Der Fliegenpalast

von Walter Kappacher

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Verlag: Residenz
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 176 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.12.2009

Rezension aus FALTER 23/2009

Hätte heute jemand beim Büchner-Preis auf Walter Kappacher gesetzt, die Quoten der Buchmacher wären überaus günstig gewesen. Dabei wurde der gebürtige Salzburger für sein letztes, im heurigen Frühjahr erschienenes Buch "Der Fliegenpalast" vom deutschsprachigen Feuilleton einhellig gepriesen. Spätestens mit seinem 2005 erschienenen, unsentimentalen Toskana-Roman "Selina oder Das andere Leben" hat sich Kappacher den Ruf des ewig Unterschätzten erworben. "Er ist", meinte Gustav Seibt damals in seiner enthusiasmierten Besprechung für die Süddeutsche Zeitung, "zu taktvoll, um uns mit dem Ruhm zu behelligen, der ihm zusteht." Das hat sich seit Dienstag vergangener Woche, als die Entscheidung bekanntgegeben wurde, geändert. Der Falter traf den Schriftsteller einen Tag nach Bekanntgabe der Büchner-Preis-Entscheidung in dessen Wohnung in Obertrum.

Falter: Kommen Sie derzeit überhaupt noch zum Essen und zum Schlafen?
Walter Kappacher: Eher nicht. Klaus Reichert (Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die den Büchner-Preis vergibt, Anm. d. Red.) hat mich am Sonntagabend in Tübingen erreicht. Ich habe gefragt: "Ist das ein Scherz?" Kollegen und ich haben uns früher nämlich gern gepflanzt – ich konnte Reich-Ranicki ganz gut nachmachen. Ich habe dann seine Stimme aber zweifelsfrei erkannt, und es schließlich geglaubt. Reichert hat gemeint, ich solle mir Mittwoch und Donnerstag freinehmen, es werde einiges auf mich zukommen. Es ging dann schon am Dienstag in der Früh los: Ich wollte mir in der Früh einen Espresso machen, was mir aber bis um sechs am Abend nicht gelungen ist.
Sie haben nicht damit gerechnet?
Kappacher: Überhaupt nicht! Am Tag davor habe ich mich noch mit zwei, drei Kollegen über mögliche Büchner-Preisträger unterhalten. Es ist ja bekannt, dass es viele Kollegen gibt, die Jahr für Jahr darauf warten, ob sie ihn kriegen: Uwe Timm oder F.C. Delius – es gibt ja genug Kandidaten. Ich habe nur gesagt: "Auf keinen Fall wird's ein Österreicher." Das haben die anderen auch eingesehen.
Wie war denn Ihre Reaktion auf die letztjährige Entscheidung, als Josef Winkler den Büchner-Preis bekam?
Kappacher: Die Reaktion war: Er hat's verdient.
Sie beide sind aber doch sehr verschiedene Temperamente: Winkler ein sehr barocker Schriftsteller, Sie eher ein Reduktionist.
Kappacher: Ja, die Obsessionen äußern sich bei mir eher unterirdisch, und bei ihm geht's doch ins Volle. Seine Dankesrede war auch ziemlich arg: Er hat fast ins Publikum geschrien. Ich habe Winklers erstes Buch "Menschenkind" (1979) sehr bewundert und ihn anschließend ein bisschen aus den Augen verloren. Dann habe ich wieder was probiert und das Gefühl gehabt, dass er von dieser Verletzung noch immer nicht losgekommen ist. Und mit seinen Indienbüchern konnte ich nicht viel anfangen, auch wenn ich den Stil durchaus bewundere. Bei der Tagung der Akademie wurde jetzt sein Nachwort zu Hans Henny Jahnns "Die Nacht aus Blei" vorgelesen, und von diesem Text war ich zutiefst beeindruckt!
Hat es Sie es gestört, dass Sie bislang mit Preisen nicht gerade überschüttet wurden?
Kappacher: Ich habe mich schon vor vielen Jahren entschieden, mich nicht zu ärgern. Wenn was kommt, freue ich mich, aber ich erwarte es nicht.
Im Klappentext Ihres Romans "Selina" heißt es: "lebt zurückgezogen in Obertrum".
Kappacher: Das kann ich schon überhaupt nicht hören! Ich bin drei-, viermal in der Woche einen halben Tag in Salzburg. Wir hocken ja nur hier heraußen, weil meine Frau in der Berufsschule für Gastgewerbe unterrichtet. Jetzt sind wir schon zwölf Jahre da, aber unsere Situation ist die von Türken oder Schwarzen. Auch wenn wir noch 30 Jahre hier leben, werden wir nicht dazugehören. Aber hier muss man alteingesessen sein oder zumindest dazuheiraten.
Zurückgezogen oder nicht – einige Ihrer Werke haben jedenfalls mit Aussteigerfantasien zu tun.
Kappacher: Das sind natürlich meine. Ich habe schon alles Mögliche gemacht, aber immer, wenn ich das Gefühl hatte, das kann ich jetzt, hat es mich nicht mehr interessiert. Wobei Handwerk etwas Wunderbares ist: Mit den Händen etwas zu machen hat ja auch mit Intelligenz zu tun.
Ist das Schreiben für Sie mit Handwerk verbunden?
Kappacher: Absolut. Vor allem, wenn man mit der Hand schreibt.
Was Sie tun?
Kappacher: Ich tippe schon in mein Notebook, aber es kommt immer wieder vor, dass ich ins Stocken gerate: Dann hole ich mir ein paar Blätter und den Bleistift – und sehr oft geht's dann wieder weiter.
Brigitte Kronauer, die vor vier Jahren mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet wurde, hat das Schreiben einmal mit dem Verstellen von Möbeln verglichen: Wenn da nur um ein paar Millimeter zu wenig Platz ist, kann man den Kasten nicht reinschieben.
Kappacher: Ein sehr schönes Bild! Es heißt ja auch nicht zu Unrecht Schriftstellerei.
Bevor Sie Schriftsteller wurden, haben Sie eine Reihe von anderen Berufen ausgeübt.
Kappacher: Nach dem Bundesheer wollte ich Schauspieler werden. Ich bin in Barsch aufgewachsen, und in Oberbarsch gab's ein Filmstudio, in dem Peter Vogel (österreichischer Schauspieler, der 1978 Selbstmord beging und u.a. als erster Darsteller des Inspektor Kottan legendär war, Anm. d. Red.) gerade einen Film gedreht hat. Den habe ich einfach gefragt, wie man das angeht. Und er meinte, das Wichtigste sei eine sehr strenge Aufnahmeprüfung: "Gehen S' ja nicht ans Mozarteum, in München laufen schon 10.000 arbeitslose Schauspieler herum." Ich habe dann auch Schauspielunterricht genommen, aber schließlich eingesehen, dass das doch nicht das Wahre ist. "Soll ich dir das schreiben?"
Was waren Ihre nächsten beruflichen Stationen?
Kappacher: Für einen Bäcker, der auf Altmaterialhandel umgestiegen und so zum Millionär geworden ist, habe ich die Motoren amerikanischer Lastwagen zerlegt. Und in meiner dreckigen blauen Kluft bin ich ins Reisebüro gegangen und habe den Direktor gefragt, was die Voraussetzungen wären, dort zu arbeiten.
Warum ausgerechnet im Reisebüro?
Kappacher: Weil in der Auslage ein wunderbares Plakat mit der Piazza Grande in Siena gehangen ist. Der Direktor hat gesagt: Sie brauchen zwei Anzüge, und weil ich kein Geld hatte, hat er mir aus seiner Brieftasche ein paar hundert Schilling gegeben – das hat damals gereicht – und gesagt: "Wir sehen uns wieder." Ich habe in der Hauptsaison begonnen, und eine Kollegin hat mich angebrüllt, ich solle endlich das Telefon abheben. Wir hatten daheim natürlich kein Telefon, und ich habe einfach nicht gewusst, wo ich hineinsprechen soll – so deppert war ich. Es ist dann aber besser geworden.
1978, also mit 40, haben Sie sich dann endgültig für die Existenz des freien Schriftstellers entschieden.
Kappacher: Ich kannte den Regisseur Peter Keglevits, und der hat es immer geschafft, vom ORF Drehbuchaufträge zu kriegen, die wir fifty-fifty geteilt haben. Da habe ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Geld gehabt.
Waren das damals bessere Zeiten für Schriftsteller?
Kappacher: Bei mir war's schon an der Grenze. Im Frühjahr habe ich nicht gewusst, wovon ich im September leben werde. Wenn ich nicht bei meiner Mutter gelebt hätte, wär's eh nicht gegangen.
Hat die Ihre Bücher gelesen?
Kappacher: Meine Mutter ist in ihrem Leben drei Jahre lang in die Schule gegangen. Sie musste mit 13, 14 Jahren den großen Hof praktisch alleine führen. Ihre Handschrift habe ich allerdings immer bewundert, und sie konnte die Rechnungen, die man am Jahresende beim Konsum eingereicht hat, im Kopf zusammenrechnen. Ich habe das viel später einmal mit dem Taschenrechner nachgerechnet, und sie hat sich kaum je geirrt.
Als Sie begonnen haben zu schreiben, war unter anderem auch sozialer Realismus angesagt – Leute wie Gernot Wolfgruber und Franz Innerhofer waren fast Stars.
Kappacher: Der Innerhofer sowieso! Und der Residenz hatte einen Ruf – auch in Deutschland –, der so gut war wie nachher nie wieder. Warum hat eigentlich Wolfgruber zu schreiben aufgehört?
Mein Verdacht ist, dass er sich an der eigenen Biografie abgearbeitet hat. Und wenn man dann am Schreibtisch sitzt …
Kappacher: … stimmt, das ist nicht abendfüllend. Dieses Problem habe ich auch bei Innerhofer bemerkt: Mit dem ersten Buch wär's noch gegangen, aber danach hätte er Beratung gebraucht. Der Verlag wollte ihn auspressen, solange es ging. Vielleicht konnte er aber auch nur aus seiner Biografie schöpfen.
Das haben Sie vermieden?
Kappacher: Beim "Amateur" habe ich es wohl versucht. Und vor der ersten Veröffentlichung – aber nicht als Roman, sondern als Erzählung verknappt.
Haben Sie je bereut, Ihr Leben vor dem Schriftstellerdasein mit anderen Berufen "verplempert" zu haben.
Kappacher: Nein, nie. Und nachdem ich keine Kinder hatte, habe ich mir auch leichter getan, den Hut draufzuschmeißen, wenn mich etwas nicht mehr interessiert hat.
Haben Sie sich dem Genre "Literatur der Arbeitswelt", das damals im Schwang war, je zugehörig gefühlt?
Kappacher: Im Gegenteil, das hat mich eher abgestoßen. Martin Walser ist damals völlig auf das "Authentische" abgefahren, war von dieser Unsprache begeistert.
Wie war denn Ihr Kontakt zu Kollegen? Gab's je eine Gruppe, zu der Sie gehört hätten?
Kappacher: Ich hab's versucht. Ich war allerdings so naiv zu glauben, dass sich die Kollegen übers Schreiben unterhalten und ich lernen könnte, wie man besser schreibt. Aber ihr einziges Interesse waren Kontakte zur Presse. Der brutalste Kritiker, den es gab, war Gerhard Amanshauser (Österreichischer Schriftsteller, 1928–2006, Anm. d. Red.). Er war ein faszinierender Mensch, und viele haben versucht, ihm nahezukommen, aber keiner ist ein zweites Mal gekommen – das war ihnen too much. Mir konnte es gar nicht kritisch genug sein.
Und Thomas Bernhard? Den haben Sie doch auch gekannt?
Kappacher: Den habe ich bei einer Lesung angesprochen. Er meinte, ich solle ihn einmal in Ohlsdorf besuchen. Ich habe mich dann nie getraut, bin ihm aber wiederholt begegnet – eigenartigerweise immer am Mozartsteg. Und diese kurzen 5-Minuten-Gespräche waren immer sehr schön. Bis ich ihn dann in den 80er-Jahren wirklich einmal in Ohlsdorf aufgesucht habe, als er gerade den Garten umgestochen hat und ganz ungehalten war: "Kommen Sie am nächsten Sonntag." Wir haben uns dann in einem Gmundner Café getroffen, wo er mich eineinhalb Stunden niedergeredet hat. Ich hatte keine Chance, auch nur irgendwas zu sagen. Es ging um den Residenz Verlag, wo er auch alle verachtet hat. Über Bernhards Begeisterung für Ernst Jünger war ich auch sehr erstaunt. Es war schon interessant, aber ich hätte ihn gern etwas gefragt. Und dann kamen Damen mit Kuchen und Büchern zum Signieren – da hab ich mich dann verabschiedet.
Peter Handke, der einen Zeitlang auch in Salzburg gewohnt hat, sind Sie wohl auch begegnet?
Kappacher: Ich habe ihn öfters gesehen, hätte ihn aber nie angesprochen. Auf dem Mozartsteg habe ich ihm einmal freundlich zugenickt. Er schaut, bleibt stehen und sagt: "Sie sind doch …" "Walter Kappacher." "Richtig. Sie haben ein Buch geschrieben. Es ist ein trauriges Buch." Ich: "Na ja." Dann hat er nichts mehr gesagt, und ich habe mich verabschiedet. Dann hat er wieder was gesagt, wir haben zwei Sätze gewechselt, und er ist wieder verstummt. Mir war so was von unwohl! Aber ich habe mir gedacht: So ist er halt. Jahre später haben wir uns auf der Staatsbrücke ganz nett unterhalten. Und wieder Jahre später hat er mich gebeten, ihm mein letztes Buch zu schicken. Ein Monat später kommt eine Postkarte, in der er mich um weitere Bücher bittet. Und einige Wochen später läutet das Telefon: "Hier ist Peter Handke. Ich habe eine schlechte Nachricht für Sie: Sie kriegen den Hermann-Lenz-Preis."
Wenn Sie Ihren Kollegen ständig auf diversen Brücken begegnen, sind Sie offenbar ein großer Geher.
Kappacher: Ja. Ich muss am Nachmittag gehen, dann kann ich am nächsten Tag wahrscheinlich was Schreiben. Da komme ich in einen tagträumerischen Zustand, in dem ich völlig abwesend bin.
Das heißt, dass es auch egal ist, wo Sie gehen?
Kappacher: Ich muss einigermaßen ungestört sein. Auf der Kärntner Straße würde es nicht funktionieren.
Auf Ihren Spaziergängen fotografieren Sie auch?
Kappacher: Ja, von Ende Oktober bis März. Eisbrüche und absterbendes Schilf. Im Sommer ist es fad: üppig sprießende, gesunde Vegtation.
Sie stehen um sechs auf und schreiben – hab ich jedenfalls gelesen.
Kappacher: Ich muss um sechs aufstehen, damit ich um neun schreiben kann. Jede Ablenkung ist willkommen!
Schreibzustände der Euphorie kennen Sie auch? Oder ist es eher eine Plage.
Kappacher: Es liegt wohl in der Mitte. Wenn ich die Fahnen lese, passiert's manchmal, dass ich mir bei drei, vier Sätzen denke: Ist nicht schlecht. Da bin ich dann schon zufrieden.
Aber Sie stürzen nach Abschluss eines Werks nicht ins berühmte Loch?
Kappacher: Das kenn ich schon. Depressionen sind mir bestens bekannt.
Und das Schreiben hilft?
Kappacher: Ich glaub, es hilft nicht. Eher hilft Musik. Meist läuft bei mir auch etwas – Klavierimpromptus von Mozart zum Beispiel.
Bleiben wir gleich bei den Local Heroes: Hugo von Hofmannsthal ist der Protagonist Ihres jüngsten Buches "Der Fliegenpalast". Welche Beziehung haben Sie zu ihm?
Kappacher: Einige Sachen habe ich schon auf der Schauspielschule gekannt – "Der Tod des Tizian" hat mich sehr beeindruckt. Ansonsten lese ich ihn in großen Abständen immer wieder.
Was war der Ausgangspunkt für den "Fliegenpalast"?
Kappacher: Ich bin einmal nach Bad Fusch gefahren, das eigentlich nicht mehr existiert. Es gibt nur noch die Reste einer Hotelruine. Dieser Nicht-Ort hat mich aber sehr beeindruckt. Später habe ich herausgefunden, dass Hofmannsthal dort zwei Stücke beenden wollte. Die Herausforderung bestand gerade darin, dass man ansonsten nichts weiß. Wenn es um einen Abschnitt im Leben von Thomas Mann gegangen wäre, hätte mich das überhaupt nicht interessiert.
Warum?
Kappacher: Weil man aus seinen Tagebüchern eh alles weiß – grad, dass er nicht geschrieben hat, wie oft er am Häusl war.
Es ging darum, die Leerstellen zu füllen?
Kappacher: Ja, wobei sehr viel von mir drinsteckt. Eigentlich wollte ich nicht, dass es ein Hofmannsthal-Buch wird, weil sich doch kein Schwein noch für den interessiert. Ursprünglich wollte ich "Fusch" als Titel nehmen.
Aber?
Kappacher: Der Lektor und der Verlagschef wären einverstanden gewesen, aber die deutschen Vertreter haben das strikt abgelehnt – und die entscheiden das.
Wieso ist "Der Fliegenpalast" jetzt eigentlich bei Residenz erschienen? Die Bücher davor sind ja bei Deuticke herausgekommen.
Kappacher: Ich habe es Michael Krüger (Chef des Münchner Hanser Verlages, zu dem die Töchter Deuticke und Zsolnay gehören, Anm. d. Red.) angeboten, aber ausdrücklich für den Hanser Verlag. Das hat er abgelehnt. Er meinte, ein Wechsel sei eine Katastrophe für den Autor Kappacher. Das habe ich nicht kapiert und es Residenz angeboten.
Und was machen Sie nun mit dem Preisgeld? Ein fesches Auto kaufen?
Kappacher: Ich bin an Autos nicht interessiert. Mein alter Mazda hält sicher noch drei, vier Jahre. Das reicht.
Was dann?
Kappacher: Darüber hab ich noch nicht nachgedacht. Ich habe ja nicht einmal gewusst, wie viel man kriegt – ich dachte, vielleicht sind es 25.000. Am liebsten würde ich es sicher anlegen, aber wer weiß, was noch alles kommt: Wenn man Gold kauft, schürfen womöglich die Russen im Kaukasus oder sonst wo so viel, dass der Preis um die Hälfte fällt.

Klaus Nüchtern in FALTER 23/2009 vom 05.06.2009 (S. 26)


Rezension aus FALTER 11/2009

Selbst die Bleistifte waren früher besser

Mit 25 Jahren kann jeder Talent haben. Mit 50 Jahren Talent zu haben, darauf kommt es an." Schwer zu sagen, ob Hugo von Hofmannsthal das Degas-Zitat kannte. Er dürfte aber ähnlich gedacht haben wie der französische Impressionist – nur mit umgekehrten Vorzeichen: Während es Degas bis ins hohe Alter nicht an Selbstvertrauen fehlte, kennzeichneten häufige Krisen Hofmannsthals Schaffen. In einer solchen befindet er sich auch in Walter Kappachers Roman "Der Fliegenpalast", der den Dichter als 50-Jährigen porträtiert.
Kappachers Hofmannsthal, im Roman nur "H." genannt, verbringt im Sommer 1924 einige Tage in Bad Fusch, einem heute verlassenen Kurort am Großglockner. Am Urlaubsort seiner Kindheit will er ungestört an einigen halbfertigen Texten arbeiten. Doch die Schaffenskraft der frühen Jahre ist dahin, Fantasie und Inspiration sind nicht mehr zur Stelle, wenn er sie braucht. Auch die Hoffnung auf eine ruhige Arbeitsatmosphäre ist vergeblich: Der Tourismus hat dem verträumten Bergdorf die Beschaulichkeit geraubt.

Schlecht gekleidet beim Diner Doch nicht nur dessen Schaffenskrise macht H. zur tragischen Figur. Der Anhänger der zerschlagenen Monarchie findet in der neuen, ärmlichen Gesellschaft keinen rechten Platz mehr. Der Niedergang hat alle Lebensbereiche erfasst: Die Kurgäste kleiden sich zum Diner nicht mehr ordentlich, Orangen gibt es längst nicht mehr zu kaufen, selbst die Bleistifte waren früher besser. Nicht einmal auf die eigene Prominenz ist noch Verlass. Hofmannsthal hat dem Hoteldiener eingeschärft, keinesfalls seinen Namen laut auszusprechen, um nicht von Verehrern gestört zu werden. Die Vorsichtsmaßnahme ist unnötig: Die wenigen Unbekannten, die auf H. zukommen, wollen sich bestenfalls seine Zeitung ausborgen. Nur eine alte Baronin erkennt ihn, worauf sie der sonst so höfliche Hofmannsthal, der nun endlich eine Gelegenheit findet, die vermeintlich gefährdete Ruhe zu verteidigen, brüskiert.
Die traurige Ironie der Geschichte: Durch den Fauxpas gefährdet Hofmannsthal das einzig Positive seiner missglückten Sommerfrische – die aufkeimende Freundschaft zum Leibarzt der alten Dame. Dieser liest zum ersten Mal Texte Hofmannsthals und fühlt sich von ihm verstanden, zu ihm vielleicht auch erotisch hingezogen (und vice versa).
Es ist bewundernswert, wie feinfühlig der Erzähler des "Fliegenpalasts" mit seiner Hauptfigur umgeht. Der überspannte Dichter wird nie vorgeführt; der Blick des Erzählers ist genau, aber niemals kalt. Kappacher erweist sich vielmehr als vollendeter Meister der liebevollen, zartbitteren Ironie.
Immer wieder etwa kommt die Rede auf die Salzburger Festspiele, zu deren Initiatoren Hofmannsthal zählt, die aber in diesem Sommer abgesagt werden. Man befürchtet, verelendete Einheimische könnten die internationalen Gäste anpöbeln. So lässt Kappacher den Autor des "Jedermann" in Bad Fusch vor seiner Zeitung sitzen, in der er ein Inserat für den neuen, vier PS starken Opel sieht. Leider verrät die Anzeige nur den Goldmarkpreis ab Werk Rüsselsheim. In Wien würde man das schöne Auto wohl kaum bekommen, geschweige denn sich leisten können. Die Überschrift des (authentischen) Inserats: "Der Wagen für Jedermann".

Beeindruckende Dichte Es sind diese beiläufigen Details, die Kappachers kurzem Roman seine beeindruckende Dichte verleihen. Der Autor verfügt zwar über ein enormes Fachwissen über Hofmannsthals Epoche, protzt damit aber nicht. Diese Souveränität passt zur Unbeirrbarkeit, mit der der heute 70-Jährige seinen ganz persönlichen literarischen Weg geht. Der ehemalige Motorradmechaniker und Schauspieler war 40, als er den Schritt zum freien Schriftsteller wagte. 15 Romane und Erzählungen sind in den letzten 30 Jahren entstanden, ohne Rücksicht auf literarische Moden oder Seilschaften im Literaturbetrieb. Erst seit kurzem wird dem Einzelgänger etwas mehr Aufmerksamkeit zuteil: "Der Fliegenpalast" erschien immerhin als Vorabdruck in der FAZ.
In den wenigen Tagen, die in dem Roman geschildert werden, zeichnet Kappacher ein genaues Porträt Hofmannsthals und seiner Zeit. Die Tragödie des Ersten Weltkriegs holt der Autor genauso in sein Buch wie die sich langsam vorbereitende Katastrophe des Nationalsozialismus. Um das Elend der Zwischenkriegszeit fühlbar zu machen, braucht er zwei Absätze, um den beginnenden Verfall Bad Fuschs anzudeuten, bloß zwei Zeilen. Ebenso effizient ist das Schlussbild, von dem hier nur so viel verraten sei: Es enthält die ganze Tragik des Dichters, der sich gern einer Welt verweigern würde, die aber ohnehin nichts von ihm wissen will.

Georg Renöckl in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 19)


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