Die kleine Figur meines Vaters
Überarbeitete Neufassung

von Peter Henisch

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Residenz
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

Der Reader "Figurenwerfen" führt durch das Schaffen von Peter Henisch, der vor kurzem seinen sechzigsten Geburtstag feierte. Mit dem "Falter" sprach der Autor über seine Kindheit, die Generation der Nazi-Eltern, politische Aufbrüche und Enttäuschungen.

Peter Henisch wurde am 27. August 1943 in Wien geborenen. Sein literarisches Werk ist geprägt von der Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte - sei es die Nazizeit in "Die kleine Figur meines Vaters" (1975), sei es die Zeit um 1968, von der es schon im Titel des zehn Jahre später erschienenen Romans heißt: "Der Mai ist vorbei". Zu den bekanntesten von Henischs Büchern gehören daneben noch "Bali oder Swoboda steigt aus" (1981), "Pepi Prohaska Prophet" (1985), "Morrisons Versteck" (1991) und "Schwarzer Peter" (2000).

Falter: Sie sind 1943 geboren, in einem Ihrer Lieder bezeichnen Sie sich als "Judenkind" und als "Nazikind". Wie verhält es sich damit?

Peter Henisch: Mein Vater hat seine Herkunft mithilfe meiner Großmutter weitgehend verdrängt. Die Oma, die sich erst viel später in ihrem Leben wieder zu der Frau entwickeln konnte, die sie eigentlich war, hat sich gewissermaßen "arisieren" lassen. Der kleine Bub, der mein Vater war, wusste zwar irgendwie, dass mit ihm etwas nicht stimmt, als er es aber kapierte, wollte er es lieber nicht mehr wissen. Trotz seiner jüdischen Abstammung ist er in immer größere Nähe zum Nationalsozialismus geraten und fühlte sich nach dem Tod seines Vaters und nach der Machtergreifung der Nazis in Österreich bis zu einem gewissen Grad auf der richtigen Seite, auf der mutmaßlichen Gewinnerseite. Und dort wollte er bleiben. Er hatte immer wieder Angst, als Jude entlarvt zu werden. Nach dem Krieg hatte er das Problem, Nazi gewesen zu sein. Er stritt die Mitgliedschaft in der Partei nicht ab - als Kriegsberichterstatter hatte er eine Karriere vor sich gesehen.

Glauben Sie, freier als Ihr Vater zu sein?

Ich hoffe es zu sein! Und politisch haben wir heute eine Form von Freiheit, die sie damals nicht hatten. Zumindest im Kopf habe ich mehr Bewegungsfreiheit.

Sie haben in "Die kleinen Figur meines Vaters" irgendwie versucht, den Vater aus dem brennenden Troja herauszuschleppen.

Da ist was Wahres dran. Die "Kleine Figur" ist tatsächlich ein Stück nachgetragener Liebe. Nachtragen heißt ja auch Schleppen, und das Bild, wie jemand ein Kind über den Fluss trägt, kommt mehrmals im Buch vor.

Wie schaut die Mutter zur kleinen Figur aus? Eine große Figur?

Die Mutter kommt in allem, was ich schrieb, eher indirekt vor. Es gibt einige wichtige Mutterfiguren, zum Beispiel im "Schwarzen Peter" - eine Frau, die auf starken Beinen steht. Meine Mutter war die realistische Person. Sie führte den Haushalt und die Geschäfte, sofern es welche gab. Der Vater hatte seine Beweglichkeit und hat mir natürlich mehr imponiert. Vom Vater hab ich die Statur, von der Mutter die Frohnatur.

Der Schauplatz Ihrer Kindheit in den Fünfzigerjahren war der dritte Bezirk. Wie sah die Trümmerlandschaft aus?

Es war keine reine Trümmerlandschaft. Es gab zwar viele Bombenlücken - die Gegend Hainburger Straße hinter dem Kardinal-Nagl-Platz war ziemlich abenteuerlich und wurde "Ratzenstadl" genannt. Es war ein bissl anrüchig, in dieser Gegend herumzusteigen - es gab viele Freiräume, von denen man heute nur träumen kann. Diese Ruinen und die von der Natur zurückeroberten Schutthalden waren ein ständiges Memento, dass davor etwas geschehen war. Die Väter waren im Krieg gewesen - aber was ist das, Krieg? Das hatte mit der dunklen Vorzeit zu tun, viele Schulkollegen hatten ja keine Väter mehr. Das Ganze war gruselig, zugleich aber auch ein dauernder Reiz, sich zu überlegen, was da eigentlich geschehen war. Von Juden und Nazis wusste ich bis zum Volksschulalter nichts, obwohl in meiner Familie mehr geredet wurde als in anderen, und andere Väter waren viel stiller. Es gab auch gewisse Spannungen in der Familie - die Oma hat offenbar die ganze Zeit über geschwiegen, wenn sie zu reden begann, dann ging es los. Meine Mutter sagte: "Die jiddelt ja." Es war mir nicht klar, was daran falsch ist und was es bedeutet. Oder mich hat das Wort "Bumstinazi" sehr beschäftigt. Ich spielte mit einem Besen vor dem Theseustempel, plötzlich sagt ein Kind zu mir: "Bumstinazi, der staubt." Es hat etwas Unangenehmes bedeutet, es war ein besetztes Wort.

Machen wir einen Sprung in Ihre Schulzeit. Eine in Wien nicht ganz unbekannte Person, der Theologe und Schriftsteller Adolf Holl, war Ihr Religionslehrer. War er ein guter Lehrer?

Das war in der Ettenreichgasse, im zehnten Bezirk. Vorher hatten wir einen typischen Katecheten - zum Vergessen! Holl war jünger, trat anders auf, war nicht salbungsvoll und hat unser ganzes intellektuelles Potenzial aktiviert. Der hat über Gott und die Welt mit einem gewissen existenzphilosophischen Touch geredet. Dass der Mensch denkt, das hat man gemerkt; ob Gott lenkt, war nicht so wichtig.

Wie wurden Sie zu einem Linken?

Da war zuerst mein Freund Walter Sturm, der mir "Das Kapital" geborgt hat - es war alt, abgegriffen, hatte einen merkwürdigen Geruch und war als Lektüre ziemlich enttäuschend, weil recht trocken. Nicht gerade die Lektüre für einen jungen Geist, der gerade von der Existenzphilosphie angezündet wurde. Sturm nahm mich zum Verband Sozialistischer Mittelschüler in der Per-Albin-Hansson- Siedlung mit. Es war ein Konglomerat aus Mädchen, Tischtennis und politischer Diskussion. Wir sprachen über die Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung, über Victor Adler, und einmal sind wir nach Berndorf gefahren, um gegen einen Aufmarsch des Kameradschaftsbundes zu demonstrieren. Inzwischen war mein Vater auch bei der Arbeiter-Zeitung.

Was ist für Sie von der Sozialdemokratie übrig geblieben?

Ein trauriges Kapitel. Die sozialen Errungenschaften werden von jenen, von denen man es erwartet, scheibchenweise zurückgenommen, aber die Sozialdemokratie spielt da mitunter mit peinlichem Eifer mit. Die sind Sozialdemokraten und wissen gar nicht, was Solidarität ist - von den Christlichsozialen, die sich noch trauen, das Wort in den Mund zu nehmen, rede ich gar nicht.

Welche Erinnerungen haben Sie an 1968?

Ich war damals mit meiner Exfrau in Prag. Wir konnten nicht Tschechisch, aber die Leute auf der Straße, die Diskussionen, wie sie Theater spielten und "We Shall Overcome" sangen, das haben wir verstanden. Wenige Tage nach unserer Rückkehr nach Wien sahen wir im Fernsehen die russischen Panzer in Prag. Dass da nicht der Kommunismus triumphiert, war mir damals auch klar. Prag 68 und Paris 68 waren Teile einer Bewegung. Das mag politisch ungenau sein, ich habe es aber so erlebt - wie einerseits de Gaulle die Panzer in Paris auffahren ließ und in Prag die "verbrüderten" Armeen alles niederbügeln. Auch Chile gehörte noch dazu.

Welche literarischen Einflüsse waren für Sie wichtig?

Ich habe zum Beispiel die Wiener Gruppe relativ früh wahrgenommen - über die Neuen Wege, die Zeitschrift des Theaters der Jugend. Darin gab es sehr viel Braves, es gab aber auch Artmann, Rühm, Mayröcker, Jandl und andere. Sie habe auch gewisse Spuren bei mir hinterlassen, aber um zum experimentellen Autor zu werden, hatte ich zu viel Interesse an der außerliterarischen Wirklichkeit. Wen ich ganz besonders schätze, das ist H.C. Artmann.

1968 war eine sehr literaturskeptische Zeit. Zugleich wurden zahlreiche "neue" Formen erprobt - Sie haben begonnen, Literatur mit Musik zu verbinden.

Ich hatte immer das Gefühl, dass in Texten sehr viel Musik ist und man diese Musik stärker herausarbeiten müsste. Ich hatte als Kind einige Ansätze von Musikunterricht genossen, aber den Klavierunterricht nicht länger als zwei Jahre ausgehalten. Meine Großmutter wollte, dass ich ordentlichen Klavierunterricht nehme, also wurde ich in die Musikschule Horak geschickt. Das war dann noch viel schlimmer - die reinste strenge Kammer. Ich ging nicht mehr hin. Später hab ich dann Gitarrespielen gelernt und vor allem die Mundharmonika. 1972 entstand die Gruppe Wiener Fleisch und Blut. Nachdem wir auf Empfehlung vom Heller eine "Musicbox" gestaltet hatten, wurden wir zu einer Art Geheimtipp. Die Gruppe ist später an unüberschaubarem Wachstum zugrunde gegangen. Es hätte mehr daraus werden können, wenn die Musik später nicht von braven Leuten wie Kolonovits zum Austropop gemacht und zu Tode arrangiert worden wäre.

Sie haben sich später - allerdings literarisch - an einer etwas größeren Figur, an Jim Morrison, versucht.

Das war eine kuriose Situation. Ich hörte Morrsion zum ersten Mal, "Absolutely Live", ganz kurz bevor er starb. Mir ist dieser Zusammenhang erst später bewusst geworden. Ich dachte mir, es wäre interessant, über ihn zu schreiben, es hat aber zehn Jahre gedauert, bis es so weit war.

Ist Literatur stärker als der Tod?

Ja, hoffentlich! Wahrscheinlich ist es vermessen, das zu sagen, aber sie ist eine Bewegung gegen den Tod. Eine Geste und der Versuch, sich dagegen aufzulehnen. Irgendetwas soll bleiben. Literatur ist ein Akt der Renitenz.

Die Achtzigerjahre waren die Zeit der Friedensbewegung. Damals waren Sie schon ein ziemlich erfolgreicher Autor.

Ich habe in "Figurenwerfen" ja versucht, gewisse Entwicklungsstufen meiner Biografie nachzuzeichnen.

Im Mittelpunkt dieser Zeit steht der Lehrer Swoboda aus Ihrem Roman "Bali oder Swoboda steigt aus".

Der ist noch Student und noch nicht ganz Schriftsteller - eine Erinnerung an den Mai 68. Swoboda ist Lehrer geworden - eine Karriere, die ich mir tatsächlich hätte vorstellen können, wäre der Fischer Verlag nicht dazwischengekommen. Eine Lehramtsprüfung wäre bei mir noch immer drin gewesen. Und Lehrer ist einer der für mich sinnvollen Berufe. "Bali" war ja auch ein Identifikationsbuch für Lehrer.

Swoboda hat aber etwas mit einer Schülerin, was heute schon nicht mehr so goutiert würde.

Ja, aber der Vollzug scheitert im letzten Moment daran, dass der Elektroofen ausfällt und es kalt wird.

Das würde heute aber trotzdem nicht nur als politisch inkorrekt angesehen.

Trotzdem zieht sich das Motiv durch die Weltliteraur - ich meine nicht ausfallende Elektroöfen, sondern Nabokov und "Lolita", Swoboda, aber auch Pepi Prohaska oder der schwarze Peter - das sind ein wenig zeitverschobene Typen, denen ich etwas von meiner persönlichen Erfahrung zugeschrieben habe. Die politische Bewegung hat sich totgelaufen, die Leute, die 1968 erschraken, haben die 68er unschädlich gemacht oder an die Brust genommen. Dann wurde schließlich alles esoterisch, und letztendlich blieben nur die Grünen als Partei übrig. Die sind als politisch nicht uninteressante Partei halt ein bissl ein Kompromiss.

In Deutschland wird gerade jener Teil der 68er-Bewegung diskutiert, der in den Terrorismus führte. In Österreich war die Geschichte weitaus harmloser - bis auf die Palmersentführung.

Leider ist ab einem bestimmten Zeitpunkt aus dem diffus aggressiven Zustand eine kriminelle Strömung entstanden. Von der ganzen Geschichte ist nichts mehr zu retten. Die ganze außerparlamentarische Linke in Deutschland hatte ja nie eine wirkliche Beziehung zu den Leuten, deren Anliegen sie angeblich vertrat. In Wien gabs das ja auch: Ich habe Robert Schindel in Floridsdorf vor Arbeitern reden gehört - und die Arbeiter sind gegangen. Mit der Palmersentführung hatte ich auf ganz kuriose Weise selbst auch zu tun. Zu dieser Zeit sollte eine ganze Richtung österreichischer Literatur diskreditiert werden. Peter Turrini, Wilhelm Pevny und mir wurde vorgeworfen, wir würden mit unserer Literatur zum Rauschgiftkonsum auffordern und pornographische Inhalte verbreiten. Wir klagten wegen übler Nachrede. Während des Prozesses gab es eine regelrechte Pressekampagne: Es hieß, wir würden uns derselben Sprache bedienen wie die Palmersentführer - weil einer von denen am Ende des Prozesses gesagt hatte: "Die sollen mich am Arsch lecken." Man konnte bei diesem Prozess nicht nachweisen, dass Turrini und Pevny zum Rauschgiftgebrauch aufforderten, wohl aber, dass die Leser - so argumentierte die Richterin - meinen "Lumpazimoribundus" für pornographisch halten könnten.

Warum schreibt, wie es in einem häufig zitierten Satz von Ihnen heißt, "ein normaler Mensch" nicht?

Weil ein normaler Mensch Finanzminister wird. Er sichert sich vorerst von allen Seiten ab, bevor er seinen Lebensweg geht. Mir ist es schon wichtig, dass Literatur absolut inkompatibel mit der Spaßkultur ist. Eine ernste Sache.

Autoren gehen zwischen 60 und 65 nicht in Pension. Kommt jetzt das Alterswerk von Peter Henisch?

Wenn man davon ausgeht, dass man mit dem Alter nicht nur blöder wird, und wenn die Energie nicht verschwindet, da haben Autoren zumindest bessere Chancen als Sportler. Es gibt bekannte Beispiel dafür, dass Leute erst mit sechzig so richtig in Schwung kamen. Ich möchte einen Roman über meine Großmutter schreiben, der viel mit der "Kleinen Figur" zu tun hat. Außerdem habe ich seit vielen Jahren einen Roman im Sinn - das Nachwort zum "Nachsommer". Das wird dann vielleicht wirklich ein Alterswerk. Zurzeit arbeite ich an einem Buch, der den Blick von einer Terrasse in Italien und von meiner Terrasse im Wienerald zum Inhalt hat. Mit diesem Blick, der nicht nur die Umgebung betrachtet, versuche ich die Neunzigerjahre in den Griff zu kriegen. Das wird meine nächsten fünf Jahre erfüllen. Zumindest hoffe ich das.

Erich Klein in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 7)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Figurenwerfen (Franz Schuh)

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