich ist das Werk von Albert Drach, der am 17. Dezember seinen hundertsten Geburtstag gefeiert hätte, erst spät zur Kenntnis genommen und noch später in seiner ästhetischen Dimension erkannt worden. Obwohl "Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum", das 1964 - mehr als ein Vierteljahrhundert nach seiner Niederschrift - als erster Band einer Werkausgabe erscheint, eine literarische Sensation ist, wird Drach zunächst als skurriler Kanzleischreiber etikettiert; er selbst beantwortet den Vergleich mit Herzmanovsky-Orlando mit einer Klage. Immerhin: The Times Literary Supplement würdigte ihn bereits 1968 als "Avantgardisten".

In ihrer rechtzeitig vor dem hundertsten Geburtstag erschienenen Biografie "Albert Drach. Ein wütender Weiser" hat die Literaturwissenschaftlerin Eva Schobel die einzelnen Stränge von Drachs Lebens- und Werkgeschichte aufgedröselt. Entstanden ist ein über 500 Seiten starkes Buch, das sich chronologisch am Leitfaden der Lebensgeschichte orientiert, ohne deswegen eine Biografie im konventionellen Sinne zu sein. 150 Stunden Tonbandaufzeichnungen standen der Autorin zur Verfügung, und dass mittlerweile 14 Jahre seit dem ersten Gespräch mit Drach vergangen sind, kann als gegenstandsadäquat verbucht werden: Der Autor selbst hatte einige seiner Werke über Jahrzehnte hinweg der Revision unterzogen.

Schobel nähert sich ihrem Helden mit Respekt, aber nicht hagiografisch. "Drachs aggressiver Narzissmus" wird keineswegs unterschlagen. Was allerdings auch schwer möglich ist, hat doch Drach in seinen autobiografisch inspirierten Werken, allen voran der "Unsentimentalen Reise", auch sich selbst mit jenem mitleidlosen, bösen Blick betrachtet, dem auch seine Figuren - bis auf wenige Ausnahmen - ausgesetzt waren.

Schobel spürt der Differenz zwischen Leben und Literatur nach, indem sie verschiedene Fassungen desselben Ereignisses miteinander vergleicht oder Drachs Neigung "zur dramaturgisch effektvollen Gestaltung der Abläufe seines Schriftstellerlebens" beschreibt. Sein anthropologischer Pessimismus, der Drach den Nationalsozialismus weniger als historisches Ereignis denn als Ausbund menschlicher Gemeinheit begreifen lässt, hat mitunter auch eine Bösartigkeit der Sichtweise zur Folge, die durch die Realität kaum gedeckt gewesen sein dürfte. Den deutschen Romancier Lion Feuchtwanger, dem der aus Österreich geflohene Drach im französischen Sammellager Les Milles sozusagen als "Promi-Gefangenen" begegnet, verachtet er dermaßen, dass er ihn als "klein und feist" beschreibt (was durch ein Foto leicht widerlegt werden kann). Umgekehrt erscheint Drachs enge Freundschaft zu dem im Lager Selbstmord begehenden deutschen Dramatiker Walter Hasenclever als eine etwas fragwürdige Behauptung.

"Ein wütender Weiser" navigiert zwischen Fakten und Fiktionen hindurch, zwischen Biografie, Werkmonografie und Rezeptionsgeschichte. Das Buch erzählt, wie sich Drach als ewiger Sohn dann doch noch unters Joch eines Brotberufs beugen muss; nach der Erschütterung über seine emotionslose Reaktion auf den Tod des Vaters erlebt Drach am 28. Oktober 1938 seine zweite große Krise: Am Bahnsteig in Wien lässt er seine Mutter zurück, ohne sich wirklich von ihr verabschiedet zu haben - in der Gewissheit, sie nie mehr zu sehen (tatsächlich stirbt die Mutter fast genau ein Jahr später im Spital der israelitischen Kultusgemeinde an Herzversagen). Es folgen die Jahre in Frankreich, in denen Drach nach der "Verfolgung light" in Nizza die "Verfolgung pur" in den Sammellagern von Forte Carré und Les Milles erleben, den Krieg schließlich in Valdeblore überleben wird.

Drachs grimmiger Lebenswille, günstige Zufälle (unter ungünstigen) und die Chuzpe, das Kürzel "I.K.G.", das auf seinem Heimatschein für "Israelitische Kultusgemeinde" steht, gegenüber den Behörden als "in katholischem Glauben" zu übersetzen, retten dem Schriftsteller das Leben, ohne dass dieser das Gefühl hat, wirklich mit dem Leben davongekommen zu sein.

Die Kriegsjahre nehmen naturgemäß einen überproportional großen Platz ein (wobei man die Nacherzählung dessen, was bei Drach zum Teil ohnedies nachzulesen ist, vielleicht ein wenig raffen hätte können). Nachdem er im Oktober 1947 wieder "im Volke der Naderer und Konfiszierer" angelangt ist, versucht Drach, sein Mödlinger Haus zu requirieren - es wird bis 1955 dauern, bis er wieder volle Verfügungsgewalt über das Anwesen hat. Als er sich beim demokratischen Schriftstellerverband einschreiben lassen will, verlangt "das schöne Fräulein" dort ein Zeugnis des Hausbesorgers, dass Drach kein Nazi gewesen sei (jenes Hausbesorgers, der Drach denunziert und sich in dessen Haus eingenistet hatte).

Auf Drachs mäßige Eignung zum Familienvater, die weniger auf die sexuelle Zielstrebigkeit früherer Jahre (mittlerweile sucht er "eine Nährmutter", die ihm Kinder, darunter zumindest einen Sohn, auf die Welt zu bringen hat) als auf mangelnde väterliche Güte zurückzuführen ist, geht das Buch im letzten Drittel ebenso ein wie auf die Wirkungsgeschichte und die Entwicklung des bereits erwähnten Protokollstils, der in Drachs 1971 erschienenem Roman "Untersuchung an Mädeln" seine finale Ausprägung erfährt.

Mitunter wünscht man sich, die Autorin hätte sich doch etwas deutlicher für ein bestimmtes Genre, für literaturwissenschaftliche Essayistik oder Biografie entschieden, hätte dem skrupulösen Umgang mit dem Material zum Trotz die ein oder andere thesenhafte Zuspitzung riskiert. Ganz entschieden aber wünscht man sich, das Lektorat hätte etwas weniger schlampig gearbeitet, hätte aus "Charly Chaplin" noch einen "Charlie", aus "Georg Lucácz" korrekterweise "Georg Lukács", aus Peter Handkes letztem Roman "Der Bilderverlust" einen "Bildverlust" gemacht - und es dafür unterlassen, Drachs Geburtstag um zehn Monate auf den 17.2.1902 vorzuverlegen.

Klaus Nüchtern in FALTER 50/2002 vom 13.12.2002 (S. 72)


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