Autobiographie
Die Ursache - Der Keller - Der Atem - Die Kälte - Ein Kind

von Thomas Bernhard

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Residenz
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Kunst, Literatur/Biographien, Autobiographien
Umfang: 532 Seiten
Erscheinungsdatum: 30.10.2007

Rezension aus FALTER 5/2011

Ein Leben in die entgegengesetzte Richtung

Sieht man von ein paar Neuerscheinungen ab (siehe oben), so konzentriert sich die verlegerische Offensive zum runden Geburtstag von Thomas Bernhard vor allem auf dessen "Autobiographische Schriften", also die zwischen 1975 und 1982 erschienenen Erzählungen "Die Ursache", "Der Keller", "Der Atem", "Die Kälte" und "Ein Kind", die man in verschiedenen Ausgaben erwerben kann: in einem Band oder in fünf Bänden bei Residenz; in neu gestalteten Einzelausgaben bei dtv; und auf 15 CDs als Hörbuch.
Marcel Reich-Ranicki hat diese Pentalogie als "Thomas Bernhards reichstes und reifstes Werk" bezeichnet, und man ist geneigt, dem ebenso zuzustimmen wie Rolf Michaelis' Aussage, die eigentlich der "Kälte" galt, aber vom Verlag nun lässlicher Weise auf den ganzen Werkblock angewandt wurde: "Ohne Kenntnis dieses Buches darf niemand mehr über Thomas Bernhard und sein Werk ein Urteil fällen."
Unter Germanisten und Literaturwissenschaftlern gilt es zwar als äußerst fragwürdig, vom Werk aufs ­Leben zu schließen und umgekehrt (schnell ist man da in die "Biografismus-Falle" getappt), aber in der Tat stellt sich nach der Lektüre – so diese nicht ohnedies im Fahrwasser vollständiger Identifikation verläuft – eine gewisse Beißhemmung gegenüber dem Verfasser ein: Dem Mann haben sie doch wirklich etwas gar viel aufgepackt: den fehlenden Vater; die überforderte Mutter; das depperte Salzburg mit seinem "durch und durch menschenfeindlichen architektonisch-erzbischöflich-stumpfsinnig-nationalsozialistisch-katholischen Todesboden"; die lebensbedrohliche Lungenkrankheit.
Zuletzt geschrieben, aber an den Anfang gehörend, beginnt "Ein Kind" mit dem Versuch des kleinen Thomas, auf dem Waffenrad aus dem bayerischen Traunstein zur Tante nach Salzburg zu fahren, und in "Der Keller" hat Bernhard das Programm seiner Selberlebensbeschreibung formuliert: "Ich wollte in die entgegengesetzte Richtung." Von dieser entschiedenen Perspektivierung und der kühnen Klarheit, mit der hier einer seine Biografie in eine literarische Topografie verwandelt, bezieht dieses Werk seine bis heute ungebrochene Kraft.

Klaus Nüchtern in FALTER 5/2011 vom 04.02.2011 (S. 19)


Rezension aus FALTER 1-2/2005

Vor genau einem Jahr zierte der Charakterkopf von Thomas Bernhard das Titelblatt des Falter. Zur Klärung der Frage, "wie er wurde, was er war" (Coverzeile) hat der Autor selbst mit fünf Büchern beigetragen, die nun in der Suhrkamp-Werkausgabe unter dem voll tönenden Namen "Die Autobiographie" und im Rahmen der Backlisthighlightselection des Residenz Verlags etwas vorsichtiger als "Autobiographische Schriften" neu aufgelegt wurden. Liest man die zwischen 1975 und 1982 erschienenen Bände in der Reihenfolge ihres Erscheinens, so gewinnt man den Eindruck einer fortlaufenden Autoentbernhardisierung des Autors. Muss man sich in "Die Ursache" noch durchs Dickicht existenzphilosophisch aufgemascherlter Behauptungssatzprosa mühen, mit der hier das unterm Bombenhagel erbebende Salzburg und die letzten Schultage des jungen Noch-nicht-Dichters auf die (nicht ganz unplausible) Formel Nationalsozialismus-ist-Katholizismus-mit-komischen-Kreuzen gebracht wird, so lichtet sich der Urwald der Satzketten in "Der Keller" schon ein wenig, wo die Abkehr von der Schule und der Eintritt in den Lebensmittelladen des Karl Podlaha in der übel beleumundeten Scherzhauserfeldsiedlung zum enscheidenden Schritt "in die entgegengesetzte Richtung" stilisiert wird; eine Umkehr, die dazu führt, dass sich Bernhard beim stundenlangen Abladen von Kartoffeln im Regen eine nasse Rippenfellentzündung holt, deren drastische und an den Rand des Todes führende Folgen in "Der Atem" beschrieben werden.

Spätestens hier setzt Rezensentendemut und die Erkenntnis ein, dass diesem Mann wirklich etwas zu viel aufgepackt wurde; ein Eindruck, der in "Die Kälte" noch verstärkt wird - einem völlig unlarmoyanten und in seiner Kritik an der Institution "Heilanstalt" furiosen Text, der über die bloße "literarische Heimatbeschimpfung" (Sigrid Löffler) doch deutlich hinausgeht. Verglichen mit Grafenhof ist Bernhards Kindheit im bayerischen Traunstein dann zwar keineswegs idyllisch, aber doch ein Lichtblick in jedem Sinne: "Ein Kind" gehört in seiner unüblichen Stofffülle wohl zu den schönsten und berührendsten Texten des Autors.Der großartige Band "The Photobook" begibt sich auf die Suche nach den schönsten Fotobüchern der Geschichte. Das Augenmerk auf Format, Grafik, Typografie, Einbände, Druck- und Papierqualität wird hier wunderbar deutlich und macht klar, wie stark Bilder überhaupt schon mit dem Gedanken an deren Buchform produziert wurden. Die bibliophile Reise beginnt mit einem botanischen Kompendium von 1843 und endet bei einem Band "Girls Blue: Rockin' On" über die Jugendkultur Tokios von dem Fotografen Hiromix. Unübertroffen erweisen sich die Künstlerbücher des russischen Konstruktivismus und der Neuen Sachlichkeit, aber auch der japanischen Fotobuchgestaltung ist ein eigenes Kapitel gewidmet. "The Photobook" ist sehr übersichtlich gestaltet und auch wegen der guten Texte seinen Preis auf alle Fälle wert.

Klaus Nüchtern in FALTER 1-2/2005 vom 14.01.2005 (S. 58)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

The Photobook: A History (Martin Parr, Gerry Badger)
Werke in 22 Bänden (Thomas Bernhard, Martin Huber, Manfred Mittermayer)

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