Europa kreuzweise
Eine Litanei

von Blixa Bargeld

€ 14,90
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Verlag: Residenz
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 128 Seiten
Erscheinungsdatum: 21.10.2008

Rezension aus FALTER 12/2009

"Es ist eigenartig, dass ich noch nicht verstorben bin"

Blixa Bargeld, der Kopf der Einstürzenden Neubauten, ist mit seinem Buch "Europa kreuzweise" zu Gast in Graz

Interview: Tiz Schaffer

Auch wenn Blixa Bargeld gerne das Wort "Blitzbrief" für E-Mail verwendet, das Bildtelefonat findet zeitgemäß über iChat statt. Der Musiker, Künstler und Schriftsteller - vor kurzem feierte er seinen fünfzigsten Geburtstag - sitzt in seinem Haus in Berlin-Mitte und schlürft japanischen Sake. Dort macht er Kurzpause von seiner Lesetournee durch Europa. Tags darauf geht es zur Buchmesse nach Leipzig, diese Woche präsentiert er in Graz sein Buch "Europa kreuzweise. Eine Litanei". In diesem stilisiert er das Tourleben als Musiker zur "Tournee de Culinaire" hoch. Eine kurzweilige Betrachtung von vermeintlich immer gleichen Nachmittagen in immer neuen Städten zwischen Sternerestaurants, Kunstgalerien und Hotelzimmern.

Falter: Weil Sie gerade so schön an einem Glas Sake nippen: Um gutes Essen und Trinken wird es auch in unserem Gespräch gehen.

Blixa Bargeld: Reduzieren Sie das Buch bloß nicht auf gastronomische Erfahrungen. Dauernd werde ich gefragt, ob ich heute schon gut gegessen habe.

Fordern Sie solche Fragen nicht geradezu heraus?

Bargeld: Trotzdem möchte ich nicht in ein Fahrwasser geraten, in dem ich mich nicht unbedingt pudelwohl fühle. Aber bitte, so gesehen fordere ich es schon heraus.

Sie schreiben, der Arzt hätte Ihnen dringend eine Biopsie geraten. Wie geht es gesundheitlich?

Bargeld: Och danke, gut. Aber ich lüge auch viel. Das ist allerdings kein pathologischer Zustand. Retrospektiv betrachtet ist es vielleicht eigenartig, dass ich noch nicht verstorben bin. Allerdings war ich immer Heroinhasser, hätte nie an einer Überdosis sterben können. Meine Hobbys waren aber gesundheitsschädlicher. Aber das brauchen wir jetzt nicht ausführen.

Stimmt es, dass die Hälfte des Buches erfunden ist?

Bargeld: Wir könnten ja ein Ratespiel machen. Sagen Sie mir, was wirklich stattgefunden hat. Liegen Sie richtig, bekommen Sie eine Flasche.

Ich wollte bloß wissen, ob Ihr Tourleben noch eintöniger ist, als Sie es ohnehin schon beschreiben.

Bargeld: Ja, so könnte man das sagen. Wenn ich schon so ein Buch schreibe, möchte ich ja auch, dass es Unterhaltung ist. Insofern ist es das Konzentrat einiger Jahre.

Dennoch haben Sie alle sozialen Dynamiken eines Tourlebens ausgespart. Wäre Ihnen das zu banal gewesen?

Bargeld: In den letzten Jahren wurde ich einige Male von Verlagen eingeladen, ein Buch darüber zu veröffentlichen. Ich habe es nie gemacht, weil ich ahnte, dass es nichts anderes werden sollte als Popliteratur. Benjamin von Stuckrad-Barre der Dritte. Mich hat gefreut, beim Residenz-Verlag etwas machen zu können, was als Literatur verhandelt wird. Deshalb habe ich es vermieden, mich in die Untiefen eines Tourtagebuchs zu begeben.

Im Hintergrund des Buches scheint etwas zu schweben, das ich als Gestus der Selbstironie bezeichnen würde.

Bargeld: Ich gebe Ihnen das Recht, das zu tun.

Eine neue Eigenschaft?

Bargeld: Nö, die ist nicht neu, das geht schon lange so. Um meine Person gibt es seit jeher eine rührige chinesische Mauer von "Bloß nicht anfassen". Ich bin sehr glücklich, immer ernst genommen zu werden. Aber dahinter geht der Humor ziemlich verloren.

Ich würde Ihnen auch einen ziemlichen Hang zur Dekadenz attestieren.

Bargeld: Ich gebe Ihnen wiederum das Recht, das zu tun.

Sie schreiben etwa: "Kaffee trinke ich nur hier, nur in Italien". Ist das Ihre Art, im Jahr 2009 zu provozieren?

Bargeld: Provokation ist eine Notwendigkeit in Diktaturen, aber es ist ein Zustand der Langeweile in Demokratien. Provokation ist nie wirklich mein Anliegen gewesen, auch nicht als Musiker. Ich habe nur eine gute Veranlagung, mich zwischen Stühle zu setzen.

Aber die Reaktionen kann man sich ausrechnen. Die Leute, die heute das Feuilleton machen, sind mit Ihnen alt geworden.

Bargeld: Ich freu mich auf den Tag, an dem die Kassiererin im Supermarkt sagt, mein verstorbener Großvater war ein großer Fan von Ihnen.

Wenn Sie mit dem Taxi um Hunderte Euro zu einem Sternerestaurant fahren, ist klar, dass man nachfragt.

Bargeld: Es waren 185 Euro. Aber wir waren zu dritt. Gut, das mit dem Kaffee ist für einen Österreicher eine schöne Beleidigung. Ich glaube, wenn ich in Österreich lese, dann lasse ich den Satz weg. Aber ich ertappe mich immer in Italien, dass ich mir am Ende einen Espresso bestelle, obwohl ich normalerweise keinen Kaffee trinke. Ich nehme die Beleidigung gegenüber den Ostmarklern zurück. Aber um eines klarzustellen: Mir ist die respektable Behandlung von Gemüse tausendmal wichtiger als teure Ingredienzien. Ich war früher ein Gourmet, bin heute ein Gourmet. Nur früher hatte ich kein Geld.

Warum haben Sie eigentlich aufgehört, Vegetarier zu sein?

Bargeld: Aus Liebe zu meiner Frau. Als wir nach China gezogen sind, wollte ich sie nicht der Vielfalt der chinesischen Küche berauben. Die erste Peking-Ente war nicht so toll, die zweite war viel besser, die dritte war schon ziemlich großartig.

Sind Sie wirklich so ein Einzelgänger, als der Sie sich im Buch stilisieren?

Bargeld: An den Nachmittagen auf Tour bin ich einer. Ich gehe aber gerne alleine essen. Auch heute zu Mittag. Irgendwann kam der Ober und hat gefragt, ob ich was zu lesen will. Nein, natürlich nicht. Wenn ich alleine zu Mittag esse, komm ich in einen ganz anderen Zeitfluss. Das ist das genaue Gegenteil des restlichen Tourlebens, wo alles sehr schnell passiert.

Sie schreiben: "Es gab eine Periode der schwarzen Gummistiefel. Es gab eine Periode der Cowboystiefel. Ich bin schon lange in der Periode der italienischen Schuhe - Schuhe mit Schnürsenkeln." Ihre Phase der Hüte scheint auch schon wieder vorbei?

Bargeld: Mein letzter Hut war ein sehr schöner Strohhut aus New Orleans. Aber die Hutfabrik hat Pleite gemacht. Katrina hat meine Hutfabrik erledigt, daher trag ich jetzt keine mehr.

Einen Künstlernamen kann man schwieriger ablegen. Haben Sie es je bereut, ihn angenommen zu haben?

Bargeld: Ich habe es nicht bereut, auch meine Tochter heißt Bargeld. Ich habe mich nie hinter dem Künstlernamen versteckt, sondern mir eine neue Identität zugelegt. Als ich den Namen 1977 erfunden habe, war es eine Erneuerung meiner selbst.

Herr Bargeld, vielen Dank für das Gespräch.

Bargeld: Ja, bitte, danke.

Tiz Schaffer in FALTER 12/2009 vom 20.03.2009 (S. 47)


Rezension aus FALTER 11/2009

Gut, der Typ Dosenbiertrinker war Blixa Bargeld vermutlich nie. Und man wusste auch bereits aus Auftritten in den TV-Sendungen von ­Alfred Biolek oder Roger Willemsen um die Vorliebe des Altpunks für gutes Essen und feine Weine, die er sich im Laufe der Jahre auf den Tour­neen mit den Einstürzenden Neubauten antrainiert hat. Trotzdem wird man bei Residenz nicht damit gerechnet haben, dass der kürzlich 50 Jahre alt gewordene Musiker seinen Beitrag für die "Litaneien"-Reihe des Verlags großteils mit Frontberichten aus europäischen Spitzenrestaurants füllen würde. Statt "Europa kreuzweise. Eine Litanei" könnte das Buch, das im vergangenen Jahr während einer Europatour der Neubauten entstanden ist, ebenso gut "Mein Leben als Gourmet. Ein Monolog" heißen.
Auffällig ist zunächst einmal, wie viel Zeit Bargeld allein verbringt. "Ich habe den ganzen Tag mit niemandem gesprochen", heißt es auf Seite 6. Statt mit seinen Mitmusikern reist er zumeist individuell und stellt seinen Flug- und Zugfahrplan nach den Öffnungszeiten der im "Guide Michelin" empfohlenen Restaurants zusammen. Schon auf Seite 7 verzehrt er in Luxemburg "ein 6-Gang-Menü, an dem nichts falsch ist, das mich aber auch nicht lächeln lässt". Was für eine Ausdrucksweise! Spätestens hier ist man sicher: Aus dem einstigen Bürgerschreck ist ein Kulturbürger geworden. Dazu passt auch, dass er sich furchtbar über die dummen Gespräche der Neureichen am Nebentisch aufregen kann.
Man mag es keinem Leser verdenken, wenn er das Buch bald zur Seite legt. Und doch lohnt es sich, durchzuhalten, denn mit der Zeit entwickelt die misanthropische Art des trinkfreudigen "Forschungsreisenden ohne Auftrag, Fachgebiet und Reiseziel" einen regelrechten Sog und lässt einen immer wieder schmunzeln. Es geht Bargeld ja immer noch um Revolution – um die der Geschmacksempfindungen. "Alles ist neu, neu gedacht, zurückerfunden. Neu schmecken, neu denken", gerät er im El Bulli in Spanien ("das beste Restaurant der Welt") ins Schwärmen. Für so viel Genuss muss aber auch gelitten werden: "Roomservice oder Masturbation? Nichts eröffnet Perspektiven."

Sebastian Fasthuber in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 20)


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