Die Frequenzen

von Clemens J Setz

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Verlag: Residenz
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 720 Seiten
Erscheinungsdatum: 22.09.2009

Rezension aus FALTER 15/2009

Geklingel beim Sex und Umwege beim Eierköpfen

Mit seinem klugen Debütroman "Söhne und Planeten" hat sich der Grazer Autor Clemens J. Setz (Jg. 1982) als früh gereiftes Talent erwiesen. Jetzt wollte er es offenbar wirklich wissen und hat einen über 700 Seiten starken Wälzer geschrieben, der die problembehafteten Leben zweier junger Männer als Anlass dafür nimmt, um über Familien und Vater-Sohn-Beziehungen nachzudenken, aber auch über Mathematik, Philosophie, Kunst, Gewalt, Sex, Einsamkeit, Hunde, Babys, Weltmaschinen und Ohrensausen.

Kurz und gut: Setz hat so ziemlich alles, was einem ambitionierten Jungautor durch den Kopf gehen kann, in diesen Roman gequetscht. Mit der Folge, dass dem Geschehen streckenweise nur schwer zu folgen ist. Einmal wird ein Haus beschrieben, dessen Bewohner eines Tages im Keller einen Riss in der Wand entdecken, der kein Ende zu nehmen scheint. Ein selbstironischer Kommentar des Autors über die Bausubstanz seines Werks?
Die Rahmenhandlung erschließt sich im Laufe der Lektüre des Textkonvoluts, das wild durch Zeit und Raum, Romanrealität und Traum hüpft, nur langsam. Dafür ist sie umso schneller erzählt: Zwei Männer an die 30, die als Schüler gute Freunde waren, rekapitulieren ihre bisheriges Leben – der eine in der dritten, der andere in der ersten Person.
Viel hat sich nicht getan: Walter, der mutlose Architektensohn, verschwindet hinter den Wünschen seines Erzeugers, der ihm jederzeit ein Praktikum bei einer Zeitung oder eine Assistenz bei einem Regisseur organisieren könnte. Als die Eltern entdecken, dass ihr Sohn heimlich Gedichte schreibt, reagieren sie hocherfreut. Der Vater erwägt gar, "einen Privatdruck von Walters Frühwerk zu bezahlen". Aus so einem kann eigentlich nichts werden.
Alexander wiederum ist Lehrersohn und wurde durch das plötzliche Verschwinden seines Vaters nachhaltiger aus der Bahn geworfen, als er zugeben will. Der Hochbegabte schmeißt das Studium, um einige Zeit als Altenpfleger zu arbeiten. Privat changiert er zwischen einer langjährigen, langweilig gewordenen Beziehung und einer Affäre mit einer viel älteren Frau, einer Therapeutin, über die er Walter wieder trifft.
Viel haben die beiden einander allerdings nicht zu sagen, dafür treiben umso mehr Stilblüten und angestrengte Bilder von teils unfreiwilliger Komik durch den Roman. Alles scheint beseelt: Ein Aspirin ist "einsam", ein Taschentelefon "besorgt". Eine Grünfläche wird beschrieben als "ein alter, seniler Garten, der sich in allerlei Hirngespinsten aus Unkraut und Kletterpflanzen erging". Und betritt einer zum wiederholten Mal ein Krankenhaus, widerfährt ihm Wundersames: "Die automatischen Flügeltüren kennen mich bereits und machen mir pietätvoll den Weg frei."
Noch haarsträubender fallen die Sexszenen aus. In diesen lässt Setz seinen Icherzähler Alexander ganz von der Leine – und der Lektor hat offenbar pietätvoll weggeschaut. Nicht genug, dass das schüchterne Genie gleich beim ersten Mädchenbesuch ansatzlos fellationiert wird – die begleitenden Geräusche lassen ihn an "das Gebimmel der Schlittenglocken am Weihnachtsabend" denken. Auch wenn die Schilderungen pragmatischer ausfallen, wird es dadurch nicht besser: "Ja, nimm ihn in den Mund. Lutsch daran ... Oh!"
Dabei zählen die "Stellen" noch zu den unterhaltsameren Passagen. Vieles ist einfach Geschwurbel, manches würde man eventuell in Essays oder Diplomarbeiten akzeptieren, nicht aber in einer morschen Romankons­truktion. Und manches ist nur halb so originell, wie der Autor einen glauben machen möchte. Die Menschen etwa teilt Alexander in zwei Kategorien ein: solche, die WWF für eine Tierschutzorganisation halten, und solche, die damit Wrestling in Verbindung bringen. Altkluger Nachsatz: "Wer in beiden [Welten] zuhause ist, ist wahnsinnig."

Mit "ein großer Aufwand für ein winzig kleines Ergebnis" werden die Apparaturen von Rube Goldberg beschrieben, bei denen eine lange Kettenreaktion in Gang gesetzt wird, um etwas so Simples wie das Köpfen eines Frühstückseis zu bewerkstelligen. Ähnliches denkt man sich bisweilen bei der Lektüre über diesen Roman. Setz ist ohne Zweifel einer der gescheitesten Köpfe, den die österreichische Literatur in letzter Zeit hervorgebracht hat. Aber: Kurzen Genieblitzen steht in seinem neuen Werk viel krudes Zeug und Leerlauf gegenüber.
Noch ein Zitat: "Entschuldigen Sie, ich glaube, ich habe den Faden verloren. Wissen Sie noch, was ich gerade gesagt habe?" Ehrlich gesagt: Nein. So wichtig kann es aber nicht gewesen sein.

Sebastian Fasthuber in FALTER 15/2009 vom 10.04.2009 (S. 28)


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