Der Sohn des Knochenzählers

von Evelyn Grill

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Verlag: Residenz
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 136 Seiten
Erscheinungsdatum: 26.02.2013


Rezension aus FALTER 11/2013

Der Provinzfriedhof als Bühne

Evelyn Grill kehrt mit "Der Sohn des Knochenzählers" in die düstere Enge von Hallstatt zurück

Das Böse liegt Evelyn Grill. Und sie braucht nicht viel Raum, um es zu entfalten. Wahrscheinlich gedeiht es auch am besten in der Enge. Für ihren neuen, schmalen Roman "Der Sohn des Knochenzählers" verlässt sie sich deswegen auf einen Schauplatz, der sich bereits bewährt hat.
Auch ihre Erzählung "Wilma" (1994), die beklemmende Geschichte eines behinderten Mädchens, um das sich die verwitwete und kinderlose Agnes kümmert, spielt in Hallstatt. Evelyn Grill kennt diesen Ort wie ihre Westentasche, sie hat dort lange gelebt, bevor sie nach Deutschland ging.

Das Böse kommt von den Menschen, und dort, wo sie besonders eng beisammen hocken, gedeiht es bekanntlich am besten, wie in dem an den Berg geschmiegten, abgeschiedenen Ort, in dem sich die Sonne in der kalten Jahreszeit für vier Monate verabschiedet. Wir schreiben die 80er-Jahre, wo es zwar schon eine Straße zum Ort gibt und ein paar Touristen, aber noch nicht den heutigen Anschluss an die große, weite Welt via neue Medien oder dem originalgetreuen Nachbau in China.
Zu den Respektspersonen im Ort zählt ein Hofrat, Leiter des Archäologischen Instituts, der mit ehemaligen Arbeitern des Salzbergwerks nach keltischen Gräbern sucht. Er brachte in diese geschlossene Gesellschaft einst eine Fremde, eine schöne Frau aus Sizilien mit, deren begabter und geliebter Sohn auf den Namen Titus hört. Auch das Gesicht des Knaben war einmal hübsch anzusehen, bis zu dem Brandunfall, der es entstellte und die Persönlichkeit des Kindes veränderte.

Inzwischen 21 Jahre alt, konsumiert Titus entschieden zu viel Bier, hat nur einen einzigen Freund und tut sich schwer mit dem anderen Geschlecht. Das Verhältnis zum Vater scheint nie besonders entspannt gewesen zu sein, und als dieser eine neue Assistentin aus Wien in das Haus aufnimmt, wird es nicht besser.
Statt ein Studium zu wählen und aus dem Dorf wegzugehen, bewirbt Titus sich lieber als Totengräber, obwohl oder gerade weil es scheint, dass sein Vater ihn gerne los wäre. Titus aber bleibt und kocht, den Rest des Haushalts führt weiterhin Agnes – die hier einen "Gastauftritt" bekommt und den Verlust von Wilma auch nach 20 Jahren noch nicht überwunden hat. Titus' Mutter ist seit neun Monaten verschwunden. Das gibt Anlass zu vielerlei Mutmaßungen und macht die Spannung des Buches aus. Eines Tages taucht dann plötzlich ein Mann mit italienischem Namen auf. Er will auf dem Friedhof Theateraufführungen und Konzerte abhalten. "Der Friedhof als Bühne. Und du könntest mir dabei helfen", lädt er Titus ein.
Das Böse ist bei Evelyn Grill nicht klar – und schon gar nicht klar verteilt –, sondern düster und unheimlich. Das macht seine Faszination aus. Die kurze Form – der Roman, den man auch Erzählung nennen könnte, hat schmal gesetzte 132 Seiten – staucht es beinahe zu einem Grauen zusammen, über das am Schluss zwar zu denken übrig bleibt, für das es aber keine Erklärung zu geben scheint.

Auch Agnes und ihrer Freundin Ev gelingt es nicht, das Geschehene in Gesprächen zu verarbeiten. "Agnes versuchte sich in die Seele des unglücklichen Titus einzufühlen, während sich Ev eher mit der schönen, armen Benita beschäftigte. Beide kamen dabei auf keinen grünen Zweig", heißt es am Schluss lapidar, als das Geheimnis längst aufgeklärt ist und das Verhängnis seinen anscheinend vorbestimmten Lauf genommen hat.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 11/2013 vom 15.03.2013 (S. 12)


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