Unter uns

von Angelika Reitzer

€ 21,90
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Verlag: Residenz
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 304 Seiten
Erscheinungsdatum: 20.08.2010


Rezension aus FALTER 39/2010

Wenn man das Leben nur noch mitmacht

Die seligen Zeiten des Forum Stadtpark sind lange vorbei, doch zuletzt hat die Grazer Literatur wieder ein kräftiges Lebens-, ja Blütezeichen gegeben: Olga Flor und Clemens J. Setz leben nach wie vor in Graz, Angelika Reitzer ist – wie Thomas Glavinic und Gerhild Steinbuch – nach Wien übersiedelt.
Mit ihrem neuen Roman hat Reitzer das Versprechen ihres Debüts "Taghelle Gegend" und des Erzählbands "Frauen in Vasen" erfüllt: "unter uns" gehört zu den besten Neuerscheinungen der letzten Jahre. Würde das nicht allzu sehr an die Sprache des Obstbaus erinnern, dem Reitzer eine schöne Erzählung gewidmet hat, könnte man sagen: Es ist das Buch einer reifen Autorin. "unter uns" zeigt die Licht- und noch mehr die Schattenseiten eines Milieus. Die Kleinschreibung des Titels, deutet auf die Offenheit des Romangebäudes wie des darin ausgebreiteten Beziehungsgeflechts.

Man kennt sich untereinander, zumindest von früher, zumindest vom Sehen: lauter Paare, Expaare, Derzeitsingles um die 40, die sich viel jünger fühlen, obwohl ihre Kinder schon recht groß sind, vielleicht auch, weil die meisten ihr Studentenleben weiterführen – prekäre Existenzen im Präkariat.
Am Beginn steht ein Rückzug: Im Garten des ehemals elterlichen Gasthauses, ist man unter sich – eine "fröhliche, leicht disparate Familie". Die Geburtstagsfeier der Mutter ist angesagt, findet aber nicht statt; vor den staunenden Kindern und Anverwandten verabschieden sich die Eltern stattdessen in den emotionalen Ruhestand: Hinkünftig wollen sie sich nur noch dem eigenen Wohlergehen widmen. Wenige Monate später trifft man sich beim Begräbnis des Vaters.
Von Clarissa, der heimlichen Hauptfigur des Romans, erfahren wir, dass die Eltern als Haudegen des Gastgewerbes eigentlich immer schon abwesend waren. Die Tochter ist als "Assistentin der Geschäftsführung" an ihrem Perfektionismus und ihrer Dünnhäutigkeit gescheitert und lebt nun als Untermieterin im Haus von Klara und Tobias (der in irgendeiner Branche erfolgreich ist). "unter uns", das kann man also auch räumlich verstehen: Clarissa ist die Souterrainexistenz, die den dräuenden Untergrund der glücklichen Familie bildet, an die niemand so richtig glaubt. Ein Generationsroman lässt sich so natürlich nicht zustande bringen: Hier haben alle Familien ein Ablaufdatum, sind "zum Untergang bestimmt, (…) waren lauter kleine Inseln im weiten Wasser".
Clarissa schwimmen die Felle davon, wie ihre Namensvetterin Clarisse in Musils "Mann ohne Eigenschaften" taumelt sie zwischen Normalität und Abgrund: "Ich war schon halbwegs flüssig." Regenwasser dringt in ihr Zimmer ein, sie sagt nichts. Es ist ein Panorama des Sich-Verlierens und Verschwindens, das Angelika Reitzer hier eröffnet. "How to Disappear Completely and Never Be Found" heißt der Film, den die Kinder von Freunden sehen. Clarissa kommt der Welt mehr und mehr abhanden, nicht nur das Wasser, auch die Erde lockt, die "unter uns" ist und mit der sie auf Augenhöhe wohnt.

Reitzer beschreibt das Bröckeln und Bröseln allenthalben, das Lose der durchaus freundlichen Beziehungen kühl und mit berückender Suggestivkraft. Natürlich: Es gibt auch glückliche und vitale Menschen in "unter uns", wie den Filmjournalisten Kevin ("Er kann sich aufsplitten und ist in allen Rollen ganz da"), der einen berühmten Regisseur (wohl Woody Allen) interviewt und die Schulfreundin Marie wiedertrifft, obwohl er mit Vera, ihrerseits Kleinverlegerin in großen Finanznöten, wie man so sagt, gut verheiratet ist.
Außerdem flirtet Kevin mit Clarissas älterer Schwester Selma, einer Schriftstellerin, die er für eine Drehbuchidee gewinnen will. Ungeahnte Berührungspunkte mit anderen Leben ergeben sich – so sitzen Selma und Vera im selben Lokal, denken an Kevin, bemerken die Müdigkeit der anderen, ohne einander zu (er)kennen.
Angelika Reitzers Figuren reden und rauchen und sagen und denken Kluges und Banales, ganz wie im wirklichen Leben: "Wie Tauben und Katholiken sollten sich die Menschen fürs Leben zusammentun. Lust und Obsession ist doch das beste von allem; die Zeit vergeht trotzdem." Über Clarissas Zwillingsbrüder heißt es: "Wie immer sind sie wie immer, das ist ihr ganzes Leben schon so."
"unter uns" ist durch und durch realistische Literatur, aber weder handfest noch einfach. Die Perspektiven und die Zeiten wechseln, das Personal ist unübersichtlich, der Plot tritt hinter dem Atmosphärischen, hinter der leuchtenden Klarheit der Details zurück. Immerhin ragen Globalisierungsdemonstrationen und Studentenproteste ins psychodynamische Geschehen. Die schlichte Beschreibung des Status quo gerät zur Gesellschaftskritik.

Großartig ist die sprachliche Präzision, ist der bald fließende, bald insistierende Rhythmus des Ganzen. Großartig sind jene Kapitel, in denen Clarissa in der ersten Person zu Wort kommt. An ihr zeigt Reitzer, wovor ihre anderen Figuren sich fürchten – dass die "Demonstration von Zukunft" eines Tages nicht mehr gelingt und wie das ist, wenn man das eigene Leben nur noch mitmacht, Schwäche mit Intensität verwechselt.
Dass es mit Clarissa kein gutes Ende nimmt, wird niemanden überraschen. "unter uns" ist nicht deprimierender, als gute Literatur sein muss, nicht tröstlicher, als gute Literatur sein darf. Ob es so kommen musste? Die Autorin legt sich nicht fest, sie lässt alles in der Schwebe. Das verstünde man auch ohne den Doppelpunktmanierismus, den Reitzer sich von Friederike Mayröcker abgeschaut hat.

Daniela Strigl in FALTER 39/2010 vom 01.10.2010 (S. 19)


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